Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 9 (2.3.1906)
- Date
- 1906-03-02
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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£tßt*ßeti Redaktion li. Sldmiiiislralioii: Wien, Il/t Novaragasse 27. Televbon Dir. der Druckerei 15302 ünjt'uatt 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. Abonnementsn. JnsertionSbeträqe und in Wien zahlbar und klagbar. Unabhängige Aeiifchnft für jäötfche IntereAen^ Gr scheint jeden Kreilag. Motto : ..Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ j Verngspreis: jj Äanziährig . . . ft. t*._ [l Halbjährig ... ft | Für Cultusbeainte: Ganzjährig ... ft. io —1 Für Ausland:! Aaiizjährig ... 3 Mark! 6 Rubel oder 16 FcS. j Nr. 9. Wie», 2. Mär; 1996. Inhalt: Aus der Woche. — Lasser und Gautsch. — Homel. — Geistiger Atavismus. — - Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Zurückgefunden. Ans der Woche. Das Wahlreformgesetz, das Ministerpräsident Baron Gautsch vorige Woche dem österreichischen Abgeordnetenhaus unterbreitete, hat bei sämtlichen politischen und nationalen Parteien große Unzufriedenheit hervorgerufen. Vom jüdischen Standpunkte aus interesiieren uns zunächst die Bestimmungen des neuen Gesetzes j bezüglich der Wahlkreiseinteilung und der Aufteilung der ■ Mandate in Galizien, wo zum Schutze der polnischen Nationalität! das Proportionalsystem nur für die ländlichen Bezirke einj geführt werden soll und in den Städten durch eine künstliche i Wahlgeometrie der durch Kopfzahl und Steuerkraft bedingte! natürliche Einfluß der Juden möglichst vermindert wurde. Ueber! die künftigen Wahlaussichten stellt die „N. Fr. Presse" folgende! Betrachtungen an: „Die jetzt herrschende Partei des Polenklubs dürfte eine j sehr beträchtliche Schwächung erfahren. Ihre Nachfolgerschaft; dürfte dem klerikalen Zentrum, den Demokraten und den Allpolen; zusallen. In einer Reihe von Bezirken Galiziens wird, wie es! heißt, das jüdische Proletariat den Polen nicht mehr Gefolgschaft! leisten, sondern eine selbständige Politik treiben. In diesem Falle! könnten zunächst etwa in drei oder vier städtischen Wahlbezirken | nationale jüdische Kandidaten durchdringen. Ebenso können die jüdischen Wähler in der Bukowina auf ein Mandat rechnen. In Galizien wird es in sechs bis zehn ländlichen Bezirken von den jüdischen Wählern abhängen, ob die Polen das vom Gesetze vorgeschriebene Drittel der abgegebenen Stimmen und dadurch eines der beiden Mandate des Bezirkes erlangen oder nicht. Die Zahl der polnischen Vertreter würde sich um weitere sechs bis zehn Mandate verringern, falls die Juden, was allerdings fraglich ist, für die ruthenischen Kandidaten eintreten würden." Hoffentlich werden die Juden Galiziens, soweit sie jüdischnational denken, auf der Hut sein und sich den geringen Einfluß, den ihnen das neue Wahlgesetz einräumt, durch die bekannten Wahlmachinationen der polnischen Schlachta und ihrer jüdischen Satrapen nicht rauben lassen. * * -i- Die passive Resistenz der Bezirksärzte in Niederösterreich hat die öffentliche Aufmerksamkeit auf die prekäre Lage des ärztlichen Standes gelenkt. Wenn man aber überhaupt von Aerzteelend spricht, so sind von demselben ganz besonders die jüdischen Aerzte betroffen. Diesen ist nicht nur die Karriere dadurch erschwert, daß sie auf fast keiner Universitätsklinik als Sekundarärzte und Assistenten ausgenommen werden, sondern! auch wenn sie in die Praxis hinaustreten, sind sie, besonders in! Wien, von kommunalen und staatlichen Anstellungen ausgeschlossen. Ja sogar an mit jüdischem Gelde errichteten Justituten, wie z. B. im Bettina v. Rothschild-Pavillon am Wilhelminenspital, werden jüdische Aerzte von der Leitung abgelehnt, und traurig genug, wenn dies noch bei Lebzeiten des Stifters möglich ist. Diese letztere, allerdings höchst bedauernswerte Tatsache läßt die Vermutung auskommen, daß auch an der von dem 20-Miüionen- Legate des Freiherrn Nathauiel von Rothschild zu errichtenden Nervenheilanstalt jüdische Aerzte nicht werden zugelassen werden, und wir sehen uns veranlaßt, auf ein derartiges Unrecht schon jetzt hinzuwetsen, damit Baron Albert von Rothschild oder die von ihm ins Kuratorium entsendeten Persönlichkeiten rechtzeitig Vorsorge treffen, daß hier nicht der Taufschein sondern die Qualistkation maßgebend sei und in die Verwaltung einer vom Geiste edelster Menschenliebe intendierten und von einem jüdischen Philanthropen errichteten Stiftung das Gift des Antisemitismus eindringe. Die Bewegung, die anläßlich des 50jährigen Todestages Heinrich Heines in deutschen Schriftsteller- und Gelehrtenkreisen neuerlich zu Gunsten eines Denkmals für den Dichter entstanden ist, verdreht den waschechten Teutonen und den Antisemiten im deutschen Reiche, wie auch in Oesterreich ganz und gar die Köpfe. Nach Bartels prosaischer Poesie wäre das Heine- Denkmal nichts mehr und nichts weniger als „ein deutlich Zeichen, daß jetzt von unserm deutschen Volk die guten Geister weichen." Ja, an dem Heine-Denkmal würde „man allerwegen merken, daß unser blindes deutsches Volk dem Judentum erlegen.* Wie doch gerade die Hauptgermanen das deutsche Volk unterschätzen! Wir halten, nachdem in den letzten Jahren eine förmliche Denkmalsepidemie geherrscht, nicht mehr viel von Denkmälern, die im Kurse ganz bedeutend gesunken sind, und Heine hat ein Denkmal Gott sei Dank nicht nötig. Er hat sich in Herz und Gemüt des deutschen Volkes wie wenige deutsche Dichter hineingesungen und durch seine Gedichte sich selbst ein Denkmal errichtet. Die frommen Zeloten und die Erbpächter des deutschen Patriotismus sind außer sich darüber, daß Heine ein Denkmal gesetzt werden soll. Die ersteren, weil Heine gottlos gewesen sein soll. Dennoch sagt er selbst in seinem Testament: „Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele. Ich b edaure, in meinen Schriften zuweilen