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Die Wahrheit · 1906-01-19 · Heft 3 (19.1.1906) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 3 (19.1.1906)
Date
1906-01-19
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Oeftm .-Ungar, kantoreit -Zeitung. Unsere Synagogenmnstk und ihre Meister. Von Armin Wilkowitsch. Im letzten Artikel des Herrn B. S. in Jungbunzlau versuchte derselbe eine Direktive zu geben, welche Kompositionen sich zur Aufführung für kleinere Chöre gut eignen und meinte dabei: „Es wäre hier noch eine größere Anzahl von jüdischen | Musikern und deren Werken anzuführen, aber jeder Kollege! besitzt hierin ein ausgiebiges Repertoir; ein kleiner Fingerzeig dürfte jedoch nicht schaden." Diese Anregung veranlaßt mich, -einige Worte, die mir längst auf den Lippen schwebten, an dieser Stelle auszusprechen. Vor Jahresfrist wurde bekanntlich unser Altmeister Sulzer anläßlich der. Wiederkehr seines hundertjährigen Geburtstages in aller Herren Ländern gefeiert. Seine unvergänglichen Verdienste um den geregelten jüdischen Gottesdienst, um das moderne Rezitativ, um die Responsen rc. rc. sind uns allen nur zu gut bekannt; wir alle huldigen seinem unsterblichen Werke und können nur noch eines hinzufügen: Heil uns, daß uns der Herr einen solch hehren Vorkämpfer für die heilige Sache des jüdischen Gottesdienstes sandte! Doch erscheint es nicht recht und billig, auch der Verdienste jener gottbegnadeten Zeitgenossen unseres Reformators oder Jener, die im Geiste des genialen Meisters weiter schufen und den jüdischen Gottesdienst mit herrlichen Werken beschenkten, in Anerkennung ztt gedenken? Sollen wir eines herzbezwingenden Sängers, wie es der unsterbliche Weintraub war, leichten Herzens vergessen? Sein Neila rAtto nösen j ad Ffausclnm und Atto hiwdalto“ ist in unserer Tempelmnsik noch nicht übertroffen worden. Vermögen wir einen Naumbirrg, Halevi mit Gleichmut aits der Geschichte unserer Musik zu streichen? Und tvie heißen sie, die von der Muse Geküßten, alle? Lewandowski, Deutsch. Löwenstamm, Weiß, der gewaltige Sänger Josef Goldstein, Grünzweig, Rubin, Kirschner, Lachmann, Goldstein in Steinamanger rc. rc. „Gewiß nicht! , höre ich im Geiste die Antwort, „doch wer brachte den Schreiber ans diese drollige Idee? Zollt denn nicht die jüdisch-musikalische Welt all' den Meistern Anerkennung, ja Ehrfurcht?" Mit nichten! — Anläßlich der Zemennarfeier unseres größten Synagogenkompositeurs veröffentlichte ein! „Wiener Gemeindemitglied" in der „Oesterr. Wochenschrift" ^Nr. 10, 11. 1904) unter dem Titel: „S alomo n Sulzer und der Wiener Tempel" einen Artikel, der. trotzdem der Verfasser in jeder Zeile den Mangel an Fachkenntnis verriet, besonders von tms Kantoren mit viel Interesse verfolgt wurde. Dem Schreiber dieses war es. leider nicht vergönnt, dem wunderbaren Gesänge, dem über alle Maßen gerühmten Rezitative des großen Meisters zu lauschen, allein in Wien lernte er eine große Schaar von Sulzer-Enthusiasteu kennen, die die Sangeskraft des Altmeisters, den Zauber tmd den Schmelz seiner phänomenalen Stimme mit Verzückung schilderten, und ich wundere mich nicht, wenn der Artikelschreiber, der gewiß auch ein feuriger Sulzerianer ist, das Finale in folgenden Akkorden ausklingen läßt: „An eine solche erhebende Erinnerung ist jedoch eine ernste Mahnung zu knüpfen. Es kann nicht übersehen werden, daß Sulzers Werk seither in seinen Fundamenten bedroht ward. In sehr vielen Gemeinden und unter mannigfachen Vorwänden werden die Sulzer'schen Melodien außer Uebung gesetzt, um neueren, meist minderwertigen Musikstücken Raum zu schaffen. Diese Tendenz, welche sich überaus breit macht, ist. durch die Eitelkeit und Urteillosigkeit vieler Vorbeter, durch ihre mangelnde Kenntnis der Geschichte unseres'Synagogengesanges, dann auch dadurch herbeigeführt, daß die Gemeindevorsteher sich zu wenig um eine sachgemäße Durchführung der gottesdienstlichen Uebungen kümmern. Das derzeitige Kantorengeschlecht kennt nicht die befruchtenden Quellen, aus denen Sulzer seine Melodien geschöpft hat, und der alte Synagogengesang, in welchem die von Sulzer harmonisierte Musik verborgen lag, ist den heutigen Sängern und Komponisten fremd. Sie treten an das Werk ohne Weihe, häufig ohne Eignung, fast immer ohne Kenntnis