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Die Wahrheit · 1905-12-22 · Heft 49 (22.12.1905) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 49 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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N r . 49. Die Wahrheit- Leite 9. Jentali, die Hgune. Von E. G. Hamburg. ' ' (Fortsetzung.) . ' Eine Weile zauderte sie -noch-- dann überschritt sie die -Schwelle.- .; - - , : . Das Federbett erschien wirklich besonders hoch und aufgepolstert. Sie näherte sich dem Bett und strich mit leiser Hand darüber hin. Nichts rührte sich. Sie drückte stärker und riß dann angstvoll mit beiden Händen das große Federbett herunter. Das Bett war leer. Jentali wußte nicht, ob sie zittern oder erleichtert aufatmen sollte; doch fühlte sie dunkel, es war gut so. — Der Fluch der Lächerlichkeit würde nun Gerschon erspart bleiben und sie atmete erleichtert aus, ohne in dem Augenblick darüber hinaus zu denken. Als sie wieder der Stube sich zuwandte, sah sie aus dem Tisch ein beschriebenes Stück Papier, das sie am frühen Morgen hier nicht bemerkt hatte. „Ich geh in die weite Welt, ich wollt' es schon längst tun, nur halt' ich zu wenig Geld, so Hab ich noch gewartet und gespart, jetzt glaub ich genug zu haben. Merkst du schon, warum mir so viel gehungert haben und warum ich Hab dir kein Schuh' kaufen wollen und kein neues Kleid kaufen? Ich grüß dich auch viele Mal. Gerschon." — Auf diesen netten Abschiedsbrief in jüdischer Kurrentschrist starrte Jentali lange, lange mit brennenden Augen. War's möglich? Ihr Gerschon, dem sie ihrer Meinung nach, wie einem König Ehrfurcht erwiesen, nie zu widersprechen gewagt, das kleine enge Heim nach Möglichkeit wohnlich und angenehm zu machen gesucht — Gerschon, dem all ihr bischen Denken, ihr ganzes Herz während der acht Jahre ihrer kinderlosen Ehe gehörte — er hatte sie verlassen, sie zur Agune gemacht, auf die man mit Fingern zeigen würde. — " Diese Schmach hatte er^ ihr antun können. Lange, lange rang sie die Hände, in wildem Schmerz sich krümmend. Dann begann sie ihr armes Hirn zu zermartern, ob sie vielleicht die Sache vertuschen könnte, wenn sie vorschützte, er habe eine notwendige Reise machen müssen. Allein tief beschämt mußte sie daran denken, daß sie ja eben noch in der Schul kein Wort davon gesagt hatte. — Und zu einer Reise hätte er ja auch erst seine Balbatim um Erlaubnis bitten müssen. Nein, seine Flucht konnte nicht verheimlicht werden. Das sah sie sehr bald wieder ein. Die große Schande verdoppelte, nein vertausendfacht das große Weh in ihrem Herzen. Wo sich Rat holen in dieser großen Not? Auf einmal steckte sie den Brief rasch zu sich und ging auf die Straße hinaus. Die Füße trugen sie kaum. Wie eine trauernde Witwe schlich sie dahin. Sie sollte, nein, sie mußte sich bei dem einzigen Menschen, dem sie vertrauen konnte, diesen Rat erbitten. Der Rabbiner wars, als , ein besonders kluger Mann im Städtchen, bekannt, zu ihm ging sie. Der Weg war ein kurzer. Sie kehrte bald in ihr einsames Stückchen zurück. Rat harte er nicht gehabt, doch Trost hatte er ihr gespendet.... „Gerschon wird nicht weit kommen, höchstens bis zur nächsten großen Stadt, das wird die weite Welt sein, die er gemeint hat. So wird er auch wahrscheinlich sehr bald zurückkommen. sonst hätte er Euch gewiß ein Tnaigett gegeben." An dieses letzte Argument klammerte sich die trauernde Jentali. Das leuchtete auch ihr ein .... Bis heute hatte Jentali zu denjenigen besten Frauen gehört, von denen am allerwenigsten gesprochen wird; schlicht und recht hatte sie siir sich hingelebt. Zur schönen warmen Sommerzeit meist auf dem Bänkchen vor der Tür sitzend, emsig Strümpfe gestrickt, im Winter am warmen Ofen hockend, mit ebenso rührender Emsigkeit Federn geschlissen. . ' Obgleich in dieser Stadt geboren und sozusagen auch erlogen und daselbst verheiratet worden, war