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Die Wahrheit · 1906-04-27 · Heft 16 (27.4.1906) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 16 (27.4.1906)
Date
1906-04-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 16. Sie 'Wahrlseil Leite 11^ Kingesendet. - Verehrt. Redaktion der ..Wahrheit/' Wien. Der Entgegnung des Herrn Architekten Marmorek entnehme ich mit Genugtuung, daß er seine von mir gerügte Aenßerung in Angelegenheit des Tempelbaues Wieden-Margarethen nicht gemacht haben w i l l. Ich nehme dies umsoliebcr zur Kenntnis, weil der Tempelverein bei der Lösung seiner schwierigen Aufgabe Fachmänner von der anerkannten Tüchtigkeit des Herrn Architekten Marmorek an seiner Seite braucht, von dem es ja bekannt ist, daß er bedächtig und sachlich in seinem Fache, dagegen zuweilen impulsiv in den Debatten ist, was ich seinem Eifer gerne zugute halten will. Hochachtungsvoll __Adolf Hofman n. Zurückgefunden. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „Das, Herr Doktor, ist eine Sache, die auch für Sie Interesse haben dürfte. Als ich auf meinem Gange zur Sofieninsel die Ferdinandstraße passierte, begegnete mir ein Trupp junger Menschen, welche einen anscheinend trunkenen Mann umgaben und ihn mit Püffen und Hohnworten traktierten. Ein Blick auf diese Gruppe sagte mir alles. Der Mißhandelte war -ein Mensch, dem nach des Dichters Worten dreierlei Gebresten anhafteten: Armut, Krankheit und I n d e n t u m. Es war -ein Landsmann von Ihnen, ein Glaubensgenosse von mir, .der da unter den Püffen und Schmähungen der übermütigen Straßenjugend einherwankte. Kein Wachmann war zu erblicken, um den unholden Treiben Einhalt zu tun. Ich legte mich ins Mittel. Ich rief einen Wachmann herbei, der den unglücklichen Mann von seinen Peinigern befreite, und ihn, von mir begleitet, -auf die nächste Polizeistation brachte, von wo aus er in das jüdische Spital überführt wurde. Es war nämlich kein Rausch, wie ich im ersten Momente selber annahm, sondern Entkräftung infolge Krankheit, Kummer und Entbehrung, was den unglücklichen Mann derart herünterbrachte, daß er auf offener Straße taumelte, und zum Gespötte der judenfeindlichen Gassenjugend wurde/' „Kann ich den fremden Menschen sehen, Fräulein? Vielleicht läßt sich was für ihn tun. Es ist hier eine zahlreiche polnische Kolonie, bei der ich nicht ohne Einfluß bin." Hedwig lachte höhnisch auf. „Diese wird für einen jüdischen Landsmann sehr wenig tun. Morgen werde ich trachten, die hiesigen Wohltätigkeitsanstalten für ihn zu interessieren. Das dürfte eher von Erfolg sein, als die Intervention bei Ihren udeligen Glaubensgenossen." Der Doktor mar bei diesem Vorwurfe, den er doch nicht widerlegen konnte, ganz verwirrt geworden. „Fräulein Hedwig!" bat er. „Darf ich Sie morgen begleiten? Ich möchte meinen kranken Landsmann denn doch sehen, vielleicht ist es ein Bekannter von mir. „Ein bettelnder Jude der Bekannte des Herrn Doktor Dansky? Das wäre doch mehr als seltsam!" Das Wiedersehen der beiden jungen Leute, welches zu solch einer innigen Aussprache zwischen ihnen geführt hatte, drohte in eine Plänkelei auszuarten. Dem auszuweichen sagte Dansky. „Lassen wir uns unsere erste Begegnung, welcher hoffentlich viele andere folgen werden, durch eine Angelegenheit, welcher wir im Grunde gleich ferne stehen, nicht verbittern. Ich begreife und billige Ihre Entrüstung, die Ihnen der Anblick der Mißhandlung eines Glaubensgenossen hervorruft, aber mich können Sie nicht dafür verantwortlich machen, noch überhaupt jemand andern. Wenn Sie, eine arme Lehrerin, und ich, ein unbemittelter Professor, Vorsehung spielen wollen, so kann es nur in dieser Weise geschehen, daß mir in unserem Bekanntenkreise für