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Die Wahrheit · 1906-08-17 · Heft 32 (17.8.1906) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 32 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 32. Die Wahrheit Sette 9. enthüllt und so immer wieder die furchtbarste Frage stellt, auf die es keine Antwort gibt — das ist qualvoll! Es ist semitisch, in des Wortes gefährlichstem Sinn. Ja, es ist eine Gefahr, eine Gefahr für Alle, diese zersetzende, zerstörende Schärfe des Verstandes, die nur niederzureißen, nie aufzubauen vermag, dieses quälerische Grübeln, das immer ins Tiefinnerste dringen und immer die unbedingte Wahrheit haben möchte mit all' ihrer Härte und Grausamkeit, das unsere Ideale nimmt und uns stets heißt, nach innen und in die Tiefe, niemals aber nach oben zu blicken. Und diese neuen Priester nennen das „ein kräftiges, wenngleich schmerzendes Heilmittel" (das sind Wassermanns eigene Worte). Das ist aber nicht wahr! Das ist nicht gesund! Es ist eine Perversität, eine Krankheit: sie wollen sich selbst damit quälen und martern und trostlos auf sich selbst gestellt fühlen — vielleicht, um sich aus kurze Zeit im Rausch ihres erträumten Uebermenschentums sonnen zu können. Ein Rausch', dem ganz unheimlich schnell der Rückschlag folgt. Wassermann ist mein Feind. Ich hasse ihn. Es ist dies vielleicht der Haß, den ich jeder Notwendigkeit, der Notwendigkeit gegenüber empfinde. Ein vielleicht ohnmächtiger Haß, aber ein tiefgründiger, innerster. Und ich hoffe, daß diese ganze Richtung nicht siegen wird, daß sie Dichtern wird weichen müssen, die an Ideale glauben! Gewiß: wir sind der rohen Kraft jener gegenüber wehrlos. Aber wir wollen ja gar nicht den Kampf mit ihnen aufnehmen, und ser's auch nur zu kräftiger Abwehr. Wir werden weiter still unseres Weges gehen .... unbeirrt .... und wenn sie in billigem Spotte die Lippen kräuseln, so werden wir zur Entgegnung nur mild lächeln, unser stilles, ftemdes Träumerlächeln. Auf den ersten Blick scheint es, als hätte ich bei „Alexander in Babylon" keinen Grund zu diesen Bemerkungen; denn im Gegensatz zu den „Juden von Zirndorf" ist darin von des Dichters so moderner Weltanschauung wenig ausgesprochen, wie das ja bei einem historischen Roman sich von selbst versteht. Ich sagte: „es scheint" und: „es ist wenig ausgesprochen". Allerdings. Aber die ganze Dichtung schildert ja nur einen großen Niedergang, ein krampfiges Sterben. Es soll dies gewiß kein Tadel sein. Denn der Dichter hat in der glutvollen Darstellung dieses Taumeltanzes von Todgeweihten aufs neue bewiesen, daß er eben — ein Dichter ist. Aber ich stelle mich damit vollkommen bewußt in Gegensatz zum Dogma so mancher anderer — ich meine: es kommt nicht so sehr darauf an, wie etwas geschildert wird, sondern darauf, was man darstellt. Für die Wertung nach dem rein Künstlerischen hin mag vielleicht das erste seine Richtigkeit haben; bei der Beurteilung des Dichters ist nur das zweite ins Auge zu fassen. Und darum: Wassermann ist ein großer Künstler. Und ein meisterhafter Erzähler. Und — es drängt sich mir der alte Vergleich auf — ein Maler; ein moderner, farbenfroher, höchst impressionistischer Maler. Doch ich trug auch kein Bedenken, ihn einen Dichter zu nennen. Aber diesen stolzesten Namen geb' ich