es keinem Menschen hier je eingefallen, weder im bösen, noch im guten Sinne sich mit ihrer Person zu beschäftigten.... - i lAm.) heutigen Tage aber sprach man „in jedem Hause, sprach jeder Mensch vonnichts anderem als-von ihr, von Jentali, der armen, der tief zu bedauernden unglücklichen Agune. Und das war der Anfang-zu der Art von Berühmtheit, die sie später erlangen sollte■< - - Böse Menschen wollen ja auch behaupten, es-sei mit der Berühmtheit in vielen Fällen nicht viel anders, wie mit dem Glück, das einem oft ebenso unverdient wie unerwartet, nur zufällig in den Schoß füllt. Jetzt stand der Winter vor der Tür; und es wurde ein harter, bitterer Winter für die schmerzgebeugte Agune. Traurige Tage reihten sich zu traurigen Wochen und Monden. Gerschon .kam nicht wieder, noch kam irgend eine.Nachricht von ihm. Die--schier verzweifelnde Jentali dachte jetzt soviel nach, wie sie in ihrem ganzen bisherigen Leben nod) nicht nachgedacht hatte. Sie lebte nur noch ihren Gedanken. Vor lauter Spintisieren vergaß sie Strümpfe zu stricken und vergaß Federn zu-schleißen. Infolge ihrer Arbeitslosigkeit wurde ihre Not immer größer. Die Leute in der Stadt, die meist alles mußten und alles errieten, ehe man es selber wußte, halfen, indem sie Strümpfe bestellten und ganze Säcke Federn zum Schleißen ihr ins Haus schickten. Indes Jentali lieferte keine Strümpfe und, die Federn ließ sie unberührt stehen. Doch auch diese böse Zeit war vorübergegangen.- Nun kam der Frühling mit Macht ins ^and. Wolkenlose, sonnige Tage kamen, und wieder Tage, daß abwechselnd bald die Soune schien, bald warmer Regen, die Erde erfrischend, hernieder siel. Jentali, die sich noch nie darum gekümmert, ob der Himmel-blau, die Erde schwarz war, ob die Sonne leuchtete und wärmte; sie, die Alles was geschah, als etwas Selbstverständliches, das eben gerade so nnd nicht anders zu geschehen hatte, betrachtete, und einzig in ihrer kleinen häuslichen Beschäftigung anfgegangen war, sie konnte jetzt stundenlang, bei jedem Wetter, die Hände müssig im Schoße, auf der Bank vor der Tür des kleinen Hänschens, das aus Stube und Küche bestand, dasitzen, die Augen gegen Himmel gerichtet, den dahinjagenden Wolken Nachsehen, über die Gebilde, die sie formten, tief Nachdenken. Oder auch ihre Blicke hafteten, wie magnetisch angezogen, auf dem kleinen Fleck Erde, der sie umgab. Hatte ein wenig Regenwasser kleine Lachen bildend sich irgendwo da angesammeltz wartete sie neugierig zusehend, bis die Erde die Feuchtigkeit allmählich aufsog. Bald entdeckte sie zarte Grashalme, die wie verstohlen ihre grünen Köpfchen herauszustrecken begannen und empfand darüber etwas Frohes in ihrem Herzen. Auch ein verkrüppeltes Bäumchen stand da, dessen dürre Zweiglein Gerschon abzubrechen pflegte, um sie zum Durchstochern seiner Pfeife zu verwenden. Und auch an diesem Bäumchen bemerkte sie jetzt grüne Blättchen, zarte Knöspchen. Sie kam nun, wenn es einige Tage nicht geregnet hatte, mit einer Schale Wasser und begoß die Halme, begoß das Bäumlein und sah täglich nach, wie alles weiter gedieh. (Schluß folgt.) N-tir- Berlosungsverlust. Im Monat Jänner finden die Ziehungen der Kredit-, Donau-Regulierungs-, II. Boden- und Salzburger-Lose sowie mehrerer anderer Lose und Obügetionen statt, deren Verlosung mit dem kleinsten Treffer bezw. Nominalbeträge, bedeutende Verluste verursacht. Die Versicherung gegen diese Verluste übernehmen die Zentral-Depositenkaffe und Wechselstube des Wiener Bank-Vereines sowie Filialen in Prag, Graz, Brünn, Aussig an der Elbe, Budapest, Lemberg, Czernowitz, Bielitz-Biala, Klagenfurt, Pilsen, die Expositureu und Zweiganstalten in den Wiener Bezirken. Näheres im „Inserat" der genannten Wechselstube. Das beste Gelränk u.Nahrungsmifteli für fiebernde Kranket C e re s-ApfelsäffM der Nährmil,telwerke>rGERE^fAus|y

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