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Die Wahrheit · 1906-08-17 · Heft 32 (17.8.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 32 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8. Die Wahrheit Nr. 32. das Militär gleichgiltig. Das sollte vielmehr eine gerechte Rache dafür sein, daß zufällig einmal ein einzelner Kosak feine Niedertracht mit dem Leben gebüßt hatte. Es steht fest, daß der Kosak Wassili Schurawlew in ein Handgemenge geriet, als er. mit dem Rufe: „Nieder mit den Juden!" durch die dichtbesetzten Straßen ritt. Nicht erwiesen ist, daß Juden es waren, die ihn erschlugen. Wenn diesmal das weitere Umsichgreifen des Pogroms verhindert wurde, so ist das wohl zumeist dem einsichtigen, entschlossenen Eingreifen des Stadtgouverneurs Generalmajor Grigorjew zuzuschreiben, der nicht müde wurde, in den bedrohtesten Stadtteilen persönlich zu beruhigen. Das Auftreten des Oberbefehlshabers Baron Kaulbars, der an die in. das jüdische Krankenhaus geflüchteten eine Beschwichtigungsanrede hielt, hätte kaum Eindruck gemacht, auch die Versicherungen des zeitweiligen Generalgouverneurs, Generalmajors Karangosow, hätten kaum irgendwo Glauben gefunden. Richtig ist, daß, solange es diese obersten Spitzen nicht wünschen, ein Pogrom nicht in die Erscheinung treten wird. Paris. Divisions-General Naquet-Laroque, ständiger Inspektor der Kösten-Artillerie, ist zum Präsidenten des technischen Komitees der Artillerie ernannt worden. Es geschieht zum ersten Male, daß ein Jude zu dieser hohen Charge befördert wird. Mailand. Bekanntlich blüht in den letzten Jahren in England, der Schweiz. Oesterreich, Deutschland, Frankreich und Italien das sogenannte Kinder-Wanderungs-System. Für die italienische Jugend wirkte aus diesem Gebiete ichr erfolgreich das Fräulein Laura Garsin in Mailand. Jetzt bemüht sich Fränlern Garsin, wie „II Oorriers Israelitico" berichtet, einen speziell jüdischen Verein zu gründen, dessen Zweck es sein soll, minderbemittelten jüdischen Kindern das Erlernen fremder Sprachen und die Erlangung einer allgemeinen Bildung zu erleichtern. Die Gesellschaft wird für die Unterbringung jüdischer Kinder Italiens bei achtbaren Familien des Auslandes und ausländischer jüdischer Kinder bei besseren Familien Italiens sorgen. Das vermittelnde Element sollen die in- und ausländischen zionistischen Komitees bilden. In dem zur Bekanntgabe ihres Planes veröffentlichten Zirkular spricht Fräulein Garsin die Hoffnung aus, dem zu gründenden Vereine werde es umso leichter sein, seine Aufgabe zu erfüllen, als doch diese „Wanderung" im Schoße derselben Nation stattfinden solle. Nom Kaiser Wilhelm II. hat dem Minister des Schatzes, Luigi Luzzatti, das Großkreuz des Rothen Adler-Ordens verliehen. — Unser Glaubensgenosse Rava, der bereits als Ministerial-Direktor das Dezernat über das gesamte Volksschulwesen inne hatte, ist zum Unterrichtsminister ernannt worden. London. Das englische Schulgesetz, das die interkonfessionelle Schule in England einführt und an öffentlichen Schulen den konfessionellen Religionsunterricht ausschließt, hat nunmehr in dritter Lesung das Unterhaus passiert und dürfte im Herbst im Hause der Lords zur Beratung gelangen. Das Gesetz hat im Unterhaus mehrere Veränderungen erfahren, die für die jüdischen Schulen teils günstig, teils nachteilig sind. Die Klausel, die eine Erweiterung des Religionsunterrichtes in