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Die Wahrheit · 1906-02-23 · Heft 8 (23.2.1906) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 8 (23.2.1906)
Date
1906-02-23
Page
– (sequence 6)
Language
German
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'X're ^ia)tijtu: ya*. 8. schied von den Seinen. Dann zog er ans Tote Meer. Hier! starb er, nach — im ganzen — sechs Monaten, schmerzlos, in I der größten Abgeschiedenheit.! Nur Joses und Nitodemus waren von der Jerusalemer Gemeinde zuletzt noch bei ihm. Johannes aber, der bei den letzten Ereignissen bis zum Abschied auf dem Oelberge anwesendwar und die wahren Vorgänge kannte, redete und schrieb nichts darüber. Ebenso Matthäus. Was jedoch Markus und Lukas hierüber schrieben, stützte sich lediglich auf die im Volke umgehenden Gerüchte und entsprach nicht den Tatsachen. Denn beide waren nicht dabei.- Soweit unsere beiden Schriften. Wie weit ihre Hauptpunkte sich mit den Evangelien decken, wie weit sie — natürliche Dinge in natürlichem Tone berichtend — von ihnen abweichen, mag ein jeder durch eigenes Vergleichen feststellen und sich — je nach dem Stande seiner kritischen Neigung — ein eigenes Urteil über diese Erzählungen bilden. Wünschenswert wäre es, wenn auch theologische Autoren zu ihnen Stellung nehmen wollten. Unter dem Schleier der Maja. „Unter dem Schleier der Maja" lautet die Ueberschrift eines Aufsatzes, den Roderich Stoltheim in Nr. 87 des „Hammer" veröffentlicht. Die Ueberschrift ist das einzig zutreffende an dem Artikel; denn der ihn schrieb, muß verblendet sein, und nur an Verblendete kann er gerichtet sein. Wir haben selten etwas Verblendeteres gelesen, und das ist ein mildes Urteil. Glaubt ja der Verfasser, oder gibt er sich nur den Anschein zu glauben, daß „irgend welche geheimnisvollen Mächte den erkennenden Sinn vor manchen Wissensgebieten zurückscheuchen," „daß die freiesten Denker durch Rücksichten verhindert werden, über manche Dinge die volle Wahrheit zu sagen"? Die „Wissensgebiete" und „manchen Dinge" sind die Juden, die nach einer andern Hypothese des Verfassers auf die ganze Welt hypnotisierend und suggerierend einwirken. Der Verfasser beruft sich auf Heine, der, selbst von jüdischer Abkunft, gesagt habe, die Juden seien noch jetzt wie im Mittelalter „ein wanderndes Geheimnis". Wir möchten Heine ergänzen und sagen, sie werden es auch überall und immer sein, wo und so lange man sie durch Gesetze oder gesellschaftlich in Ghettos eingesperrt oder sonst mehr oder weniger abgesperrt hält. Wo sie frei mit den Anderen verkehren dürfen und gleich den Andern behandelt werden, sind sie nicht im geringsten „ein Geheimnis". Alsdann beruft der Verfasser sich auf Stellen in Disraelis Romanen. Nun ist es immer eine heikle Sache, Auslassungen in Romanen oder Dramen sozusagen realpolitisch ernst zu nehmen. Von Disraeli weiß man zufällig, daß er, um sich persönlich Bahn zu brechen, es für das praktischeste hielt, seine jüdische Abstammung möglichst zu glorifizieren und schließlich hat er sich in diese Glorifikation so hineingeredet und hineingeschrieben, daß sie bei ihm gewissermaßen zur fixen Idee geworden ist, wenn er nicht es für vorteilhaft gehalten hat. die Maske konsequent bis an sein Lebensende durchzuführen. Die Engländer, die klüger sind als Herr Stoltheim, haben über Disraelis „asiatisches Mysterium" gelächelt, gar auch gelacht und es für vorteilhaft gehalten, nicht nur die von Herrn Stoltheim so gefürchteten Auslassungen, sondern auch ihren Autor nicht zu fürchten, haben ihn wiederholt zu ihrem Minister, selbst zum Premierminister gemacht und sind dabei so wenig schlecht gefahren, daß sie den toten Staatsmann noch immer feiern. Uebrigens sind sehr viele in seinen Romanen aufgestellte Behauptungen Disraelis nicht stichhältig. „Die Professorenstühle von Deutschland" sind noch niemals auch nur annähernd von Juden „monopolisiert" gewesen, und die ihm von Herrn Stoltheim untergeschobene Prophezeihung, daß die Juden die akademischen Lehrstühle monopolisieren werden, ist, wie männiglich bekannt, auch nicht in Erfüllung gegangen. Herr Stoltheim freilich behauptet, die Juden seien heute „nicht nur im Begriff, die Diplomatie und die Wissenschaft zu monopolisieren, .sie