Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 7 (16.2.1906)
- Date
- 1906-02-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Neue Grganisationspläne in Ungarn. Selbst unsere entschiedensten Gegner werden die Tatsache nicht leugnen können, daß wir seit mehr als zwei Jahrzehnten bestrebt sind, für die Interessen unserer Berufsgenossen bei jeder Gelegenheit einzutreten und die so überaus dringende, einheitliche Organisation der Kantoren Oesterreich-Ungarns zu fordern. Wenn trotz aller bisher nach dieser Richtung geleisteten Arbeit der Erfolg hinter den Erwartungen weit zurückgeblieben ist, so liegt die Schuld, nächst der beklagenswerten Indolenz der großen Mehrheit der Berufsgenossen, vornehmlich in dem Amstande, daß so oft neue Anläufe zur beruflichen Organisation genommen werden, immer das Trennende statt des Einigenden gesucht und dadurch der enge Zusammenschluß von vornherein gehindert wird. Bei der vollständigen Gleichheit der kantoralen Verhältnisse in Oesterreich-Ungarn und bei dem steten Wechsel, der zwischen den jeweiligen Besetzungen in den beiden Teilen der Monarchie besteht, sind wir, im Einklänge mit den hervorragendsten Berufsgenossen, der festen Ueberzeugung, daß nur ein gemeinsamer großer Verein zum erwünschten Ziele führen kann und daher der „Oesterr.-ungar. Kantoren-Verein" den Stützpunkt für die einheitliche Organisation der Kantoren Oesterreich-Ungarns bilden muß. Von diesen Gesichtspunkten geleitet, müssen wir uns gegenüber dem Aufrufe, in welchem in den letzten Tagen für eine neue Vereinsgründung in Ungarn plaidirt wird, höchst skeptisch verhalten, wollen aber im Interesse der Objektivität zunächst den Aufruf selbst im Nachstehenden vollinhaltlich veröffentlichen: Aufruf au die ifr. Gemeiudebeamten des Landes. Hochgeehrte Kollegen! In allen Schichten der Gesellschaft gleichartiger Individuen verbinden sich zu einer Organisation.. Ein jeder kann von dieser Wahrheit überzeugt sein, daß ein einzelner Mensch im schweren Kampfe des Lebens viel eher unterliegen kann; wogegen mit vereinter Kraft edle und nützliche Ziele zu erreichen find, sowohl für jeden einzelnen, als auch für das Gesamt- Interesse. Wir brauchen beispielsweise nicht weit zu gehen: Hier ist der in Religionszwecken mit uns gemeinsam dienende Lehrer- Drper, welcher im Besitze eines starken, blühenden Verbandes ist. Dieser Verband verfügt über einen Fond von nahezu 200.000 Kronen, von welchem sie hilfsbedürftige Mitglieder unterstützen, ihre Interessen schützen, mit dem Ableben der Mitglieder deren Witwen und Waisen behilflich sind und zur Erörterung von Fachfragen ein Blatt aufrechthalten. Wenn wir bedercken, daß für die Lehrer auch der Staat sorgt, sie in Schutz nimmt und dieselben an einer Pension beteiligen, wie vielmehr sollten die Gemeindebeamten Zusammenhalten, um welche Erstarkungsquelle zu beschaffen, denn uns schützt kein Gesetz, keine staatliche Macht und es gibt kein Forum, wohin wir uns in beschwerlichen Angelegenheiten wenden könnten. Wir sind verlassene stieftnütterliche Kinder der Gesellschaft. In meist vorkommenden Fällen können einzelne unter uns ihr himmelschreiendes Unrecht deshalb nicht abhelfen, weil es ihre Vermögensverhältnisse nicht gestatten, ihre Rechte zu erfechten. Die dem Sturze Nahen kämpfen mit der Not und können auf ihre alten Tage den Bettelstab in die Hand nehmen. Wahrlich selbst derzeit gibt es viele unter uns, deren Sorgen um die Zukunft chrer Familie bleischwer auf ihrer Seele liegen und das Bewußtsein entmutiget, erniedrigt sie zu Sklaven. Kann also dieser Zustand ewig so bleiben? Ist es nicht unsere Pflicht, alles anzuwenden, um diesem Uebel abzuhelfen? Wir wissen zwar gut, daß in einzelnen Gemeinden die Zukunft unserer Kollegen gesichert ist, doch