den öffentlichen Schulen über das als Norm festgesetzte Maß von der Zustimmung der lokalen Schulbehörde abhängig machte, ist dank der Bemühungen der englischen Juden wenigstens dahin abgeändert worden, daß sie bei negativer Entscheidung dieser Behörde einen Rekurs an das Unterrichtsministerium Vorsicht. Auf der anderen Seite wurden Bestimmungen in das Gesetz ausgenommen, die eine materielle Benachteiligung der von dieser Klause! Gebrauch machenden Schulen ermöglichen. Man darf jedoch erwarten, daß das Oberhaus an die jetzige Gestalt des Gesetzes noch verschiedentlich die bessernde Hand anlegen wird. London. (Ein christlich-zionistischer Verern). Hier besteht unter dem Namen „Gesellschaft zur Unterstützung der verfolgten Juden" ein Verein, dessen Zweck es ist, die Juden nach Palästina zurückzubringen. An der Spitze des Vereines, dessen Mitglieder ausnahmslos Christen sind, steht Lord Amhorst. Vorige Woche hielt dieser Verein eine Versammlung, in welcher Reverend Gripin das Referat hielt über: „Die neuen Judenaustreibungen aus Rußland." Die Rede schloß mit einem Appell an die Vereinsleitung, zugunsten der Juden Schritte zu unternehmen. Petersburg. „Dwadzaty Wjek" weidet aus O d e s s a, daß in der letzten Konferenz der Stadtärzte sich herausstellte, daß das Stadthaupt von der Administration die geheime Anweisung erhalten hat, als Stadtärzte keine Juden mehr anzustellen. Ueberhaupt dürfe kein Jude m e!h r im Dienste der Stadt an ge stellt werden. Stadthaupt Protopopow und die Mitglieder des Stadtamtes erfüllen diese Aufforderung, diewahrscheinlich aus Petersburg ausgegangen ist. Die Äerzte können; diesen Fall in Odessa nicht an die Oeffentlichkeit bringen, da die dortige , Presse ihre Enthüllungen nicht zu bringen wagt. Petersburg. Ein jüdisches G y m n st s i u m beabsichtigen die Herren Eisenbet und Kohn hier zu gründen. Wie dem „Weg" berichtet wird, ist die Genehmigung im Ministerium bereits im Prinzip beschlossen, das Gymnasium würde schon deshalb prosperieren, weil die prozentuale Begrenzung für die jüdischen Schüler in allen Mittelschulen noch inder alten Weise besteht. . - Petersburg. Der Verband zur Erlangung der „Gleichberechtigung für die Juden Rußlands" ist behördlich bestätigt und legalisiert worden. Riga. Während des Gottesdien st es am .letzten Samstag wurde die große Synagoge von Polizei und Militär zerniert. Fünfzehn Personen wurden verhaftet. Verdächtiges wurde nicht vorgefunden. Moskau. Der in Terioki ermordete ehemalige Duma- Abgeordnete Michail I. H e r z e n st e i n, Professor der National- Oekonomie an der hiesigen Universität, hatte sich in die Liste der Duma-Mitglieder als „Jude christlicher Konfession" eingezeichnet, um damit zu bekunden, daß er zwar aus äußeren Gründen zum Christentum übergetreten sei, sich aber trotzdem als Jude fühle)- Er ist denn auch von der gesamten Reaktion als „Hebräer" betrachtet und beschimpft worden. Von "dem Erzbischof Jacob, der von der Kanzel der Kathedrale zu Rybinsk herab gegen das „unheilig gewordene Moskau" donnerte, das den „Juden" Herzenstein in die Reichsduma entsendete, bis herab zu der „Nowoje Wremja", der - . Rossija" und anderen aus dem Geheimfond der Polizei gespeisten Blättern wurde wieder und wieder auf Herzenstein und Winawer als auf die „jüdischen" Feinde des russischen Volkes hingewiesen, die die ganze Duma „verjudet" hätten. In einer jener Pamphlete, die