ihm nicht der rauschenden Sinfonien der Leidenschaft wegen, die sein Werk erfüllen, nicht der geheimnisvoll furchtbaren Liblitu wegen; nicht, weil ich an Stateira und an die Gattin des Titelhelden denke, oder an Hephästion. dessen Tod das Ende des Uebermenjchrausches für Alexander bedeutet. Auch nicht an dem großen Menschen Alexander selbst, so gewaltig er auch sein mag. wenn er sich titanisch aufbäumt gegen Unabänderliche, so menschlich-rührend es auch sein mag, wenn er, der Mann, in der Stunde seiner hilflosesten Schwäche zum Weibe flüchtet und es — um mit dem tiefen Bibelwort zu sprechen — erkennt (und doch —: auch das hätt' ich anders gemacht) — auch nicht an Alexander ist Wassermann zum Dichter geworden. Aber in der Gestalt des Arrhidäos, da ist er zu den Höhen der echten Dichtung emporgestiegen. In dieser schweren, tiefen Natur eines Dichters, der aus seinem Traumleben jäh in die Wirklichkeit gerissen wurde durch das Beispiel Alexanders, der ihm nun nachstrebt und doch so gar nicht in diese harte, fürchterlich greifbare Welt gehört, der so nun wie ein Zerrbild des großen Bruders erscheint und der nur in Weihestunden, weltflüchtig und allvergessen, das alte Glück flndet, das Dichterglück des Schaffenden: in seiner Flöte .... Und ein Dichter, der diesen Arrhidäos schuf, verdient mehr als daß, nennt man die besten Namen, auch der seine genannt wird. ]?fl. Krcekstor. (Alle Rechte Vorbehalten.) Eine Erzählung frei nach dem Talmud von Hanna Grube. (Fortsetzung.) ..Ich eile schnell voraus," sagte er geschäftig. „Sarah könnte sonst in Verlegenheit kommen durch so vornehmen Besuch." „Nichts da!" fiel Schlome ihm ins Wort. „Ich will die Kalle sehen wie sie ist, nicht wie sie mir scheinen soll." So machten sie sich auf den Weg. Manasse hatte sich an die Wahrheit gehalten, nur zu wenig hatte er von Leas Liebreiz gesagt! Süßere Mädchenblüte haben niemals eines Mannes Augen geschaut, als Schlome in dieser Stunde zu bewundern bekam! Wie eine Ekstase erfaßte es ihn, ein Taumel, ein Rausch! Und die Stimme in seinem Innern, auf die er immer gewartet hatte, die flüsterte ihm nun jubelnd zu: „Die Richtige, Schlome, die Richtige!" Und nie noch ist in dem armseligen Judenviertel der weltentlegenen Stadt also um die reichste Braut geworben worden, wie um das schüchterne Kind, welches das Gnadenbrod an des mitleidigen Aarons Tische aß, der nicht viel mehr als ein Bettler. Wie um ein verzaubertes Märchenprinzeßlein, wie um ein Traumweib. Das vermehrte nicht die Achtung der Menschen für Schlome. Die taten enttäuscht, als Hütten sie ihm mehr Verstand zugemutet und schüttelten mißbilligend die Köpfe und zuckten verächtlich die Achseln. Glückliche kümmern sich nicht um die Meinung der Leute! Schlome vergaß die ganze Menschheit und dachte nur an! Lea und an seine Liebe und an seines Traumes Erfüllung. Was! es an Abmachungen und Vorbereitungen zu treffen gab, über- I ließ er Aaron. Der schmunzelte! Jetzt hatte der goldene Zeiten! Aaron war nicht verliebt, ein armer Teufel war er, dem das Leben schon oft bös mitgespielt hatte. Der wußte aus Erfahrung, daß einer schneiden muß. wenn Schnillzeil. Es schmunzelte aber auch Schlome, wenn der biedere Oheim meinte, den zukünftigen Neffen in aller Gemütlichkeit, ohne daß er es bemerkte, über