Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 39 (5.10.1906)
- Date
- 1906-10-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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OeKerr-ungar. Lantorkn -Zcituny. Indern wir die geehrten Herren Kantoren zur Erneuerung des Abonnements rinladen, ersuchen wrr um Einsendung des Pränumerationsbetrages, sowie eventueller Rückstände. Gleichzeitig bitten wir die geehrten Kollegen, für unser Blatt in den Kreisen ihrer Gemeindemitglieder tätig zu sein und Abonnenten für dasselbe zu gewinnen. Die Redaktion. R Glia Milntt als fynagogttler Reformer. Unter den zahlreichen talmudischen Koryphäen, welche das; XVIII. Jahrhundert hervorgebracht, ragt besonders R. Elia! Wilna (geb. 1720, gest. 1797) hervor. Sein glanzvoller Name! wird noch heute in allen jüdischen Kreisen, von allen religiösen Parteien, mit Ausnahme der „Chassidim", mit Liebe und Ehrfurcht genannt. Verband er doch mit der umfassendsten biblisch-; talmudischen und profanwissenschaftlichen Gelehrsamkeit (er schrieb nebst zahlreichen jüdisch-wissenschaftlichen Werken auch ein Buch über Geometrie, Algebra und mathematische Astronomie) einen edlen Charakter, echie ungeheuchelte Frömmigkeit, eine seltene Bescheidenheit und Uneigennützigkeit, rücksichtslose Wahrheits¬ und Gerechtigkeitsliebe. Von all den kleinen Fehlern unb Mängeln, welche oft den größten rabbinischen Autoritäten und zumal den polnischen anhaften, war bei ihm nichts zu finden, wie er sich denn auch in der mehr wissenschaftlichen als pilpulistischen Art, das Talmudstudium zu betreiben, und in der Pflege der außertalmndischen Wissenschaften von den meisten seiner berühmten Zeitgenossen unterschied. Ein Rabbineramt hat er nie bekleidet, obgleich er, als die anerkannteste rabbinische Autorität, die größten Rabbinenstellen hätte erlangen können, weil er sich seine vollständige Unabhängigkeit wahren wollte; und in seiner Bescheidenheit veröffentlichte er von seinen vielen und wertvollen wissenschaftlichen Arbeiten (ich erinnere nur an seine text-kritischen Bemerkungen zum ganzen Talmud) keine einzige zu seinen Lebzeiten; diese wurden erst nach seinem Tode von seinen Schülern nach und nach durch den Druck verbreitet. Er ging überhaupt seine eigenen Wege, schaute weder nach rechts, noch nach links aus und unterhielt auch nicht, wie es damals unter den bedeutenden Rabbinen allgemein üblich war, einen regen schriftlichen Verkehr mit seinen hervorragenden rabbinischen Zeitgenossen. Dennoch wurde er allgemein der ..Wilnaer Gaon" genannt undals solcher schon den Kindern als leuchtendes Vorbild von Gelehrsamkeit, Frömmigkeit und Edelsinn hingestellt. Wie Elia Wilna bei seinen Studien ohne Scheu vor den vorherrschenden Meinungen und Anschauungen die ausgefahrenen Geleise verließ und von dem breitgetretenen Wege abwich, so auch bei der Uebnng mancher religiöser Handlungen und Gebräuche. Seine Schüler haben uns nicht bloß mit seinen von ihm selbst geschriebenen Werke durch deren Drucklegung bekannt gemacht, sondern auch mit vielen seiner mündlichen Aussprüche und seinem persönlichen Verhalten bei der Ausübung verschiedentlicher Gebete und Zeremonien. Sie selber verfaßten Schriften, in welchen sie uns vieles, was im Leben des großen Lehrers und Meisters von besonderem Interesse war, mitteilten. So erschien im Jahre 1832 ein Merkchen unter dem Titel m nwra, in dem unter vielem Anderen uns auch die liturgischen Bestimmungen, welche R. Elia Wilna für das von ihm besuchte Gotteshaus getroffen hat, mitgeteilt werden und die ich. weil sie auch jetzt noch des Interesses, ja der Aktualität nicht entbehren, wenigstens zum Teile hier mitteilen will. ' I. Der tägliche Gottesdienst. 1. Der öffentliche Gottesdienst am Morgen beginnt mit n&Ktf -jro (Boruch seheomar), weder vor noch nach dem Morgengebet ist außer dem täglichen Psalm nv -naia irgend ein Psalm oder Bibelvers zu rezitieren. 