Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 23 (15.6.1906)
- Date
- 1906-06-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ocherr.-Ungar. Kantoren -Zeitung. Mns;igjähritzes Amtsjnbttänm. j Oberkantor Isaak Heyman n in Amsterdam hat einen weitverbreiteten Rns als ausgezeichneter Fachmann und vornehmer edler Charakter und darum ist es auch nicht zu verwundern, daß ihm anläßlich seines 50jährigen Amtsjnbiläums, über dessen Details wir noch eingehender zu berichten gedenken, Ehrungen und Ovationen zuteil wurden, wie sie, vielleicht mit Ausnahme Meister Snlzers, einem Kantor bisher nicht beschieden waren. Nicht nur Amsterdam, sondern ganz Holland überbot sich in Ehrenbezeugungen für den Jubilar und die holländische Kolonie in London entsendete sogar eine Deputation nach Amsterdam, um am Jubeltage ihre Glückwünsche zu übermitteln. Es gibt fast keine einzige Zeitung in Holland, die j nicht das Bildnis des Jubilars oder schmeichelhafte Artikel! über denselben brachte. Die Königin sandte eine Glückwunschj depesche, weiters kamen Gratulationen von Ministern, vom! Staatsrat, vom Gemeinderat der Residenz Haag, hunderte von j Briefen und Depeschen aus dem Auslande und unzählige herzliche und ehrenvolle Glückwünsche von den kollegialen Korporationen und den Kollegen aus aller Herren Länder. Der Iubeltag war nicht nur ein Ehrentag für den Jubilar, sondern für den gesamten Kantorenstand, dem Isaak H e y m a n n zur Zierde und Ehre gereicht. Charakteristisches ans unserer Gesangstiteratnr. Im guten Glauben, daß ich unserer fachmännischen Sache diene, und nicht, wie im vorigen Herbst, auf Mißverständniß stoße, will ich es heute versuchen, einige Stellen ans dem Schir- Zion und andere Gesangsweisen des jüdischen Gottesdienstes hervorzuholen und zu beleuchten. Wenn man durch Verhältnisse gezwungen, wenig Gelegenheit findet, in die Großstadt zu kommen, dort sich ein wenig umzntun und seine Fachkenntnisse zn erweitern, dann sind die modernen Hilfsmittel wie der Phonograph ein richtiger Stützpunkt, um hieraus etwas zu lernen und zu erfahren, was man aus persönlichen Eindrücken nicht entnehmen kann. So hörte ich unlängst aus einem Apparate folgende Piecen: U wehen jiskadosch, Hajom harras, Wehogen baadenu (aus Haschkivenu) von bekannten Kantoren komponiert und — vielleicht j auch wiedergegeben. Ich muß sagen, ich war, soweit der Phonoj graph die Ausführung getreulich wiederzngeben vermochte, von der Stimmgewalt der Sänger und von der Klangschönheit der Harmonie überrascht, aber was mich entsetzte, das war die Sprache, die heilige Sprache, die so furchtbar korrumpiert wiedergegeben wurde. Ist das das Wort, welches auf die An-; dacht mächtig wirken soll? Steht der Kenner nicht fassungslos! dem zuhörenden Laienpubliknm gegenüber? Eine solche Toni fülle, ein solch herrlicher Zusammenklang in so unedle Laute gekleidet! Ich will nicht das harte Wort vom Gem . . . el anj wenden; aber muß denn der Laut u. zn Ii werden, der Zwie-! laut an zu än und 6 zn ei? Haben unsere großen Sänger! umsonst gelebt, die doch in einer wohllautenden, reinen Sprache i ihre Schöpfungen produzierten und reproduzierten?!! Man wird mir wohl einwenden, daß diese Ehasonim und j mittuenden Sänger polnische Ehasonim und polnische Sänger! sind und für ihre Zuhörer, um verstanden zn werden, i nicht anders als mit solcher Anssprache und mit solchen Akzenten j singen dürfen. Nun das wäre doch ganz sonderbar, wenn hierin j nicht eine wohltätige Reform eingefnhrt werden könnte. Versteht! man