Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 25 (29.6.1906)
- Date
- 1906-06-29
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Merr.-ulM. Kantoren -Zeitung. Porstandsmnlsl im österr.-nngar. Kantoren-Uererne. Dienstag, den 26. Juni 4 Uhr nachmittags fand im Vereinslokale, I., Seitenstettengasse 4, die Neuwahl des Vorstandes nach § 23 der Statuten statt. Das Ergebnis war folgendes: Abgegeben, resp. eingesendet wurden 52 Stimmzettel, die sämtliche von der Wahlkommission als giltig anerkannt wurden. Als gewählt erschienen: Präses: Josef Singer mit 51 Stimmen I. Präs.-Stellv.: Jakob Bauer .. 49 „ H. Präs.-Stellv.: Bela Guttmann .. .5 „ Kassier: Salom. Jnrberger .. 29 Vorsteher: Sim. Dünmann „ 48 „ Isidor L ö w i t ..47 Alois Kulka „44 Jos. Schlesinger 43 Jsak Schiller »28 M. Schorr .. 27 „ Jul. Smotritzky .. 25 I. Roth wein „ 19 „ Kontrollor: Ed Regner 39 „ Phil. Baßl .,29 Weiters erhielten Jsak Schiller 18 Stimmen als zweiter Präses-'-Dtellvertreter, Bela Guttmann 27 Stimmen als^Vorsteher, Sal. Jnrberger 21 Stimmen als Vorsteher, M. L-chorr 7 Stimmen als Kassier, PH. Baßl 19 Stimmen als Vorsteher, D. L. Rotter 20 Stimmen als Kontrollor, 7 Stimmen als Vorsteher, seiner I. Schleifer 11 Stimmen, S. Quartin 8 Stimmen, D. Fuchs 6 Stimmen und M. Weißmann 3 Stimmen als Vorsteher. Die Konstituierung des neugewühlten Vorstandes findet nächste Woche statt. Protestversammlnng in Äeriin. Montag, den 25. d. M. fand in der Tonhalle eine große Versammlung statt, um gegen die russischen Massakres in Bjelostok zu protestieren. Mehr als 2000 Menschen waren der Aufforderung des eineinladenden Komitees gefolgt, an dessen Spitze der deutsche Reichstagsabgeordnete Karl Schräder stand. Schon lange vor Beginn der Versammlung war der große Saal überfüllt. Die Polizei mußte eine Kette um das Haus ziehen, um viele Hunderte, die noch Ernlaß begehrten, fernzuhalten. Die Versanliiilung nahm folgenden Verlauf: Als erster ergriff der berühmte Strafrechtslehrer Geheimer Justizrat Professor v. Liszt das Wort. Er führte aus, daß Deutschland aus wirtschaftlichen, kulturellen und auch aus politischen Gründen wünschen müsse, daß sich ein neues, starkes Rußland entwickle, mit dem wir in Frieden leben können. Im weiteren Verlaufe sagte Professor v. Liszt: „Ich erachte es als Pflicht gerade der christlichen Bevölkerung Deutschlands, ihre Empörung kundzugcben über die in Rußland begangenen Greuel und zu verlangen, daß Klarheit geschaffen werde über die wahren Urheber dieser entsetzlichen Revolte. (Lebhafter Beifall.) D i e M i t s ch u l d i g e n an d i e f e n E r f ch e i n u n g e n sind auch die finanziellen U n t e r st ü tz e r der russischen Reaktion. (Aus den Reihen der Versammlung wurden die Namen jener Männer genannt, die als finanzielle Vertrauensmänner der russischen Regierung in Berlin bekannt sind.) Dem deutschen Auswärtigen Amte danken wir," sagte Liszt weiter, „für seine ablehnende Haltung gegenüber der letzten russischen Anleihe, dagegen können wir nur mit Schmerz das Verhalten deutscher Finanzmänner christlichen und jüdischen Glaubens beobachten. Wenn wir gegen die Greuel protestieren, handeln wir nicht nur als Freunde Rußlands, sondern auch als gute deutsche Männer, denn Deutschland darf nicht z u r ü ck st e h e n, wenn alle zivilii irrten Völker ihren Abscheu k un d g e b en gegenüber den entsetzlichen Vorgängen in B j e l o st o k." Sodann sprach das Mitglied der konstitutionell-demokratischen Partei in Rußland, der Moskauer Rechtsanwalt S h d a n o w. Er betonte, daß die Bjelostoker Ereignisse nicht als Einzelerscheinung aufgefaßt werden dürfen. Diese Judenhetzen müsse das russische Volk im Kampfe um seine Menschenrechte üinnehmen. Man würde dem russischen Volk Unrecht tun, wenn man die Ereignisse von Bjelostok auf seinen Antisemitismus zurückführen wollte. Dem russischen Volk liegen blutige Neigungen ferne, nur die dunklen Gewalten der Reaktion haben diese Ereignisse k ü n st l i ch h e r v o r g e r u f e n. Der nächste Redner, Jnstizrat Albert T r a e g e r, Mitglied des deutschen Reichstages und preußischen Landtages, sagte unter anderem: Die Sympathie des deutschen Volkes gilt dem lüchtigen, intelligenten und nur durch langen Druck gedemütigten russischen Volke. Die Anarchie der Verwaltung hat die anarchistischen Taten der Revolutionäre erzeugt; die Duma aber hat die großen Hoffnungen, die man auf sie gesetzt, nicht enttäuscht. Der große Irrtum der Autokratie ist, daß sie glaubt, trotz der Duma und über ihr das Selbstherrschertum behaupten zu können. Das Wesen des Konstirurionalismus aber ist, daß der Herrscher auf seine Privilegien zugunsten der Volksvertretung verzichte. In unserer Zeit kann kein Herrscher mehr gegen den ausgesprochenen Willen der Mehrheit regieren. Auf das Telegramm