den armen Kranken wirken. Für einen etwaigen Mißerfolg können wir aber nicht verantwortlich gemacht werden. Wir tun, was wir können, auch das schon verdient Anerkennung. Also, darf ich Sie morgen auf Ihrem Samariterwege begleiten?" -.Wenn Sie es durchaus wünschen." „Es wäre mir sehr lieb, wenn ich es dürfte," sagte der Doktor. „Wo treffen wir uns, Herr Doktor?" „Wenn es Ihnen nicht unbequem ist, morgen um 2 Uhr nachmittags am Quai in der Nähe des Franzensmonumentes. Kommen Sie aber sicher dahin, Fräulein?" „Bei welchem Denkmal soll ich Ihnen heute schwören." sagte Hedwig schelmisch. „Nur nicht bei dem Franzensmonument, es wäre tausend Schade für das herrliche Kunstwerk, wenn es das Schicksal ereilte, wie das Ziskadenkmal, bei dem Sie damals geschworen." Diese harmlosen Scherze hatten die Bitterkeit, welche in den Herzen der beiden jungen Leute Platz gegriffen hatte, verdrängt, und mit dem wiederholten Versprechen, pünktlich am Platze zu sein, schieden sie von einander. „Was soll daraus werden, was soll daraus werden?' fragte sich Hedwig, als sie die steile Treppe zu ihrer Wohnung hinauf schritt. „Er hat mein ganzes Herz gefangen genommen und auch ich bin ihm nicht gleichgültig. Aber kann-denn eine Verbindung, zwischen uns zustandekommen, zwischen der Jüdin und dem Christen? Nein und tausendmal nein! Und soll ich freiwillig auf das Glück verzichten, das mir der Verkehr mit diesem hochgebildeten Manne gewährte, bloß darum, weil meine Wiege in einem jüdischen, die seine aber in einem christlichen Hause gestanden? Soll ich verdammt sein, einsam und unverstanden durchs Leben zu gehen, weil der Mann, den der Znfall mir in den Weg gestellt hat, zufällig einer anderen Glaubensgenossenschafl angehört, als ich? Und doch, niemals würde uh meinen Glauben, auch nur zum Scheine, verändern, um irdischer Liebe willen. Ich bin stolz darauf, Jüdin zu sein, und dieser Stolz ist mächtiger, als meine Liebe zu diesem liebenswerten Fremden. Dieser Stolz wird mich auch davor bewahren, durch einen Glaubeuswechsel etwas zu tun. was ich mit lebenslänglicher Reue erkaufen müßte, was mich unwürdig machte, mich als Kind solch frommer Eltern, wie die meinen es waren, z l bekennen. Nein, nein, ich fürchte keine Versuchung! Ich will ihm stets eine treue Freundin und Beraterin sein, will mich au seiner Freundschaft erfreuen, aber ihm angehören, nein, niemals! Gestärkt durch diesen Vorsatz hatte Hedwig ruhig geschlafen und war, gekleidet in ein einfaches, schmuckloses Gewand, wie es sich für einen Krankenbesuch unter solchen Umstünden ziemte, am verabredeten Platze erschienen. Der Doktor war der Erste gewesen. „Dieses Mal halte ich Wort," sagte Hedwig scherzend, indem sie dem Doktor die Hand zur Begrüßung reichte. Dieser ergriff die zarte, weiße Hand, welche ihm Hedwig entgegenstreckte und drückte einen innigen Kuß darauf. „Was ist das, Herr Doktor? Wenn ich. wie ich mir es vorgenommen habe, Ihre Freundin bleiben soll, so müssen Sie solche Ueberschwenglichkeiten unterlassen. „Freundin?! Das Wort ist wirklich zu kalt für uns. Wollen Sie denn nicht mehr werden, als bloße Freundin?" „Was ist höher, als Freundschaft? Mir geht nichts darüber." Ein höheres, als Freundschaft, ist Liebe," entgegnete der Doktor. Nun war es heraus, da, was sie zu hören erwartete, fürchtete. (Schluß folgt.) 30.060 Klonen beträgt der Haupttreffer der Kaiserin Elisabeth- Heim-Lotterie. Wir machen uniere geehrten Leier darauf aufmerksam, daß die Ziehung unwiderruflich am 17. Mai d. I. stattffndet und empfehlen angelegentlichst, dieses patriotische und humanitäre Unternehmen durch; Ankauf eines Loses zum Preise von nur 1 Krone zu unterstützen. 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