hätten auch die öffentliche Presse und das Theater so gut wie monopolisiert." Alles dies ist nicht wahr. Selbst die am öftesten gehörte Behauptung, die Juden hätten die Presse so gut wie monopolisiert, ist eine trotz ihrer häufigen Wiederholung durchaus unwahre Behauptung, was ein kurzer Ueberblick zur Genüge erhärtet. Die konservative, die offizielle, die offiziöse, die Zentrums- Presse, die unparteiische ist frei von jedem jüdischen Einfluß und die antisemitische doch wohl auch. Es kann also nur ein Teil der liberalen Presse mehr oder minder unter jüdischem Einflüsse stehen, und der kann doch, nach den Zahlenverhältnissen der parlamentarischen Fraktionen zu schließen, nicht über das ganze deutsche Volk sich erstrecken. Sehr drollig ist es, daß der Verfasser Lessings Nathan verantwortlich macht für „die Hypnose des modernen Geistes", und er unterstellt dabei, daß Lessing diese Hebräer-Verherrlichung „vielleicht auch aus ein wenig Liebedienerei gegen seinen jüdischen Freund und Geldgeber Moses Mendelssohn geschrieben hat". Dabei ist nur merkwürdig, daß im Vaterlande Lessings es den Juden lange nicht so gut geht, wie in verschiedenen anderen Kulturländern, in welchen nur Literaten Lessings Nathan kennen. Also würde der deutsche Dichter mit seinem Werke mehr telepathisch gewirkt haben. Interessant ist jedenfalls der Eselstritt, denn ein Teutscher einem der deutschesten Deutschen, dem guten Lessing, abgeschwächt allerdings durch ein ..vielleicht" versetzt. Aber etwas soll wohl hängen bleiben. Das Allerdrolligste aber ist, was der Verfasser von dem bezaubernden, bezw. hypnotisierenden jüdischen K a u f m a n n, vom Trödler bis zum Warenhausbesitzer, sagt, wobei er auch zu verstehen gibt, „daß hier der in alten Religionen so bedeutsame ,Blutzauber< eine Rolle spielen könnte". Er schreibt: „Tatsächlich übt der Hebräer durch Blick und Gebärde und durch seinen sinnverwirrenden Redeschwall auf viele schwache Gemüter, besonders auf Frauen, eine betörende Wirkung aus, die sich oft bis zur völligen Willenslähmung steigert. So manche Frau, die von ihrem Manne Vorwürfe darüber erhält, daß sie einem jüdischen Hausierer eine Menge nutzloser und minderwertiger Waren abgekauft und ihr Geld bis zum letzten Groschen ausgegeben hat, weiß zu ihrer Rechtfertigung nichts weiter zu sagen als: — ich konnte nicht anders — ich mußte dem Manne die Sachen abkaufen! — Und in Warenhäusern ist es ein ähnlicher Zauber, der schwache Frauen nicht nur zum sinnlosen Kaufen, sondern sogar — zum Stehlen verführt." Das ist doch wohl das non plus ultra jüdischer Niedertracht, daß der Jude die Frauen so bezaubert, daß sie ihn bestehlen. Beiläufig möchten wir bemerken, daß beispielsweise in den beiden größten Berliner Warenhäusern die Chefs so gut wie unsichtbar für das Publikum sind, daß das Verkaufspersonal fast durchweg nicht jüdisch ist, daß nirgends so wenig das Publikum von den Verkäufern zum Einkauf beeinflußt wird wie in den Warenhäusern. Der Verfasser benutzt die Gelegenheit, da er von dem Einfluß der jüdischen Kaufleute auf das weibliche Geschlecht spricht, auch von der „unheimlichen Macht des Hebräers über das weibliche Naturell in delikateren Dingen zu faseln und das Hebräertum als „einen äußerst gefährlichen Feind für das soziale wie für das sittliche und leibliche Wohlergehen unseres Volkes" zu denunzieren. Es ist dies eine Umschreibung der früheren antisemitischen Behauptung, daß die ganze deutsche Frauenwelt sich den Juden preisgebe. Früher, als die Antisemiten noch ungenierter waren, machte man das jüdische Geld verantwortlich für die Käuflichkeit der deutschen Frauen. Jetzt, da der Antisemitismus es liebt, sich ein fadenscheiniges wissenschaftliches Mäntelchen umzuhängen, zieht man es vor, von Hypnose, Suggestion, Schleier der Maja und sonstigem faulen Zauber zu sprechen. Da loben wir uns doch den ollen ehrlichen Dreschgrafen, der seine konfusen Reden nicht wissenschaftlich verbrämte, und nur roh, nicht direkt widerwärtig war. Aber es ist dies, wie wir schon wiederholt zu bemerken Gelegenheit gehabt haben, die neueste antisemitische Richtung. Wotan und Maja und was der mißbrauchten Namen mehr sind!

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