Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 28 (20.7.1906)
- Date
- 1906-07-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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»esterr.-MMr. Kantoren -Zeitung ♦ Zur Norstandswalsl im österr.-ungar. Kantoren-Uereiu. Die nach dem Wahlergebnisse vom 26. Juni jüngst erfolgte Konstituierung des Vorstandes hat einige Veränderungen gegen das ursprüngliche Wahlresultat ergeben. Herr Oberkantor Bela Gutmann, der bekanntlich als II. Präses-Stellvertreter gewählt wurde, hat auf dieses Ehrenamt zugunsten des älteren .Kollegen, Herrn I. Kantor I. Schiller, verzichtet und ein Mandat als Vorstandsmitglied angenommen. Weiters wurde infolge Resignation des Herrn I. Roth wein, Herr Kantor Eduard Regner als Vorstandsmitglied und Herr I. Kantor I. Schleifer als Kontrollor kooptiert: Der gegenwärtige Vorstand ist nunmehr in folgender .Weise zusammengesetzt: Präses: Josef Singer I. Präs.-Stellv.: Jakob Bauer II. Präs.-Stellv.: Jsak Schiller Kassier: Salom. Jurberger Vorsteher: Bela Gutmann Sim. Dünmann Isidor Löwit Alois Kulka " Jos. Schlesinger M. S ch o r r Jul. Smotritzky Eduard Regner- Kontrollor: Phil. Baßl Jacob Schleifer. Für die nächste Zeit sind überaus wichtige und für den . Kantorenstand bedeutungsvolle Aktionen in Aussicht genommen und nach der nunmehr erfolgten Konstituierung kann der Vorstand mit frischer Kraft an die Arbeit zum Wohle der gesamten . Kollegenschaft schreiten. Beethoven und die russisch-jüdische Volksmusik. Es gibt leider auch heute noch, so schreibt James Rothstein-Berlin in der „Allg. Ztg. d. I.", Leute, die der kulturellen Seite der Kunst nicht den Grad von Bedeutung beilegen, die ihr gebührt. Und so ist es immer wieder lehrreich und interessant, an Beispielen, die dem Volksleben entnommen sind, festzustellen, in wie hohem Grade Kunstwerke von bleibendem Werte geeignet sind, die Kultur, d. h. das ethische Empfinden eines Volkes, ja großer Völkerschaften, zu heben und zu vertiefen. Speziell in der Tonkunst finden wir oft Erzeugnisse unserer Meister, die längst in den geistigen Besitz des Volkes übergegangen sind und vermöge ihrer Gefühlstiefe auf das Empfinden desselben in höherem, sittlichen Sinne eingewirkt haben; sei es, daß sich das Volk die betreffende Komposition in seiner Originalgestalt zu eigen macht (als Beispiel diene Schuberts Lied: „Der Lindenbaum") oder daß es . sich irgend ein Lied nach seinem Empfinden ummodelt. So ist z. B. ans dem Lied Papagenos (aus Mozarts „Zauberflöte"): „Ein Mädchen oder Weibchen wünscht Papageno sich", das textlich viel gehaltvollere Volkslied: „IW immer Treu und Redlichkeit" entstanden. Und so wird es nicht weiter wundernehmen, daß auch Melodien unseres weltumfassenden Beethoven, den wir ja wohl mit Recht einen „Kosmopoliten der Tonkunst" nennen können, selbst, in entfernteren und der Kultur weniger zugänglichen Ländern Wurzel geschlagen haben. So kann man oft in jüdischrussischen Kreisen Volslieder singen hören, deren Ursprung auf Irgend eine Beethovenffche Melodie zurückzuführen ist. Freilich — im ersten Moment ist es nicht leicht, die eigentliche Melodie zu erkennen: Tempo und Rhythmus sind oft arg entstellt; aus einem lebhaften, ja lustigen Motiv ist mitunter ein elegischer, schmerzvoller Gesang geworden, mit einem Text, der ganz das Empfinden dieser bedrückten und entrechteten Volksmasse atmet. In der Gegend von Russisch-Litauen habe ich oft von jüdischen Kindern eine rührend schlichte Melodie gehört auf einen Text, der die Sehnsucht