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Die Wahrheit · 1906-03-16 · Heft 11 (16.3.1906) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 11 (16.3.1906)
Date
1906-03-16
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Oelierr-Ungar. Lantorcu -Zeitung Die geehrten Herren Kantoren werden höflichst nnd dringend ersucht, die restlichen Advnnementsbetrage umgehend einzusenden, damit wir der fortwährenden Mahnungen enthoben werden. | Moritz ßlrttt. | Einem heimtückischen Leiden ist Moritz Blatt, I. Kantor am Leopoldstädter Tempel der Wiener Knltusgemeinde, Sonntag den 11. d. M. nach mehrmonatlicher Krankheit erlegen. Wer hätte vor gerade anderthalb Jahren, als der Heimgegangene noch in vollster Manneskrast sein 25jähriges Amtsjuviläum in der Wiener Gemeinde beging und von allen Seiten geehrt und geseiert wurde, gedacht, daß er sobald seine irdische Lansbahn vollenden sollte! Ein edler Mensch ist mit ihm dahin gegangen, ein ausgezeichneter Berufsgenosse, der noch den Tönen der großen Meister gelauscht und in ernstem Streben seine reiche Begabung an ihrem Muster gebildet hatte. Moritz Blatt war nicht eine jener blendenden Erscheinungen am kantoralen Himmel, die nur in gewissen Momenten durch Pracht und Glanz der Stimme entzücken, sondern ein ruhig leuchtender Stern, der fortwährend Licht nnd Wärme spendet. Von seinem Berufe, dem er mit seltener, nimmermüder Pflichtreue oblag, hatte er <eine hohe ideale Anfsassnng und hoch stellte er die Aufgaben des Schliach Zibbur, der nicht mit äußeren Mitteln blenden, sondern mit tiefer Inbrunst, die nur dem wahrhaft gläubigen Sinne nnd dem vollen Verständnis der Gebete entspringt, die Gemeinde zu weihevoller Andacht führen soll. Gerade diese schöne Aufgabe des kantoralen Berufes, bei welcher ohne den oft täuschenden Schmuck der choralen Mitwirkung das eigene Können ln den Vordergrund tritt, hat Moritz Blatt ausgezeichnet zu lösen gewußt, und dies hat ihm auch die Verehrung und Anerkennung seiner Gemeinde so vielfach erworben. Ebenso vollgültig wie das kantorale muß auch das kollegiale Wirken des Dahingeschiedenen bewertet werden und hier wie dort hat er sich mit dem Einsätze seiner ganzen Persönlich- , keit in den Dienst einer heiligen Sache gestellt. Als kurz nach! seinem Amtsantritte in Wien von hier aus der Ruf zur Organisation des Kantorenstandes erging, stand Moritz Blatt in der vordersten Reihe nnd durch seine hervorragende Anteilnahme an der Gründung der „österr.-ungar. Kantorenzeitung" und des „österr.-ungar. Kantoren-Vereines", sowie durch seine vieljährige, opferwillige und hingebungsvolle Tätigkeit in der beruflichen Organisation, als Kassier und später als 2. Vizepräsident des Kantoren-Vereines, hat er sich hohe Verdienste um den Kantorenstand erworben, die ihm ewige Dankbarkeit und ein ehrendes Andenken seitens der gesamten Berufsgenosseuschaft sichern. Das Leichenbegängnis, das Dienstag, den 13. März, V211 Uhr vormittags stattfand, gab ein beredtes Zeugnis von der großen Verehrung und Liebe, die Moritz Blatt allseitig genoß. Im linksseitigen Tempelhofe des Leopoldstädter Tempels drängte und stieß sich die ganze trauernde Gemeinde, und als Öberkantor G u t t m a n n den wehmutsvollen Trauergesang anstimmte und Rabbiner Dr. S ch m i e d 1 an der Bahre, welche die Familienangehörigen, die Repräsentanten der Ge-' meinde und sämtliche Kantoren Wiens umstanden, die ausgezeichneten Tugenden des Verstorbenen schilderte, blieb kein! Auge tränenleer, und da kam es Allen so recht zum Bewußtsein, was die Gemeinde an Moritz Blatt verloren hat: eine kostbare Perle, die in ihrer bescheidenen Fassung leider nur zu oft verkannt wurde. Ein imposanter Zug begleitete die Leiche auf den Zentralfriedhof. Hier stimmte Oberkantor Singer, assistiert von sämtlichen Kantoren und dem Chorpersonale der beiden großen Äemeindesynagogen, das Hazur tomim an, und die tiefe Ergriffenheit des Sängers, der mit gedämpfter Stimme und in rührenden Tönen den erhebenden Trauergesang wirkungsvoll illustrierte, teilte sich der ganzen Trauerversammlung mit. Hierauf trat Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n an die Bahre und entwarf in kurzen Zügen ein Lebensbild des Verblichenen, der von der Heiligkeit seines Bernses so voll und ganz erfüllt war. Als Dr. Güdemann geendet hatte, sprach Oberkantor Singer als Präsident des „Oesterr.