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Die Wahrheit · 1906-01-12 · Heft 2 (12.1.1906) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1906
Issue
Heft 2 (12.1.1906)
Date
1906-01-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Leite 8. Die Wahrheit Nr. 2. Magyarisierens unglaublich viel geleistet. Er pflanzte in den Herzen der deutschsprechenden Ungarn den Baum der Erkenntnissß, gewann diese für die ungarische Staatsidee und erzog eine ganze Generation zu wahren und wahrhaftigen Patrioten. Und was er für die Menschlichkeit geleistet? Die Steine in den Mauern, die Hölzer im Gebälke kündeten es laut und vernehmlich. Brody hatte stets eine offene Hand, er wollte noch während seiner Lebensdauer die süße Frucht genießen, welche die Sonne seiner munifizenten Wohltätigkeit zur Blüte und zur Reife gebracht. Mehr als eine Million Kronen opferte der wackere Menschenfreund für das allgemeine Wohl, und das für Kr. 650.000 errichtete „Adele Brc> dy"-Kinderspital allein sichert ihm die Unsterblichkeit hienieden. Brody war aber auch ein Mustermensch, er war nie der herrische Chef seiner nach Hunderten zählenden Untergebenen, sondern er war stets ihr väterlicher Freund! Und seinem großen Verwandtenkreise war er nicht nur Bruder und Verwandter, er war mehr als das, er war ihnen ein fürsorglicher Vater, der sie alle, alle mit gleich inniger, herzlicher Liebe in sein großes Herz eingeschlossen hatte und die er — sozusagen — erzogen und zu vortrefflichen Männern herangebildet hat. Ein solcher Mann verdient es, daß man' seinen Heimgang betraure, daß man einen solchen Verlust beklage, daß man um Sigmund Brody trauere! Die Trauer um diesen großen Todten ist aber auch eine ebenso ungekünstelte als allgemeine. D. H. Spitzer. Moses Kapsali nnd seine Zeitgenossen. Von Dr. M. H. Friedländer. (Fortsetzung.) Kolon besaß trotz seiner ungeheuchelten Frömmigkeit die Schwäche, Verleumdern Gehör zu schenken und die Verleumdeten als Ketzer zu brandmarken. Kaum war ihm das famose Memorandum der bereits erwähnten vier Finsterlinge zu Gesichte gekommen, als er schon in feinem allzugroßen Übereifer Kapsali verurteilte und als Ketzer bezeichnete, ohne zuvor nähere Erkundigungen über dessen Charakter und religiösen Anschauungen eingeholt zu haben. In einem Sendschreiben forderte er die Inden der Türkei auf, Kaspali als Abtrünnigen zu betrachten, der nicht würdig ist, ein Rabbineramt zu bekleiden. Zu einem solch tadelnswerten Schritt ließ sich Kolon uicht etwa aus Neid oder Haß, sondern einzig und allein aus Furcht, daß Kapsali, der ihm als radikaler Reformator geschildert wurde, durch seine reformatorischen Be strebungen dem Judentum gefährlich werden könnte, verleiten. Als Kapsali in den Besitz dieses ihn in seiner Ehre und Würde kränkenden und verletzenden Sendschreibens gelangte, ließ er die Vertreter der bedeutendsten türkischen Gemeinden einberufen, um es ihnen vorzulegen. Mit tiefer Entrüstung wiesen die Gemeindevertreter die lügenhaften, jeder Begründung entbehrenden Beschuldigungen zurück. Kapsali selber schrieb eine Entgegnung an Kolon, in der er dessen unwürdige Verfahrungsweise scharf radelte. Die angesehensten Rabbiner Italiens, wie Menz, Del Medigo u. a. m. mißbilligten Kolons Benehmengegen Kapsali, dem sie seiner Charakterfestigkeit, gründlichen Gelehrsamkeit und herrlichen Tugenden wegen, die ihm gebührende Hochachtung und Anerkennung zollten. Als nun endlich Kolon die Ueberzeugung gewann, daß die Beschuldigungen der vier Verleumder, die mittlerweile von der Pest hingerafft wurden, rein aus der Luft gegriffen waren, gestand er reumütig, daß er sich versündet habe. Als er 1490 schwer darniederlag und dem Tode entgegen sah, trug er seinem Sohne Perez auf, nach Konstantinopel zu reisen und Kapsali in seinem Namen um Verzeihung bitten. Mit offenen Armen wurde Perez Kolon von Kapsali empfangen, liebevoll behandelt und kräftigst unterstützt. . Kgpsali vergaß umsomehr die ihm zugesügten Kränkungen und Beleidigungen, als er die Ueberzeuguug gewonnen, daß Kolon nicht aus Rachsucht, sondern aus allzugroßem Glaubenseifer so so schonungslos gegen ihn gehandelt hatte. Kolons Responsen „Teschubat Maharik" werderr heute noch von allen Fachmännern sehr geschätzt. Einer der würdigsten Zeitgenossen Kapsalis war der fromme^ gottbegeisterte und hochgelehrte R. Obadia da Bertinora. aus Cita di Castella (in der Romagna), der sich durch seinen vortrefflichen