aus Wien, sagt Redner, antworte ich: Es ist bedauerlich, daß eine In de »frage heute überhaupt noch aufgeworfen werden kann. Es ist eine falsche Behauptung, wenn man meint, der Antisemitismus sei etwas, was uns von unseren Altvordern überliefert worden ist. Der Antisemitismus und die Jndenfrage find erst in neuerer Zeit wieder aufgeworfen worden, und zivar von derjenigen Partei, die sich überhaupt gegen Freiheit, Gerechtigkeit und Kultur auflehnt. So oft eine Freiheitsbewegung mit aller Macht entsteht, müssen die Juden die Kosten bezahlen. Es ist kein Zweifel, daß die I u d e n m a s s a k r e s in Rußland in den A m t s st u b e n planmäßig vorbereitet wurden. All unsere Hoffnung ist jetzt auf die Duma gerichtet, da sie allein imstande ist, aus dem blutigen Chaos ein neues Rußland zu schaffen. Nach diesem Redner sprach der Berliner Pfarrer Tr. Paul Kirms. Er erklärte, er wolle nicht vom politischen Standpunkte, sondern als evangelischer Pfarrer vom allgemeinen kulturellen und religiösen Standpunkte ans zur Versammlung sprechen. Er sagte unter anderem: „Blut ist eine große Macht, und in ihren Opfern liegt eine größere Kraft, als in den klügsten Gedanken der weisen Mäuncr. Die Opfer, die in Bjelostok gefallen sind, sind nicht vergeblich gefallen. Ehren wir die Toten und grüßen wir die Lebenden." Der Petersburger Arzt Dr. B r u tz k u s, der selbst Zeuge der schrecklichen Bluttaten in Bjelostok war, gab eine ergreifende Schilderung der durch die Dumakommission festgestellten Greuel. Die Einbildungskraft eines Europäers, sagt er, ist zu verwöhnt, um auch nur eine Schilderung dieser Blutorgien zu ertragen. Ich selbst hätte den Berichten nicht geglaubt, wenn ich nicht mir eigenen Augen die zerstückelten Gliedmaßen u n d die von Bajonetten a u f g e s p i e ß t e n jüdischen Kinder gesehen hätte. Drei Tage lang weideten sich die Hooligans am langsamen Hinmartern ihrer Opfer, und das geschah mit Bewilligung vieler Generale, mancher, nicht aller Offiziere und der Polizei. Eine sehr bedeutende Rede hielt daun der bekannte Führer der Nationalsozialen in Deutschland, Dr. Friedrich Naumann. Er sagte: „Die Leiden der Inden in Rußland sind nur ein Stück der hundertfültigen Leide», dereirÄriiide, zrrni i s voni Osten dringt. Heute stehen wir vor dem Blute der Bjelostoker Juden, vorher waren es die Deutschen in den baltischen Provinzen, die sich an uns wandten. Wir bemerken die Tatsache, daß wir einen Alba und die Hugenotten nicht in der Bergangeilheit zu suchen brauchen, sondern eine halbe T a g r e i s e von Berlin das Mittelalter noch i m m e t lebendig i ft. Wir können durch Proteste den Kampf um d:e Macht, wie er sich jetzt in Rußland abspielt. nichr aus der Welt schaffen. Wir dürfen uns auch über die Wirkung eines Protestes von Berlin ans nicht täuschen Wir können die Opfer, die beim großen Umwälzungsvrozeß unter die Räder gekommen sind, bedauern, aber wir dürfen nicht nt kleinliches Moralisieren verfallen. Wir müssen uns sagen: Euer Bürgerkrieg ist nicht unser Bürgerkrieg, aber wir dürfen verlangen, daß der Bürgerkrieg nicht in Barbarei ausarte. Ein Piorest kann nur Bedeutung haben, wenn ihm auch praktische Tatcn folgen. Die Finanzmänner Europas hätten sagen müssen: „Erst den Liberalismus und nachher das Geld." So aber ließen sie sich hinters L.cbt führen, und d i e M i l l i a r d e n v o m W e st e n, die nach Rußland gingen, d i e n t e n z u r 1l n t e r st ü tz u n g der russischen Reaktion. Darunr lautet unsere Aufsordt rung: Die U n t e r st ü tz u n g der russischen Regierung durch europäische Geldmittel muß aufhören. Wir müffen verlangen, daß die deutsche Regierung sich absolut neutral verhalte bei dem großen Kampfe, der jetzt in Rußland ansgefochten wird. Wenn Bismarck in seinen „Gedanken und Erinnerungen" ansführt, daß Deutschland und Rußland immer politisches Verständnis für einander haben müssen, io ist das eine unvergängliche Wahrheit. Die Sympathie aber darf sich nicht beschränken auf die Dynastie Roma iow. sondern muß ausgedehnt werden auf das ganze russische Volk. D e Kraft der Erneuerung liegt bloß bei der Duma, denn diese hat etwas, was dem Zarentum fehlt, nämlich den Glauben an den Menschen und an die Kraft der Freiheit. Sie erörtert jetzt die beiden wichtigsten Fragen: die der Freiheit und des Ackers, und an diesen haben wir mehr Interesse, als an der Erhaltung der roten Traditionen eurer Katharina. Das Licht der Freiheck, das in Rußland aufgehen wird, wird auch uns allen zugute kommen." Der Verfall, der dieser Rede folgte, dauerte viele Minuten. Schließlich wurde eine Resolution, welche ihre Empörung über die unmenschlichen Metzeleien und ihr tiefstes Mitgefühl mit den Opfern derselben ausdrückt, einstimmig beschlossen und an den Präsidenten der Petersburger Duma abgeschickt.