-ungar. Cantoren-Vereines" namens der Kollegenschaft folgenden Nachruf: „Teurer Freund Moritz Blatt! Soeben wurde uns von ehrwürdiger Seite klargelegt, welch' treuer und liebender Gatte, welch' aufopfernder und hingebungsvoller Vater du gewesen; ich gestatte mir nur noch hinzuzufügen, daß du auch ein in des Wortes umfassendster Bedeutung edler und biederer Charakter und ein ideal angelegter, zielbewußter und trefflicher Kantor warst. Das ist der engbegrenzte aber auch erschöpfendste Inhalt der Anerkennung, den mir. deine Kollegen im Amte, dir in unserem letzten Scheidegruße bieten müssen und auch vom ganzen Herzen bieten. Was wäre sonst diesem Inhalte noch hinzuzufügen? Sollen wir etwa die Schilderung versuchen, wie du trotz mannigfacher Hindernisse, Widerwärtigkeiten nnd Feindseligkeiten durch deine eigene Tatkraft, Energie und Opferfrendigkeit es zu Wege brachtest, dich zu jener Höhe emporzuschwingen, die es dir ermöglichte, eine bedeutsame Stellung in einer der größten Gemeinden der Welt zu erringen, die du nahezu 27 Jahre zu deinem Preise, zur Ehre des Judentums aber auch zur Ehre unseres heiligen Standes inne hattest? Nun, teurer Freund, warst du zur Höhe gelangt nnd auf dieser Höhe hieltest du, bestrahlt vom Abendsonnenglanze deines Lebens, für einen Augenblick Raft und richtetest deinen milden, sanften Blick noch einmal auf deinen zwischen Ausgang und Einkehr liegenden weiten Lebensplan; vielleicht, um noch einmal alle Geschehnisse deines arbeitsreichen Lebens zu umfassen, vielleicht auch in dem aufdämmernden Sehnen nach Rast und Ruhe. Da — inmitten dieses Höffens — traf dich jener vergiftete Pfeil eines tückischen Geschosses: er traf dein edles, gutes Herz an einer Stelle, wo > es am mächtigsten zu bluten begann, und diesem mächtigen! Anpralle, wie der demselben folgenden schweren Krankheit, konnte weder dein ideales Seelenleben noch dein zarter Körperbau Stand halten. So sankst du von Stufe zu Stufe und vielleicht ahntest du, als ich das letzte Mal von dir Abschied nahm, die Wucht deines Leidens, indem du tränenfeuchten Blickes die Äußerung latest: „Lieber Freund, wie schwer wird es mir, von meinem lieben Berufe und Beremen so lange fern bleiben zu müssen!" „So lange!" meintest du — das Schicksal jedoch entschied „Für immer!" Und nun stehen wir, deine trauernden Kollegen, vor deinem Sarge und sollen dir Dank sagen für die mannigfachen Betätigungen deines Lebens, als pflichttreuer Kantor, als langjähriger Kassier und Vicepräfes des österr. ungar. Kantorenvereines, nnd wir vermeinen unfern Dank in dem einen Wunsche am erschöpfendsten ausdrücken zu können: rror vv-u-rx \-rm. Möge es auch uns beschieden sein, wenn einstens der Scheideruf an uns ergeht, daß unsere Nachfolger auch uns jenen nnverwelklichen Kranz der Anerkennung, Wertschätzung und Liebe ans den Sarg legen, wie wir es jetzt zu deiner Ehre und zu deinem i Preise aus voller Seele tun. Freund Moritz Blatt, ruhe sanft!" > Namens des Chorpersonales sprach Chormeister Professor Josef S u l z e r und nach ihm, ganz unerwartet, Professor Naschsr, der mit seinem theatralischen Pathos die weihevolle Stimmung unangenehm irritierte. Hierauf wurde der Sarg zu Grabe geleitet, wo nach den letzten von Sekretär Fuchs namens der Familie gesprochenen Scheidegrüßen Öberkantor Guttmann mit inniger Empfindung das „El mole rachamim“ rezitierte, .n'n'rs-n

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