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Die Wahrheit · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Oestm-Ungar. Kantoren-Zkitung. Alte und neue SynngogenmnftK. Die unter dem Titel „Synagogengesänge von einst und jetzt" kürzlich erschienene Entgegnung des Herrn Kollegen B. Singer auf meine neulichen Ausführungen hat mir die Duplik allzu leicht gemacht. Der Herr Kollege ging nämlich auf den Kern meiner Behauptungen überhaupt nicht ein. Diese gipfelten in dem Grundsätze: Bei der Wahl eines T o n st ü ck e s für d i e S y n a g o g e darf nicht allein der melodische Wert, sondern muß der gesamte musikalische Inhalt der Komposition ausschlaggebend sein. Diese meine Behauptung blieb seitens des Herrn Kollegen unwidersprochen und ich kann füglich annehmen, daß ich diesbezüglich ihn und wohl auch andere werte Kollegen überzeugt habe. Die Entgegnungen des Herrn Kollegen richteten mch bloß gegen einzelne meiner Beweismittel, und ich will in 'folgendem der Reihe nach auf diese antworten: Zuerst richtet der Herr Kollege an mich als Umkehrung meiner Frage „Was ist melodiös?' die Gegenfrage: Was ist andachterregend?" — Ich will andachterregend ein Tonstück nennen, das vom Komponisten in andächtiger Stimmung 'empfunden und ehrlich niedergeschrieben, in dem Durchschnittshörer die gleiche Empfindung erweckt, ohne ihn durch Aeußerlichkeiten, wie z. B. ins Ohr kriechende Melodie, oder gezwungen interessante Harmonik rc. blenden zu wollen. Der Durchschnittshörer muß freilich von vornherein berücksichtigt werden; in unserem speziellen Falle wird ihn, der Jude und Kulturmensch .zugleich ist, iveder die starre echtchristliche Musik, noch Ueberschnörkelung znr Andacht begeistern. — Ich glaube also, daß der Begriff ..andachterregend" ein ganz bestimmter ist und -sicherlich noch viel deutlicher zu definieren geht, als ich es hier versucht habe, während „melodiös" anerkanntermaßen etwas völlig Subjektives bedeutet, daher als Grundlage zur Beurteilung -ernster Kunstübung imverwendbar ist. Quod erat demonstrandum. Der Herr Kollege versucht zwar, auch für den Begriff „melodiös" eine Umschreibung zu geben. Nach ihm wäre ein Tonstück melodiös, wenn es jüdischen ,Taam" hat. Nun, das glaubt er sich wohl selbst nicht! Dann wäre ja überhaupt jede nichtjüdische Musik unmelodiös, und das will er gewiß nicht behaupten. Vielleicht etwas wesentlich anderes, worin ich ihm beistimmen möchte: daß in der Synagoge im allgemeinen nur solche Musik zu hören sei, die Juden zu Schöpfern hat. Gewiß! Aber der Grund liegt keineswegs darin, daß nur solche für den jüdischen Hörer wirkungsvoll in gutem Sinne ist — wir hören im Tempel auch aus nichtjüdischer Feder geflossene Tonwerke mit Entzücken und Begeisterung; ich erinnere nur an den Es-dur Adön-ölom im Schir-Zion I — der Grund liegt vielmehr in einem gewissen Stolze, den wir am besten nationalen Stolz nennen könnten. Wir haben es bei dem Reichtum unserer Synagogengesangslitteratur gottlob nicht nötig, unseren Gottesdienst mit fremden Federn zu schmücken (im allgemeinen, Einzelfälle wohl ausgenommen). Das fühle ich als Grund für das Verlangen, im Tempel nur jüdische Musik zu hören. Als weiteres Beweismittel zog ich eine Bühne heran, die ihr Repertoire bloß nach dem Geschmacke der breiten Menge gestaltet; ich nannte sie Schmiere. Auch diese Behauptung kehrt der Herr Kollege um und nennt Schmiere eine solche Bühne, die mit unzulänglichen Kräften sich an Klassisches heranwagt. Darin liegt nun ein doppelter Irrtum. Erstens verdient diese Bühne nichts weniger als eine verächtliche Bezeichnung; ihr Uebel liegt in der unpraktischen Leitung, denn sie wird an ihrem Idealismus verbluten. Das ist wohl ein