Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 21 (1.6.1906)
- Date
- 1906-06-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 21. Die Wahrbeil Lette 9. gilt poetischer Schadchen. Humoreske vou Adolf Steinschneider. (Schluß.) Vergeblich besuchte er alle Theater, Konzerte, Promenaden, um ihrer wieder einmal ansichtig zu werden; er traf nicht diejenige, deren Bild sein Inneres erfüllte. Anderseits trat das wirtliche Leben und dessen Anforderungen mir Macht an ihn heran. Mit nicht reichen Mitteln sollte er eine Advokaturskanzlei eröffnen, wozu es eines größeren Fonds bedurfte, und dazu konnte nur eine Heirat ans vermögender Familie verhelfen, die ihm Herr Reingruber anbot, daher sein Schwanken, sein Kampf zwischen Ideal und Wirklichkeit. Solche Kämpfe kommen im Leben sehr häufig vor, zuletzt siegt jedoch zumeist die Wirklichkeit. Inzwischen kam Herr Reingruber zu der Familie Kunz mit folgenden bombastischen Anpreisungen: „Hätte ich die Beredsamkeit eines Demosthenes, wäre mir der schwungvolle Pathos eines Schiller eigen, damit ich Ihnen die glänzenden Eigenschaften des Mannes schildern könnte, den ich Ihnen für Ihr Fräulein Tochter antrage. Ein Adonis an Schönheit, ein Apollo an Geistesgaben, reich an Herz und Verstand, ein Muster männlicher Tugenden." „Sie sprechen in einer Verzückung von ihm wie ein Verliebter," sagte Frau Kunz. „O, wäre ich reich wie Rothschild und hätte eine Tochter, ich gäbe sie ihm mit Freuden und würde alle Schätze ihm zu Füßen legen." „Nun," sagten Herr und Frau Kunz, „Sehen und Hören schadet ja nichts, und sind Ihre übertriebenen Lobeserhebungen nur zum Teile begründet, so könnte ja aus dieser Partie etwas werden. Trachten Sie also, daß wir in unauffälliger Weise mit ihm Zusammenkommen und ihn kennen lernen." „Seien Sie unbesorgt," sagte Herr Reingruber, „ich werde es auf die delikateste Weise zu veranstalten wissen, daß Ihr Zartgefühl nicht im mindesten verletzt wird. Leise, wie aus himmlischen'Höhen werden wir nahen. Ich eile auf Flügeln des Windes, um meine Mission zu vollbringen." Die Eltern sprachen jetzt mit der Tochter über den Antrag. Auch sie trug eine geheime Liebe im Herzen, die sie den Eltern nicht verraten wollte. Es kommt wohl im täglichen Leben oft genug vor, daß ein junger Mann und ein junges Mädchen sich im Stillen lieben, und wie selten gelangt solche Jugendliebe bei den jetzigen materiellen Zeiten zum Ziele ihrer Wünsche. Traurig vernahm sie von dieser bevorstehenden Zusammenkunft mit einem ihr unbekannten Manne und sprach: „Laßt mich nicht wie eine Ware dem Käufer zur Schau stellen, und verkauft mich nicht an Einen, für den mein Herz nicht schlägt." „Du Närrchen," war die Antwort, „wir wollen ja den Mann sehen und kennen lernen, von dessen Vorzügen uns Herr Reingruber Wunderdinge erzählt. Wir sind ja durch nichts gebunden, wenn er Dir nicht gefällt, komm nur mit, wenigstens unsere Neugierde zu befriedigen." Dem Mädchen blieb nun nichts übrig, als seufzend einzuwilligen. Zu Herrn Dr. Klinger kam jetzt Herr Reingruber. „Ich erscheine als Merkur, der geflügelte Bote der Götter. Die Familie erwartet sehnsuchtsvoll den Augenblick, wo sie Sie sehen und sprechen kann. Ich habe nun die Veranstaltung getroffen, daß ich Arm in Arm mit Ihnen, ganz unabsichtlich, am Abende des nächsten Donnerstags in den Seitensalon der Restauration Z. eintrete, wo die Familie wie zufällig anwesend sein wird." Ganz widerwillig, wie bei den Haaren hingezogen, ließ sich Herr Dr. Klinger von Herrn Reingruber mehr hinschleppen. Sie traten ein. In dem hellerleuchteten, prunkvoll ausgestatteten Speisezimmer saß die Familie Kunz am Tische. Eben schickte sich Herr Reingruber an, auf seine -schwülstige Art seinen Freund vorzustellen, als sowohl der junge Mann, als auch das Fräulein, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, emporfuhren. Beinahe erstarrt stand er da und rief: „Sie ist es!" und sie, ihrer unbewußt, rief: „Er