muß der Mensch nicht nur für sich, sondern auch fiir seinen Nebenmenschen sorgen. Ueberhaupt in einer solchen moralischen Körperschaft, wie die der Gemeindebeamten, soll das Leben unseres Mitmenschen und-- Kollegen ebenso lieb sein, wie das unsrige. Halten mir vor Augen. die Worte unserer heiligen Schrift -pjr -]tik -m Endlich müssen wir noch einen großen Fehler erwähnen^ den wir gut zu machen haben. Dieser bezieht sich auf die Vorbeter und auf den in dieses Fach einschlagenden Beruf. Nämlich wenn wir wollen, daß eine bestehende sind einen hohen Beruf, einnehmende Körperschaft — seitens der Gemeinde und' der hohen Regierung auch anerkannt sei, dann sollen wir ebenso, wie alle anderen Gemeindefnnktionäre, auch eine Hochschule haben, welche uns zu unserer Stellung' ausbildet und wo wir auch die Kultur unseres geliebten Vaterlandes kennen lernen sollen. Hochgeehrte Kollegen! Es hat sich aus den in der Residenz^ stadt und Umgebung wohnenden Kantoren eine Organisationskommiffion konstituiert, welche keine Mühe und Mittel schonend? dahin bestrebt sind, den isr. Gemeindebeamten-Landesvelbaud entstehen zu lassen. Diese Vereinigung bietet Gelegenheit, daß, wir unsere Stellung zu einer moralischen Höhe erheben, sowiedaß wir für uns und unsere Familie Sorge tragen können.. Demgemäß ist unser Zweck folgender: 1. Die Errichtung eines Pensionsfondes für isr. Gemeindebeamten. 2. Die Unterstützung hilfsbedürftiger Mitglieder^ 3. Bietung von Rechtshilfe an Mitglieder unentgeltlich. 4. Errichtung eines Fachblattes zur Förderung der Selbstbildung und zur Pflege des kollegialischen Mitgefiihles. 5: Gründung einer Vorbeterschule. Es ist unsere Ueberzeugung und fester Glaube, daß unsere Bewegung, welche aus, dem Herzen des Landes, aus unserer- Hauptstadt ausgegangen ifh wo unsere Sekte ihre Landeskanzleien und die hohe Regierung ihren Sitz hat, nicht unfrucht^ bar bleiben wird, sondern sie wird zur Erreichung unserer uns vorgesetzten edlen Ziele, lebensfähig und stark sein. Wir bitten daher, sehr geehrter Herr Kollege, wollen, mittelst Ausfüllung der am unteren Teile der ungarischen Seite befindlichen Beitritts-Erklärung und Übermittelung derselben an, uns Ihren Beitritt gefälligst anmelden, daß wir binnen kurzer Zeit eine Landesversammlung einberufen. können, bei welcher Gelegenheit wir unsere Statuten und die Mitgliedsbeiträgei ordnen werden. Budapest, am 1. Feber 1906 Mit glaubensbrüderlichem Gruße: Von Seite des Organisaiionscomit^s, Moor Rafaeß Präses; Klemensz Bertalan, Neupefter Oberkantor, Vicepräses; Krausz Jakob, Pester Kantor, Vicepräses; Hartmann David, Budapester Oberkantor, Kassier;, Frey Israel, Pester Kantor, -Sekretär; Dr. Krämer Miksa, Rechtsanwalt; Ehrenthal Benö; Budapester Oberkantor X., Kontrollor; Müncz Jakob; Budapester Oberkantor HI., Kontrollor. In den letzten Tagen sind uns nun von zahlreichen ungarischen Kollegen Zuschriften zugegangen, in welchen aus mannigfachen Gründen vor dem Anschluß an den projektierten Verein gewarnt wird. Bevor wir uns nun mit dem Aufrufe eingehender beschäftigen, wollen wir eine dieser Zuschriften im Nachstehenden veröffentlichen: Löbliche Redaktion! Anbei sende Ihnen einen mir vor kurzem zugesandten Aufruf zur Gründung eines Vereines, der meiner Meinung nach nur den Zweck haben soll, einerseits arme Kultusbeamte zu unfruchtbaren Geldopfern zu veranlassen,, und andererseits einige unbekannte, mitunter dem Kantorenstande gar nicht angehörende oder nur in sehr losem Zusammenhänge mit demselben stehende Personen populär zu machen oder ihnen materiellen Nutzen zu bringen. . An der Spitze des Aufrufes steht Rafael Moor, der mehr als 20 Jahre dem Fache nicht mehr, angehört und während-, seiner Amtstätigkeit keinen Kollegen unterstützt oder mit ihm.