in der. vom Fürsten Urussow anläßlich der Duma-Debatten über die Bialystoker Schlächterei gekennzeichneten Druckerei erschienen, wurde das russische Volk direkt aufgefordert, den „Juden" Herzenstein zu töten. Zweifellos ist er als Jude gewählt worden. Bekanntlich erfolgte seine Wahl auf Empfehlung des Fürsten Dolgorucki, der zu Gunsten Herzensteiu's auf seine eigene Kandidatur verzichtet hatte und dies mit folgenden Worten begründete: Man hat mich zum Duma-Kandidaten nominiert, um mich so für die mir vom Adel und Beamtenschaft zugefügten Leiden zu entschädigen. Nun, diese Verfolgungen haben nur dazu beigetragen, meinen Namen einer weiteren Oeffentlichkeit bekannt zu machen. Hier aber ist ein Mann, dem nicht Verfolgungen allein einen Weltruf verschafft haben, und was die Leiden anbelangt, so hatte er unendlich mehr zu erdulden, als ich. Er entstammt einem Volke, das von allen Seilen bitter verfolgt wird. Der Jude hat nicht nur den Druck von Oben, sondern auch den von Unten zu ertragen; er wird nicht nur von den Beamten, er wird vielfach auch vom Volke bedrückt. .Wir Russen können uns von den Leiden des jüdischen Volkes kaum eine blasse.Vorstellung machen. Nein, entsenden Sie lieber Herzenstein statt meiner in die Duma! Er ist da wichtiger und unentbehrlicher als ich!" Netv-Dork Maxim Gorki hat vor kurzem in der New-Iorker Presse einen Artikel über die Lage der Juden im New-Iorker Ghetto veröffentlicht, in welchem er in grellen Farben die dort herrschende Not schilderte. Er erzählte, wie die Kinder im Kehricht und in der Gasse nach Brotrinden suchen und um dieselben wie hungrige Tiere mit einander kämpfen. Dieser Darstellung wird jetzt von jüdischer Seite entschiedener Widerspruch entgegengesetzt. „Gewiß", heißt es in einem von Herrn Julius Harburger veröffentlichten Artikel, „gib.t es vielfach bittere Not unter den Juden in New-Iork, und wahrscheinlich ist es auch schon mehr als einmal vorgekommen, daß Personen, die aus irgend einem Grunde nicht von den jüdischen Hilfsvereinigungen erreicht wurden, in der Verzweiflung zu solcher Nahrung gegriffen haben. Wenn aber Gorki glauben mache, daß solche Fälle etwas Alltägliches und überhaupt mehr als eine seltene Ausnahme seien, so müsse er aus seiner 45 jährigen Erfahrung als auf der Ostseite New-Iorks lebender Jude eine solche Schilderung als die Ausgeburt einer allzu lebhaften Phantasie bezeichnen." Literatur. (Nachdruck verboten.) Alexander in Babylon. Roman von Jakob Wassermann. Berlin, S. Fischer. — Es ist mir schwer geworden, über dieses Buch zu schreiben; eine zeitlang schien es mir ganz unmöglich. Nicht etwa aus Interesselosigkeit, oder weil mich der Roman kalt gelassen hätte. Denn wir haben ja leider von unserer Naivität und Ursprünglichkeit schon soviel verloren, daß wir selbst.über ganz nichtssagende Dinge anscheinend mit Interesse zu sprechen vermögen. Hier'geht es tiefer. Wassermanns. Art ist zu hart für mich, zu unbarmherzig, zu mitleidslos, zu — zu überzeugend. Ein Büch von ihm bereitet mir fast körperlichen Schmerz. Wenn er mit scharfem, Messer an ckäüm vernarbte Wpnden rührt, daß sie aufbrechen und neu zu blutew beginnen, wenn er die Altäre zertrümmert, vor denen ich eben noch gekniet in ällvergessener Verehrung, wenn er hehre Götter in den Staub stürzt, wenn er dann dem Irrgewordenen Auge die große Leere

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