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Die Wahrheit · 1905-12-22 · Heft 49 (22.12.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 49 (22.12.1905)
Date
1905-12-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Redaktion n. Slbmiiüfti atioii: Wien, Il/j Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Unabhängige Aeitfchrifl für jüöifHe Serngspveis: Ganzjährig ... ff. >*.— Halbjährig . ». 6.— IntereAen-* Für Cultusbeamre: Inserate Ganzjährig . . . ff. >0 — so Hell, per Nonparkille-Zeiie. Erscheint jeden Areitng. Abonnementsn. JnsertionS- Für Ausland: betrage sind in Wie» zahlbar Ganzjährig . . . a Mark und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 6 Rubel ade, io FcS. Nr. 49. Wien, 23 Dezember 1993. Anhalt: Aus der Woche. — Baurat Max Fleischer. — Die Frage des einheitlichen israelitischen Religionsunterrichtes an den österreichischen Mittelschulen. — Die russischen Judenverfolgungen. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Jentali, die Angune. Ans brr Woche. Der in diesem Blatte wiederholt angeregte Gedanke, daß bei der bevorstehenden Wahlreform die Rücksichtnahme auf die einzelnen Rationalitäten in Oesterreich sich auch auf die Juden, besonders dort, wo sie einen großen Prozentsatz der Bevölkerung bilden, sich erstrecken müsse, findet in ernsten politischen Kreisen immer mehr Anhänger; und in diesem Sinne hat sich auch jüngst wieder im Abgeordnetenhause der Abgeordnete R. v. Wassilko über die Behandlung der Judenschaft Galiziens und der Bukowina bei der Wahlreform geäußert: „Wir sehen, sagte er, daß hier im Westen, auch hier in Wien, ein großer Teil der intelligenten Kreise der Judenschaft absolut gegen jede Ausnahme, die in der Wahlreform für die Juden geschaffen werden sollte, Stellung nimmt. Ich muß aber lönstatieren, daß bei uns im Osten, sowohl in Ostgalizien wie in der Bukowina, die Judenschaft tatsächlich in der Schaffung her Möglichkeit, daß sie, ohne sich in die Wahlen der anderen Nationalitäten mischen zu müssen, ihre Vertretung bekomme, ihr Zbeal sieht. Es ist auch in Ostgalizien und in der Bukowina tatsächlich eine Reihe von Städten, die, wenn sie zu einem Wahlkreise zusammengefaßt werden, ohne daß man einen Kataster errichtet, ohne daß man das speziell hier in Wien in Ansehung dieser Frage so perhorreszierende jüdische Ghetto schafft, für Jahrzehnte hinaus ihren Abgeordneten haben würden. Nach den gegenwärtigen Verhältnissen in Oesterreich würde in der Tat, wenn man von der sozialdemokratischen Partei absteht, beim allgemeinen Wahlrechte doch kaum ein Jude irgendwo in der Provinz so leicht zu einem Mandat kommen. In kompakten Massen wohnen die Juden doch in Galizien und in der Bukowina. Es wäre also wohl eine Frage der Gerechtigkeit, aus diesem Wege ihnen für alle Zeiten eine Vertretung zu sichern. Ich habe große jüdische Wählerkreise, sagte Redner, und bin daher verpflichtet gewesen, diese Frage anzuregen. Es ist aber gewiß Sache der jüdischen Vertreter selbst, dazu entsprechend Stellung zu nehmen. Wir werden in dieser Richtung gern unsere jüdischen Kollegen unterstützen."; Hoffentlich werden die maßgebenden jüdischen Kreise und besonders die jüdischen Abgeordneten den Moment, wo durch die Wahlkreiseinteilung die nationalen Rechte geschützt werden sollen, nicht vorübergehen lassen und die nötigen Schritte einleiten, um auch der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich die entsprechende Vertretung im Abgeordnetenhause zu sichern. * * Als Bürgermeister Dr. Lueger im Gemeinderate seine vielbesprochene Hetzrede durch allerlei Sophismen und Deuteleien abzuschwächen suchte, rühmte er auch seine Objektivität und Gerechtigkeit, indem er sagte, daß er nie darnach gefragt habe, ob ein Armer ein Christ oder ein Jude sei. Es mag ja währ sein, daß dann und wann einmal durch die Intervention des Bürgermeisters ein armer Jude ein paar Groschen von der Kommune bekommen hat, oder ein einem Juden zugesügtes Unrecht behoben wurde; aber was sind diese gewiß vereinzeltsten Erscheinungen seiner Objektivität gegenüber der ununterbrochenen Kette von Unbillen, Zurücksetzungen und Schädigungen, die den Juden dadurch zugestigt wurden, daß sie unter seinem Regime als KoMmnnallehrer, als städtische Aerzte und Beamte absolut nicht vorwärts kommen oder überhaupt in derartige Stellungen gar nicht gelangen konnten? Ganz abgesehen davon, daß Dottor Lueger durch den Boykott, den er fort und fort gegen die jüdischen Geschäftsleute predigt, diesen Tag für Tag unermeßlichen Schaden zufügt. Der Herr Bürgermeister liebt es manchmcll, wie er es auch in der letzten Gemeinderatssitzung vor den Weihnachten getan, die Friedensschalmei zu blasen. Wie wenig ernst aber seine Beteuerungen zu nehmen sind, das beweist eine magistratische Verfügung aus jüngster Zeit, daß nämlich die sogenanäten Fragebögen, die von den Eltern armer Schulkinder behufs Erlangung unentgeltlicher Lernmittel ausgefüllt werden müssen, nunmehr auch die Angabe der Konfession enthalten Müssen. Wahrscheinlich soll dieser Vermerk den maßgebenden Stellen bei Erledigung eines Ansuchens die Direktive bieten, um jüdische Schulkinder, die ohnehin bei kommunalen Wohltütigkeitsakten, wie Stipendien und dergleichen, regelmäßig übergangen werden, auch bei Verteilung der Lernmittel möglichst zu verkürzen. Nun, Herr Bürgermeister, wie reimt sich das mit Ihren Worten zusammen, daß Sie nie darnach fragen, ob ein Ärmer Jude oder Christ ist? Aber es ist ja eine bekannte und vielfach bestätigte Tatsache, daß man den Dr. Lueger nic^t nach seinen Worten, sondern nur nach seinen Taten beurteilen muß. * * Die Zustände in Rußland sind schrecklich, Empörung und Meuterei im ganzen Reiche. Auch in Odessa begann es wieder zu gären und Ende voriger Woche haben dort neuerliche Judenmetzeleien stattgesunden. Aber die böse Saat, die mit den von den Regierungsgewalten geförderten Judenmasiakres gesät wurde-, beginnt schon auch nach anderer Richtung ihre verderblichen Früchte zu tragen, und in Kurland und Livland werden die Deutschen nicht minder bedroht, als die Juden in Südrußland. „Das ist der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären!^

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