des Ursprungs und der Entwicklung des Synagogengesanges — sie sind derjenigen Sphäre fremd, in welcher sie schaffen und wirken wollen. Infolge dessen sind die nachsulzer'schen Synagogen-! melodieen zumeist verblaßte Plagiate aus kirchlichen Komponisten'oder aus Musikwerken, die mit dem Geiste des jüdischen Gebetes in keinem organischen Zusammenhang stehen." Dazumal, als der Genius Sulzers wieder erwachte und über den sangesknndigen Männern in Israel schwebte, als man sich allüberall anschickte, Sulzerseiertt abzuhalten, wäre eine diesbezügliche Erwiderung nngeziemend gewesen, ja es Hütte einen Mißton in die Jnbelklänge gebracht; endlich aber muß gesagt werden, daß das Wiener Gemeindemitglied — so sehr wir in der Verehrung Sulzers mit ihm sympathisieren — sich in seinem Eifer ein wenig „verrannt" hat. Es muß gesagt werden, daß Sulzer selbst es kaum gewünscht hat, das letzte Wort in der jüdischen Miffik gesprochen zu haben. Ich erinnere mich in diesem Fachblatte gelesen zu haben, daß der große Meister zu seinem Nachfolger, Oberkantor Singer-Wien, folgende Aeußerung getan hat: „Wir Alten haben das Werk begonnen, und Ihr Jungen sollt das Werk v e r v ollst ä n d i g e n!" Dieser hervorragende Künstler, dieser ausgezeichnete Mensch, wie er allgemein geschildert wird, war gewiß nicht mit der Krankheit der kleinen Leute, mit Eifersucht und Mißgunst, behaftet. Gewiß hätte er mit Mose gesagt: Ham’kaneh atto‘li? Mi jitten kol am Adonoj newiim. (Ein Schlußartikel folgt.) Fünsiigjähriges Dienltsnbilänm. In aller Stille beging vor kurzem in Jglau Kantor Karl Brunner das Jubelfest seiner 50jährigen Berufstätigkeit. Wer wie er bescheiden und anspruchslos in seinem Wandel gewesen ist, der liebt es nicht, zu diesem freudigen Anlasse geräuschvolle Feste zu begehen und sucht sich allen dargebotenen Aufmerksamkeiten zu entziehen. Darum ist es geschehen, daß nur eine getreue Schar von Amts¬ und Glaubensgenossen, welche periodisch einen Einblick in die jüdische Fachpresse nehmen, von Kantor Brunners Jubiläum Kenntnis erhalten haben.! Aber alle, die dies rechtzeitig erfahren haben, erwiesen diesem pflichteifrigen Kultusbeamten die gebührende Gunstbezeugung durch Gruß und sinnige Geschenke. Denn dies hat der Gefeierte wohl verdient in Anbetracht seiner Karakterfestigkeit und Tüchtigkeit in der Ausübung seiner obliegenden Pflichten sowohl als Kantor als auch als gewandter Mohel und Ausbildner von Konfirmanden, wobei er sein echt jüdisches Wissen bekundete. Die Ehrungen, die dem Jubilar zu seinem Ehrentage zuteil geworden. sind nicht gering zu schätzen, denn als Erster stellte sich der löbliche österreichisch-ungarische Kanroren-Berein ein, der denselben in Anbetracht seines verdienstvollen Wirkens im Berufe — und weil er zu > den ehrenwertesten Vertretern seines Standes zählt — zu seinem Ehrenmitglieds ernannte. Selbstverständlich wurde der jubilierende Kantor in der Synagoge vielfach ausgezeichnet und verdient der vom Rabbiner Dr. Ungar meisterhaft stilisierte lob- und ehrenspendende Mischeberach zur Widmung für den Auszuzeichnenden erwähnt zu werden. Unser allverehrter Kultusvorsteher Adolf Lieblich hatte im Namen des Vorstandes ein Schreiben mit anerkennenden Worten an den Jubilar gerichtet, was auch der Vorstand der Pohrlitzer Kultusgemeinde tat, der Brunner in seinen Anfängen als Funktionär angehörte. Hocherfreut war aber auch der Gefeierte durch ein ihm zu Ehren dargebrachtes Ständchen; denn Brunner war früher ein eifriges Mitglied unseres Tempelgesang-Vereiues gewesen. Ein Doppelquartett, veranstaltet von unserem sehr bewährten Chormeister Josef Kohn, hatte durch den Vortrag einiger Lieder demselben ihre Ovation dargebracht, wobei der Senior der Sängerschar eine Ansprache an den Sangesbruder richtete, die ebenso herzlich erwidert worden ist. Bei dieser Gelegenheit wurden Toaste und Wünsche von allen teilnehmenden Verehrern ausgetauscht, welche Stimmung ungemein zur Verschönerung der Feier beitrug. Mögen also auch jene, die zum erstenmale erfahren, daß Kantor Brunner jubiliert hat, dies mit Befriedigung zur Kenntnis nehmen und namentlich seine Amtsgenossen sich dessen freuen, wie ein vflichttreuer Kultusbeamte die gebührende Würdigung findet. vixi.

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