es den langen Kaftan und die Locken abzulegen, so kann man sich auch dieser zivilisatorischen Anschauung Hinneigen, denn eine Purifizierung und Unifizierung wäre schon in dieser Hinsicht vor Jahren eine unbedingte Notwendigkeit gewesen, wenn, ja wenn — wir eine Kantorenschule mit Oeffentlichkeitsrecht gehabt hätten. Bis dahin entschließe man sich aber nicht — dem Phonographen seine Kunst anzuvertrauen, es würde unserer Sache, ja unserer Reputation mehr schaden als nützen. Doch zu unserem eigentlichen Gegenstand zurück! Im Traditionsgesange sind manche Effekte zu erzielen, die sonst ganz unbeiuerkt bleiben. Man kann mit gutem Geschmacke Vortragszeichen verschiedener Gattung anwenden: Das Portamento, das Anschwellen des Tones, den Vorschlag rc. Der gute Sänger wird z. B. ein schönes Portamento bei der L _ Stelle in Maariw Frosch haschono beim -y/—p ■ Wort Bakese Fjom chagenn anwenden -K -J« - ■ ■ können, indem er, wenn in 0-Noll gedacht, vom kleinem c bis eingestrichenem Es diese Bakese Dezime Bakese schwungvoll hinaufträgt. Auch beim Rezitieren oder bloßem Sagen kommen ganz unbemerkt Intervalle in Erscheinung, die im Umfange sogar eine Duvdezime ausmachen, z. B. W7chol korischo k:oschon tichle steigt dieser Satz, wie in Gr-Moll gedacht, vom großen g bis zum eingestrichenen D, z. B. und so weiter. tick - Le Ki - saci wir ■vrfc rf^ HO Auch der Vorschlag von unten nach oben, der selten gebraucht wird, kann mit gutem Rechte, z.B. imHallelgebet bei Ono von Snlzer angewendet werden, sagt Stockhausen, ist nicht allein wie man sieht, in schwungvoller hauli cko Dieser Accentus „n o" Ausdrucksmittel, er fördert, Weise den Ansatz hoher Töne. Ein schönes A u s s p i n n e n des Tones bietet David Rubin in seinem „Weschomru", nnd zwar auf dem Worte Schowas mit einem gleichzeitigen Portamento nach der unteren Oktav, das mit besonderem Geschmack ansgefnhrt, Gelegenheit gibt, sich auszuzeichnen. Ebenso liefert Naumburg in seinem As-Dur „L’ehododi" dem Vortragenden Kantor ein Mittel, das zweite Boi challo dynamisch zu illustrieren und auf den Schlnßchor L;cho hinüberzuleiten. Solche nnd ähnliche Effekte wird jeder kunstverständige Sänger anszunützen verstehen. Auch beim Sulzerschen Boi chalio (E-Dur L’ehododi) wird der CHasau bei Wiederholung des Wortes das Anschwelleu des Tones D wohl vornehmen, aber das vollständige Crescendo bei der dritten Wiederholung wirken lassen. Was den Triller betrifft, so haben die alten Chasonim mit Vorliebe einen solchen z. Bbei der Schlußstelle des Mismor scliirFjom hascliabos: W’lo awloso boh angewendet. Snlzer hat ihn auf den richtigen Standpunkt gestellt, u. zw. im Geschemgebet, II. Teil Schir Zion, wo es heißt: Al haselah hoch wajezeu mojim. Kann hier der Triller bei naozim voll und technisch richtig ausgeführt werden, so ist der Zweck erreicht, denn er illustriert das Hervorquellen des Wassers durch den Schlag, den Moses mit dem Stabe auf den Festen getan. Auch um den Schofar nachzuahmen, wird, so oft das Wort Truoh vorkommt, getrillert, nur können cs nicht alle und viele behelfen sich mit einem Tremolo, das ivüre dann ein fcknietternder Ton — Berachamim — mit Erbarmen. Du aber, geliebter Fachgenosfe, sollst mit Deiner Kehle schmettern, damit Dir als gottbegnadeter Sänger zngerufen werde: W’en dome loch, niemand ist Dir gleich! Dies für den Sänger. Aber auch der Kenner guter Kompositionen findet beim Durchblättern unserer gesangsliturgischen Werke seine Rechnung, doch dies für ein nächstes Mal. Jungbunzlau, im Juni 1906. B. S.