bitterer, aber kein unedler Tod. Zweitens, und da kann ich dem Herrn Kollegen seinen. Grundirrtum am schlagendsten beweisen, ist denn klassische Musik überhaupt schwerer ausführbar als nichtcklassische? Ist den „klassisch^ und „schwierig^ identisch? Das kann wohl niemand behaupten. Der innere Wert eines Tonstückes ist von seinem Schwierigkeitsgrade ganz unabhängig, und um ein Beispiel aus unserem Spezialgebiete zu wählen, ist das schon erwähnte „8u seh’orim in d-moll von Naumburg sicherlich weit, weit schwieriger auszuführen als die Vertonung desselben Textes durch Sulzer (Schir Zion I, Nr. 63). Und doch ist jene Komposition ein trauriges Beispiel in die Synagoge gedrungener Operettenmusik, während ich für letzteres Tonwerk nur eine Bezeichnung finde: erhaben. Diese Klänge könnte wahrlich ein Beethoven erdacht haben. Auch Wagner war mir nur ein weiteres Beweismittel, und ich gab in meinen Ausführungen keinen Anlaß, von mir zu denken, daß ich den Einfluß Wagners auf unsere Synagogenmusik wünsche. Alle daran geknüpften Folgerungen sind demnach gegenstandslos. — Da wir aber gerade davon sprechen, möchte ich auf eine Stelle in der jüngst in diesem geschätzten Blatte erschienenen Besprechung der letztedierten Kompositionen Rubins zurückkommen, wo über den allzu weit gehenden Einfluß Wagners aus Rubin geklagt wird. Auf die Gefahr hin, für taub zu gelten, muß ich bekennen, daß ich von diesem Einflüsse nie etwas merkte, und ich glaube, meinen Rubin ziemlich gut zu kennen. Sollte dieser Einfluß aber wirklich bestehen, und zeitigt er für die Synagogenmusik solche Blüten, wie dieser Psalm 128 von Rubin, dann rufe ich aus voller Brust: Vivat Wagner! Vivant sequentes! Dem Herrn Kollegen auf die persönlich gewordenen Bemerkungen, die den Schluß seiner Entgegnung bilden, in derselben Weise zu antworten, will ich nicht erst versuchen. Nur soviel: Ich wollte den Herrn Kollegen nicht belehren — denn dies hätte ich in einem Privatbriese getan — sondern ihm öffentlich entgegentreten. Sein erster Artikel erschien ja überdies anonym, daher hatte er kein Recht, selbst eine eventuelle Belehrung zurückzuweisen. — Der Umstand, daß der Herr Kollege schon vor mehr als 20 Jahren über Sulzers Bedeutung schrieb, beweist allerdings, daß er von dieser Bedeutung weit früher wußte, als ich. Heißt aber Früherwissen auch schon Besserwissen?'-Nnn ich konzediere ihm freiwillig, daß er Sulzers Größe tiefer als ich erfaßt. Umso verwunderlicher, ja unbegreiflich ist es, wenn er, für wie immer geartete Verhältnisse, ob für kleine oder große Synagogen, ob für schlecht oder gut besetzte Chöre, einen Sulzer einem Naumburg hintansetzen kann. Und damit will ich meinerseits diese Polemik beschließen. Leo Kornitzer, derzeit Oberkantor in Saaz. Soeben erschien in meinem Kommissionsverlag: Schir Zion, Gesänge für den israelitischen Gotfesdienst, von S&lomon Sulzer, Revidiert and heraasgegeben von Joseph Sulzer. Preis Kronen 58.— Seit vielen Jahren vergriffen, erscheint dieses Werk des verstorbenen Meisters in neuer von dessen Sohn heraasgegebenen Auflage und wird dieselbe von Synagogengemeinden und den Herren Kantoren mit Freuden begrüsst werden. Leipzig. M. W. Kaufmann. Hamnazeach in. 1.3 Hefte g-e teilt, pro Heft fl. 1.— Zu beziehen bei Frau 9E. Sohön (verwitwete Wodak) Wien, I., Seitenstettengasse Nr. 4. HiininSI7P!IPh TOn berufenen Autoritäten vorzügliches begutachtet und als vortreffliche Arbeit und nach jeder Richtung bedeutsame Erscheinung wärmstens empfohlen, enthält Alles, was ein Israel. Cantor innerhalb und ausserhalb des Tempels an Chasonus, Rezitativen und Kasualien benötigt, in reichster Fülle. vs rat

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