ist's!" Eine merkwürdige Szene spielte sich jetzt ab, ein Tableau, würdig des Pinsels eines Malers. Die beiden jungen Menschen, glutrot, mit entzückten Blicken einander anschauend^ die Elter» vor Erstaunen sich von den Sitzen erhebend und Herr Reinaruber mit voraebeuatem Körper, ein Bild der vollkommensten Verblüffung. „Ja, kennt Ihr Euch denn?" fragten die Eltern. Da ermannte er sich und sprach: „Geehrter Herr, gnädige Frau! Ich kenne das Fräulein seit dem heurigen Karneval, auf einem Balle, wo ihr holdes Wesen auf mich einen unauslöschlichen Eindruck machte, so daß. ihr Bild mich Tag und Nacht umschwebte. Zu meinem größten Herzleid konnte ich seitdem ihr nicht wieder begegnen. Nur mit der allergrößten Ueberwindung, beinahe wider Willen, gab ich dem Andrängen des Herrn Reingruber nach, zu dieser Zusammenkunft zu erscheinen, und unvermutet, unverhofft, ist diese herrliche Entwicklung daraus geworden. Mit Zagen und Bangen stelle ich nun die Frage an das Fräulein: Hat unser damaliges flüchtiges Zusammentreffen auch bei Ihnen ein freundliches Andenken hinterlassen, und kann ich die Hoffnung hegen, daß ich.Ihnen nicht gleichgiltig bin?" Mit Schamröte übergossev, lispelte sie ein leises „Ja". Die Eltern, die wohl schon vorher über dessen Stand und Charakter günstige Auskunft erhalten hatten und denen der prächtige junge Mann und fein edles Wesen sehr gefiel, sagten: „Da sind ja alle Vorbedingungen da zur gegenseitigen Liebe, und wir geben gerne unsere Einwilligung." Wie beim Ausgange eines jeden Lustspieles, war auch hier das Ende die Verlobung, welche bei perlendem, schäumendem Champagner gefeiert wurde. Herr Reingruber geriet in ein wahres Delirium von Ekstase und beschwor alle Götter des Llymps herab, er war wie im siebenten Himmel. Er brachte Zitate aller Dichter. Dann aber erhob er sich zu folgendem Toaste: „Gott Amor versendete Liebespfeile und traf damit zwei Herzen, das eines Jünglings und das einer holden Jungfrau. Doch ach! Die beiden Verwundeten konnten sich nicht finden, der eine schmachtete da, die andere sehnte sich dort. In dieser Verlegenheit wandte sich der Liebesgott an den berühmten Ehestifter Reingruber um Abhilfe, und diesem gelang es, die beiden Schmachtenden znsammenzuführen. Jetzt überläßt Gott Amor das Weitere dem Hymen, der segnet Euch. Glück und Heil fei beschieden dem herrlichen Brautpaar, worauf ich mein Glas leere." Dann zil Herrn Dr. Klinger sich wendend, fragte er ihn: „Werden Sie noch Ihre Abneigung gegen Heiratsvermittlung aufrecht erhalten?" ..Nein," antwortete dieser, „ich werde mich ins Abgeordnetenhaus wählen lassen und beantragen, daß die Heiratsvermittler wegen ihres Wirkens für das Wohl der Menschheit eine bevorzugte Kaste bilden und durch Privilegien vom Staate unterstützt werden, doch müßte jeder erst einen Kursus der Mythologie absolvieren und alle Klassiker auswendig können, um Zitate anzuwenden." Zum Schluffe deklamierte Herr Reingruber das Lied an die Freude und als er zu dem Verse kam: „Wem der große Wurf gelungen, Eines Freundes Freund zu sein. Wer ein holdes Weib errungen. Mische seinen Jubel ein!" mischte er so viel Jubel ein, daß er von den kräftigen Armen zweier Hausknechte nach Hause eskortiert werden mußte. Berichtigung. In dem in voriger Nummer veröffemlichten Artikel des Herrn Rabbiner Dr. Stark: „Eine Betrachtung zum Osfenbarungsfeste", haben sich folgende sinnstörende Druckfehler eingeschlichen: Seite 3, Zeile 15. statt „kann sie nur", richtig : „kann sie uns"; Seite 4, Zeile 11, statt „beendet", richtig: „vollendet"'; Zeile 26 statt „bringen sie uns u. a. Worten", richtig: „bringen uns unsere alten Weisen"; Zeile 30, statt „werden", richtig: „wurde"; Zeile 50, fehlt zwischen nichts und wollteu, „wissen". Am Schlüsse des Artikels, Zeile 4 von unten, statt „ungekürzt", richtig: „unverkürzt". Wollß ü.8siclsnl<lSicjSi7 reinigt man am besten mit Schicht's Schwanseife (faste Kaliseife) schän|te ^WEISSWÄSCHE