2. Das Lied vom Roten Meere schließt mit -m -an (Uschemaii echod). 3 Beim Rezitieren des posr (Schema) ergreift man die vorderen zwei Schaufäden, küßt sie aber nicht. 4. Bei der Wiederholung des Achtzehngebetes durch den Vorbeter genügt es, nach einem jeden Segensspruch mit Amen einzusallen. Das Boruch hu nhornch 8cheman zu sagen, sei nicht nötig. 5. Bei der Xcdrwcha soll der Borbeter die einleitenden Sätze Nekadesch un d Naarizoch mit) Die mir für i h u bestimmten Z w i s ch e n s ä tz e g a n z a l l e i n sprechen. 6. Beim Tackmm har der einleitende Vers Wh-jomer Dovid zu entfallen und auch das Schomer jisroel soll nur an Fasttagen gebetet werden. 7. Nach Oleira folgt ein Kadisch für Leidtragende und hiemit schließt der Gottesdienst jedesmal gänzlich ab. 8. Beim Ilaarib- Gebet kann das Geber zbrjb *n -p-a entfallen. R. Elia selber Hat es nie rezitiert. II. 2 a b b a t H und F e st r a g e. 1. Freitag Abend ist das Magen Aboth ausschließlich vom Vorbeter zu rezitieren. 2. Piutim und Selichoth sind nie dem Gebete einzuschalten, selbst an den vier Sabbathen sollen diese erst nach Schluß des Morgengottesdienstes gesagt werden. 3. Zur Thora sollen nicht mehr als die vorgeschriebene Zahl von Personen gerufen werden. Bei Beendigung der Abschnitte braucht man sich nicht nach den in den gewöhnlichen Bibeln angegebenen Endpunkten zu richten, sondern hat vielmehr da zu schließen, wo es dem Inhalte nach am angemessensten ist. 4. Der Rezitation der Haftorah hört die Gemeinde sch w eigen d zu. 5. Die Piutim an den Festabenden fallen gänzlich weg. 6. Am siebenten und achten Peßachtage ist der Gesang vom Roten Meere vom Vorbeter und der Gemeinde versweise melodisch abzusingen. 7. Die Iloschanoth nach dem Musfafgebete sind vom Vorbeter und Gemeinde im Wechselgesang anzustimmen, während des Umganges mit den Lulab. 8. Am Schluß- und Gesetzesfreudenfeste wird das ganze Hallel versweife von Vorbeter und Gemeinde melodisch ab g es un g en. III. Neujahrsfest und V e r s ö h nn n g s i a g. 1. An den Bußtagen vor dem Neujahr- und Versöhnungstage ist das Sündenbekenntnis Oschamnu nicht drei-, sondern nur einmal zu sagen. 2. Das Achtzehngebet ist auch amNeujahr- und Versöhnungstage, wie an allen anderen Tagen, nicht laut, s o n d e r n n u r l e i f e z n b e t e n. 3. Bei der Wiederholung des Gebetes durch den Vorbeter an den zehn Bußtagen füllt die Gemeinde nicht ein. um die an diesen Tagen eingeschalteten Stellen zu rezitieren, diese sollen nur vom Vorbeter allein gesprochen werden. 4. Piutim werden zwar am Neujahrs- und Versöhnungstage eingeschaltet, keinesfalls aber die Pintim der Xedu8cha. ö. Vor dem Schofarblasen ist kein Psalm zu sagen und die in den Machsorim nach jeder Tekiothgruppe stehenden Jehi rozon sollen nicht gesprochen werden. (Geschieht auch jetzt noch selbst in Orgeltempeln mit konfessionell und geschlechtlich gemischtem Chor.) 6. Der Gottesdienst am Neujahrstage ist jedenfalls vor der Mittagsstunde zu beenden. 7. R. Elia hat das Tasehlich am Neujahrstage nie verrichtet. 8. Bei Wiederholung des Oschamnu und Ai-chet am Bersöhnungstage durch den Vorbeter verhält sich die Gemeinde schweigend. Hätten seinerzeit diese Bestimmungen des Wilnaer Gaon allenthalben Eingang in die jüdischen Gotteshäuser gefunden, so hätte sich die Notwendigkeit zu weitgehenden Reformen nicht herausgestellt. Es hätte sich aus seinen Anordnungen der Gemeindegesang entwickelt und es würde iu den Synagogen vielmehr Andacht, Ruhe und Ordnung herrschen und auch der Gottesdienst nicht so lange dauern, wie es jetzt in den Orgeltempeln mit gemischtem Chor und abwechselnden männlichen und weiblichen Sologesängen der Fall ist, gar nicht zu reden von den Synagogen, wo alles beim Alten geblieben ist. Prag-Weinberge. Stark.