Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 42 (2.11.1906)
- Date
- 1906-11-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DieIZayr'Heit Nedaktiou 11. Sldmiiiistiation: Wien, II/, Nvvaragasse 27. AdonneiilentS- ». Jujertioiis. betrage sind iu Wie» zahlbar und klagbar. Inserate Die viermal gespaltene Nonpareille-Zeile 25 Heller. Telephon Air. der Druckerei 15302. Unabhängige Aeitschrift für Mische Interessen. Erscheint jeden Kreitag. Uotio: „Orrs 8ieset Oovtes ist Wahrheit!' Bezugspreis: Ganzjährig . . . Jt >». Halbjährig . . K. ü. Für Cultilsbeuinte: u «»„nzjährig . . st. io - l! __! Für Ausland: jj Ganzjährig . . . a Mark i| 6 Rubel oder lS Fcs. Ur. 42, Wien, 2. llimcmltcv 1906. InhaltReiseeindrücke. — Ungeteiltes Judentum. — Aus der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union." — Oberkantor Schönberger. — Das nationale Judentum.—Verschiedene Nachrichten. — Literatur. — Feuilleton: Aus dem russisch-iürklscheu Krieg <1877). — Das Wort. — Publikationen. Ueiseeindrucke. I Von S. Viueta. Um die Mitte des Monates Oktober hatte ich in Budapest zu tun. Ich war froh, Wien, dieser festen Bilrg des Antisemitismus, wenn auch nur während einer Woche entronnen zu fein, und schwelgte in dem Hochgefühl, nun eine von giftigen Miasmen! freie Luft atmen zu können, denn die wenigen Mikroben der! nur vereinzelt erscheinenden und milde verlaufenden Seuche in! Ungarn zählen nicht.! Ich beschloß einige Tage ausschließlich dem Amüsement! zu widmen. Mein Gott, man kann nicht immer über die S schrecklichen Ereignisse in Rußland hinwegbrüten und pessimistischen! Betrachtungen über den problematischen Wert der europäischen! Kultur nachhängen. j Der Gang der Geschichte ist nun einmal über Moses' Gesetz hinweggeschritten, das die Gers oder Fremden unter besonderen Schutz und Fürsorge stellte, dessen Motivierung uns die ganze Schönheit und allen Zauber der biblischen Diktion ahnen lassen müßte, wenn selbst diese Worte das Einzige bildeten, was aus dem Buch der Bücher auf uns gekommen wäre; „denn", so lautet diese Motivierung, „bedenket, ihr wäret selbst Fremdlinge in Egypten und Unterdrückte". Die Juden i sind wohl längst keine Fremdlinge in den Ländern, die sie j bewohnen, gleichwohl werden sie als Eindringlinge angesehen, > selbst in Rußland, wo die Juden gegen das herrschende slavol mongolische Volkskonglomerat gehalten, Autochtonen genannt j werden können, da sie viel früher ins Land gekommen sind, j Doch abgesehen von diesem Umstand, wenn man sie wenigstens! als Fremde behandelte, und läßt man schon die altbiblische, von! edelster Humanität getragene Vorschrift außer Acht, so dürfte sie j nicht Rußland offen und mit ihm die ganze sogenannte Kulturwelt j stillschweigend als völlig vogelfrei betrachten. Diese Gedanken! waren es, von denen ich in Budapest Ablenkung erhoffte, denn sie! verfolgen mich seit dem Jahre des Unheils 1905 unablässig. Dies Abgelmktseinwollen ist nichts anderes, als eine Reflexbewegung des geistigen Organismus, als ein Akt der Notwehr; wohin würde es führen, wenn man sich widerstandslos der dämonischen Gewalt unfruchtbaren Nachsinnens überließe? Monomanie, Melancholie wären die unausbleibliche Folge. Doch es gibt auch einen umgekehrten Peter Schlemil; während dieser verzweifelt seinen abhandengekommenen Schatten suchte, konnte ich auch in Budapest nicht meiner tristen Meditationen los werden. Denselben erwuchs gleich am ersten Abend neue Nahrung, als ich der von 7 bis 11 Uhr währenden Aufführung der „Tragödie des Menschen" von Mat ach im Nationaltheater beiwohnte. Diese erhabene ungarische Dichtung, in der tiefste philosophische Probleme mitverflochten sind, ist. trotzdem sie schon in Wien und Hamburg zur Aufführung gelangte, noch lange nicht nach Gebühr gewürdigt worden, denn sonst müßte man ihren Urheber neben Byron und Goethe mit Achtung nennen. In 12 Bildern, die verschiedenen Zeiten und Völkern angehören, wird ein Gradmesser an die jeweilige Zivilisation gelegt, an die Anfänge ägyptischer Kultur, jene Hellas' und Altroms, werden die Zeiten, da das Christentum sich zur herrschenden Mach: durchgerungen, da die französische Revolution sich abspielte, gegeneinander abgewogen, wird das Milieu der englisch bürgerlichen Freiheit untersucht, und was errechnet wird, ist immer eine konstante Größe, die tief unter Null steht. Das ist die Tragödie des Menschen, daß der Wert all dieser Kulturstufen ein verschwindend geringer ist. Madach würde gewiß — wäre er so unglücklich gewesen, ein Sohn unserer Zeit geboren zu sein — nicht unterlassen haben, diese durch Heranziehung der russischen Greuel in sein Stück zu charakterisieren; denn in der Gegenwart, die das flammende Kainszeichen des bestialischen Massenmordes aus der Stirne trägt, könnte selbst ein optimistischer Ullrich Hutten nicht jubeln: Es ist eine Lust zu leben! Am nächsten Tag ging ich ins Nationalmuseum, dort hoffte ich ein Gegengewicht der mich verfolgenden Emotionen zu finden. Anfangs gings auch ganz gut, denn alte Rüstungen, gold- und elfenbeingeschmückte Schwerter und andere Mordwerkzeuge alterierten mich nicht sonderlich, als mir aber das Trauerkostüm unserer verewigten Kaiserin Elisabeth ins Auge fiel, das sie um den Kronprinzen Rudolf angelegt hatte — ach unsere Seele hüllt sich jetzt um sie selbst in dunkle Trauer — als ich an die schreckliche Erscheinung, die sich Anarchismus nennt, die aber freilich eine natürlich unnatürliche Wirkung unserer sozialen Zustände ist, gemahnt wurde, da war es um meine Ruhe geschehen. Ich stürmte hinaus, hinaus in die Umgebung der Stadt, wo Wald und Flur ihr herbstlich buntes Prachtgewand angelegt hatten, wo aus dem majestätischen Strom Schiffe lautlos dahinglitten und in dessen Spiegel sich der wolkenlos blaue Himmel beschaute. Dort von einer Anhöhe betrachte ich die neuerbaute, nach der Kaiserin Elisabeth benannte monumentale Brücke, die mit ihren kolossalen Brückenköpfen an Wucht und Größe mit dem hart gegegenüberliegenden, steil wie eine Wand aufragenden Blocksberg rivalisiert, übersehe das in diesen Berg hinein, trotz seiner Steilheit, errichtete Denkmal des Bischofs Gerhard, der