das Ohr gehauen zu haben. Bei Schlome war es unmöglich, den traditionellen Streik vor der Hochzeit herbeizuführen. Nach dem Kuaßmahl, als der Vorbeter der versammelten Familie die Tnojim vorgelesen und die ausgelassenen Gäste Teller und Schüsseln zerschlagen hatten, trat Schlome zu Lea und legte ihr eine altertümliche Goldkette um den Hals. „Daß meine Mutter noch lebte!" sagte er, „Dich jetzt bewillkommend zu beschenken! So erlaube mir, Dich zu schmücken, mit was meiner Mutter Schmuck einst gewesen! An hohen Feiertagen trug sie diese Kette, wenn sie in den Tempel ging. Bewundernd drängten wir Kinder uns um sie! Für mich hat es nichts Schöneres auf der Welt gegeben, als meine Mutter! Lea! Ich habe meine Mutter so geliebt, daß für alles, was meinen Augen gefällig und wohltuend meinem Herzen, ich kein süßeres Wort je gefunden habe, als — Mutter! Für Dich, Lea: Mutter!" Kurz nur hatte Schlome gestattet, die Brautzeit zu bemessen. Nur gerade so lang, daß das Haus ein wenig herausgeputzt werde, zum Empfang der neuen Herrin. Schlome, alle Räume durchstöbernd, hatte in der Bodenkammer die Wiege entdeckt, in der er und seine Geschwister einst geruht hatten. Die ließ er neu Herrichten und stellte sie neben Leas Bett. Wie im Hellen Sonnenschein der Mutter Namenszug am Kopfende ihm entgegenglänzte, meinte er seiner Mutter gütige Augen blickten ihn freundlich an. Ehrfurchtsvoll küßte der Sohn die verschlungenen Buchstaben. In die hochgetürmten Polster aber von Leas Bett begrub er in leidenschaftlicher Aufregung sein Gesicht. Immer von der Mutter zur Mutter schreitet der Mann. Als Schlome am Samstag vor der Hochzeitswoche in die Synagoge trat, grüßten ihn die Männer freundlicher noch als sonst. Nicht weil er ein angesehener Mann: weil er ein Mann, der nun eine Familie gründet. Solcher vermehrt des Stammes Macht, der ist aller Ehren wert und alle Ehren erweisen dem die Stammesgenoffen. Ein Ehrenplatz an der Oftfette wird ihm zugewiesen und heut muß er den Thoraabschnitt vorlesen! Unter Gastmählern und Belustigungen, bei Musik und Tanz und vielen, vielen Almosen, auf daß auch der Aermste lächle, wenn der Reichen einer sich freut, verfloß die Zeit bis zum Trauungstag. Das ist ein strenger Fasttag für fromme Juden, ernst und feierlich bis zum Sonnenuntergang, als ob da alle Seufzer zu neuem Leben erwachten, die dieses Volk geseufzt hat im Laufe der Jahrhunderte und all die Tränenbäche neu zu fließen begännen, die dieses Volk geweint, in der Zeiten Schmerz und Jammer. Weinend lauscht die junge Braut, umgeben von schluchzenden Weibern, den Gram, die das Badchen in wehmütigem Tonfall ihr vorträgt, bis der Bräutigam, von den Freunden geleitet, erscheint, ihr das Haupt mit dem Thoravorhang zu bedecken, den der geschäftige Schammes ihm reicht. Mit Rosen und Hopsen überschütten ihn dabei die Frauen. Dann übergibt das Badchen ihm die Geschenke der Braut, den Gebetmantel und das Sterbehemd. In dieses Sterbehemd gehüllt, tritt der Verlobte unter das Trauungszelt im Tempelhof und wartet bis, bei Kerzenschein, die Verwandten ihm die Braut zuführen, daß er mit ihr den gesegneten Wein trinke und ihr den Ehering an den Zeigefinger der rechten Hand stecke. (Fortsetzung folgt.)

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