Komentar zur „Mischna"ein unverwüstliches Verdienst um die rabbinische Literatur erworben. Dieser fromme sanftmütige Mann hatte sich entschlossen, Europa zu verlassen und nach dem heiligen Lande anszuwandern. Er sandte zwei Reiseberichte nach Hause, und zwar den einen an seinen greisen Vater und den anderen an seinen Bruder. Beide Briefe, die sich im Besitze des Herrn Uri Günzburg in Paris befanden, hat Neubauer übersetzt. Sie sind höchst interessant und so mögen die Hauptstellen derselben hier reproduziert werden, weil sie über die damaligen Zustände unserer Glaubensgenossen in manchen Ländern, besonders aber über die Zustände in der jüdischen Gemeinde Jerusalems, wie über die Mißwirtschaft der dortigen Gemeindevorsteher Aufschluß geben. Der erste Brief, den er an seinen Vater gerichtet, lautet: „Meine Trennung hat Dir Kummer und Leiden verursacht; ich bin untröstlich, daß ich Dich zu einer Zeit, wo Deine Kräfte schwinden, verließ. Wenn ich daran denke, teurer. Vater, daß ich Dein graues Haupt zurückgelassen habe, so kann mein Auge sich der Tränen nicht erwehren. Ist mir nun das Glücks Dich bedienen zu können, wie es sich gebührt, versagt, da Gott einmal unsere Trennung beschlossen, so will ich Dir wenigstens meine Reiseerfahrungen mitteilen und die Sitten und Gebräuche der Juden , in allen Orten, wo ich hingekommen, schildern. ' (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. (Predigt.) Freitag-Abend, den 12. d. M., Predigt im Stadttempel. Wien. (Aus der Plenarsitzung des Kultusvörständesvom 7. Jänner 1906 unter dem Vorsitze des Herrn I. Vize-Präsidenten Dr. GustavKohn.) Der Vorsitzende teilt mit, daß der erkrankte Präsident Dr. Alfred Stern sich in. voller Rekonvaleszenz befinde und voraussichtlich in absehbarer Zeit seine Tätigkeit wieder aufnehmen werde. .Wird mit Befriedigung zur Kenntnis genommen.. Im Einlaufe befinden sich: Eine Spende von K 200.— des Herrn. Oberrabbiners Dr. Güdemann wie alljährlich zum Zwecke der Erbauung einer neuen Mikwah; ein Bericht über die am 23. Dezember v. I. abgehaltene Chanukafeier in der Versorgungsanstalt; zu dieser Feier widmeten teils Geld, teils Naturalien: Kultusvorsteher Siegmund Kauders, die Firma Peter Boschan's Söhne, Frau Emma Kallier und Frau Amalie Nierenstein s. A., Ignaz Kantor, Marcus Kollmann, Jacques Brünnauer, Firma G. Singer, Siegfried Beer, M. Brammer, Max Hiller, Jakob Kann, Benno Rothziegel, David Suchmann. — Die Funktionen versahen Professor Dr. Heinrich Pollak und Oberkantor Bela Guttmann. Den Spendern wird der Dank votiert, ebenso dem Herrn Salo Cohn, Obmann der Bersorgungshaus-Kommission, welcher einen wesentlichen Teil der Kosten dieser Feier aus Eigenem bestritt; ein Bericht des Herrn Vorstehers Siegmund Kauders über die Feier des 25jährigen Jubiläums des Floridsdorfer Frauenvereines; eine Einladung des Vorstandes des israelitischen Tempelvereines für die beiden Gemeindebezirke Mariahilf und Neubau zur Trauerfeier für den verewigten Präsidenten dieses Vereines, Baurat Max Fleischer. Entsprechend dem Anträge des Bertreterkollegiums wird beschlossen, die Ersatzwahl für das verstorbene Vorstandsmitglied der Kultusgemeinde,. Herrn Max Fleischer, gleichzeitig mit den nächsten Neuwahlen vorzunehmen. Konstituierung des Vor st an des: Zum I. Vize-Präsidenten wird Herr Dr. Gustav K o h n, zum II. Vize-Präsidenten kaiserlicher Rat Moriz Hirsch wieder gewählt. — Bei der Wahl von acht Mitgliedern des Bertreterkollegiums werden die Herren Dr. Alfred Berger, Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t, Dr. Felix K a tz a u, Wilhelm Ku ffn e r, Dr. Benjamin R ap p ap o rt, Dr. Maximilian S t ei n eu und Theodor Ritter von T a u ß i g wieder, Herr Salo Cohn neu gewählt. Es erfolgt sodann die Wahl der Mitglieder für die ständigen Kommissionen, Spezial-Kommissionen, der Delegierten und Delegierten- Stellbertreter des Kultusvorstandes für die Schätzungskommission, dev Delegierten des Kultusvorstandes in den Vorstand der Armen-Anstalt, endlich für die Stiftungskomitees und Kuratorien. Hierauf werden diverse Stiftungen verliehen, respektive deren Verleihung zur Kenntnis gebracht und als periodische Unterstützungen an 374 Parteien Monatsbeziehungsweise Quartals-Unterstützungen im Gesamtbeträge von L 52.232-12 bewilligt. Nach Erledigung von neuer Angelegenheiten und Personalien wird die Sitzung um 1 Uhr mittags geschlossen.

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