nach Freiheit in ergreifende Worte kleidet. (Und zwar noch lange vor der revolutionären Bewegung, die jetzt alle Gemüter bewegt.) Das Lied betitelt sich: ..Die rote Fahne." Mir kam die Melodie sehr bekannt vor, aber erst nach geraumer Zeit wurde mir klar, daß sie Note für Note mit dem achtaktigen Thema des letzten Satzes der Beethovenffchen „Sonate pathetique- (G-moll, op. 18) übereinstimmte. Aus dem Allegro war natürlich — dem schwermütigen, elegischen Text entsprechend — ein Adagio geworden. Auch die jüdisch-russischen Chasonim flechten gern in ihre synagogalen Weisen Melodien unserer Meister ein, manchmal unbewußt, öfter jedoch mit vollem Bewußtsein. So hörte ich in einem kleinen russischen Städtchen in Gemeinschaft mit dem Chor am Versöhnungstage ein Gebet auf eine andere Beethovenff'che Melodie (Sonate Apassionata, op. 57, Schluß des letzten Satzes) singen. Freilich auch iu ganz langsamem Tempo. Und so gibt es eine ganze Reihe von Beethoven'schen Melodien, die in den musikalischen Schatz des russisch-jüdischen Volkes ausgenommen wurden und dort treu gehütet werden. In diesen Gegenden, die von der Kultur noch weit entfernt sind und in denen ein ganzes Volk — bedrückt und geknechtet — dahin schmachtet, wirken solche Weifen oft wie ein Lichtstrahl aus besseren Welten, und die Sehnsucht nach höheren Idealen, nach sittlicheren Lebensäußerungen wird in den Herzen dieser Elenden wachgerufen. Das ist die Mission, die die wahrhaft große Kunst vollbringt: daß sie die Herzen weitet und empfänglich macht für alles Gute, Schöne und Edle. Aber nicht nur das — sie ist auch ein Bindeglied zwischen den verschiedenen Völkern, und auch hierin liegt ihre kulturelle Bedeutung. Verschiedene Nachrichten. Gewitsch. Unser Oberkantor, Herr Armin W i l k o w i t s ch, der sich hier allgemeiner Beliebtheit erfreute, ist als Oberkantor und Religionslehrer nach Eger berufen worden und wird am 1. September seine neue Stellung antreten. Mähr -Ostrau. Sonntag, den 6. Juli, fand im hiesigen Tempel die Trauung des Frl. Lilly Schwarz, Tochter des Herrn Lyzealdirektors Alois Schwarz, mit Herrn Dr. Rudolf P r e ß b u r g e r in Wittkowitz statt. Am selben Tage feierten die Eltern der Braut das Fest der silbernen Hochzeit. Szenicz. Freitag, den 13. d. M., vormittags 11 Uhr. wurde hier Frau Leopold Kohn beerdigt. Das Leichenbegängnis war eine imposante Ehrenkundgebung für die Verblichene, denn es beteiligten sich an derselben alle Einwohner der Stadt ohne Unterschied des Ranges und Standes. Frau Kohn zeichnete sich durch edle und erhabene Charaktereigenschaften aus. Herr Bezirksrabbiner M a r m o r st e i n schilderte mit beredten Worten den schweren Verlust und rühmte die Tugenden der Verblichenen. Neupest. Für die hiesige Kultusgemeinde wurde Herr Oberkantor Friedrich, früher in Esiegg und Bukarest, einstimmig als Oberkantor gewählt. Herr Friedrich hatte mit seinem Vortrage allgemein Beifall gefunden. Budapest. Die verwitwete Frau Sigmund G o m p e r z geborene Rosa Gomperz hat aus Pietät für das Andenken ihrer Tochter, weiland Frau Dr. David Kaufmann und ihres Schwiegersohnes, weiland Doktor David Kaufmann, bei dem ungarischen israelitischen Landes-Stipendiensond eine auf die Namen Dr. David Kaufmann und Gattin geborenen Irma Go mp erz lautende Stiftung von 10.000 Kronen errichtet. Aus dieser Stiftung sind jährlich zwei Stipendien von je 200 Kronen zu verleihen, und zwar so, daß unter gleichmäßig Qualifizierten die Hörer des Budapester Landes-Rabbinen-Seminars stets den Vorzug genießen.