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Die Wahrheit · 1905-12-15 · Heft 48 (15.12.1905) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 48 (15.12.1905)
Date
1905-12-15
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 48. Die Wahrheit Seite 11. längst entschlafenen Lehrer und verschaffen hierdurchihrer streng modernen Betätigung einen erhöhten Änwert. Nur wir jüdische Kantoren -er jetzigen Epoche, die wir uns, wie so oft zu hören, in dem erborgten Schimmer älterer Kantoren sonnen, vermeinen die Berechtigung .zu besitzen, die Errungenschaften unserer Altvordern beiseite schieben zu dürfen, weil sie uns i hre Anschauungen und ihre künstlerische Betätigung nicht in Folianten aufbewahrten und überlieferten? Wie sollen wir es preiswert benennen, wenn man uns die Anj schaumig' suggerieren will, unsere Fachgenossen der vergangenen Jahr-! Hunderte, wie Äovidl Brod, Kaschtan, Kanari! rc., hätten nach den Tönen der phrygischen Skala gesungen, nach jenen Klängen, deren charakteristische Intervalle von der jüdischen Steigerskala so fernab liegen, wie Herculanum von Jerusalem. Angesichts dieses eklatanten künstlerischen Unrechtes legt sich unwillkürlich ein bitterer Geschmack auf die Zunge; allein die Kunstkritik duldet keine Sentimentalitäten, deshalb drängen wir die an uns heranstürmenden diesbezüglichen Anschauungen absichtlich zurück und erlauben uns nur nach den Worten des Dichters die Frage: „Weshalb in die Ferne schweifen, Sieh, das Gute liegt so nah'?" fMl'ilsatwuw des ö|err.-tmg. Jkntoreu-leranes. In der Donnerstag, den 7. Dezember, stattgehabten Vorstandssitzung wurde die infolge beruflicher Ueberbürdung gegebene Demission des Vereinskassiers, Oberkantor M. Schorr, angenommen und bis zur Neuwahl eines Kassiers der Vereinssekretär mit der interimistischen Führung der Kassa betraut. Auf Grund dieses Vorstandsbeschlusses werden die P. T. Vereinsmitglieder ersucht, die Vereinsbeiträge von nun ab an den Vereinssekretär, Herrn Dr. M. Lölvy, Wien, I., Wipplingerftratze IS, .zu senden und gleichzeitig mit Rücksicht auf die vielfache Inanspruchnahme des Vereines gebeten, ihre Rückstände an Mitglieder- und Pflichtbeiträgen noch vor Schluß des Jahres zu begleichen. Wien, am 10. Dezember 1905. Der V o r st a n d des österr.-ung. Kantoren-Vereines. Jentali, die Agune. Von E. G. Hamburg. Es war zu S'chorbris, Jentali, die Frau des Schulschames Gerschon Linkpintel — diesen Rufnamen verdankte er einer großen, schwarzen Warze auf seiner linken Wange — war eben zur Schul hereingekommen und wußte nicht, wie ihr geschah. Die vornehmsten Paar Frauen in der Gemeinde, die sie sonst nie beachtet, kaum je ihren Gruß erwidert hatten, kannten sie jetzt auf einmal, umringten sie, stellten tausend Fragen mach Gerschon und erkundigten sich nach seinem Befinden. Sollte sie oder ihr Mann sich plötzlich in irgend eine hervorragende, berühmte Persönlichkeit verwandelt oder gar eine reiche Erbschaft gemacht haben? Daß ihr, der Schamesti, heute so viel Ehre angetan ward. Sie sah dann wieder von einer zur anderen, als sie wieder auf ihren Plätzen saßen, und merkte, daß von ihr die Rede sein mußte. Sie allein von allen wußte ja noch nichts von dem, was allen schon längst bekannt war. . . Wußte nicht, daß ihr Man heute zum erstenmale, seitdem er das Amt des Schulschammes bekleidete, die Ausübung seiner Funktion arg außer Acht gelassen. Und das gerade heute? — da er zu Stiches die verehrlichen Gemeindemitglieder zum Frühgebet wecken sollte? Hätte er geahnt, wieviel Aufregung, wieviel Herzklopfen diese seine Unterlassungssünde verursachen würde, wer weiß, er hätte es vielleicht doch nicht getan. . . und es wäre alles nicht geschehen, was später geschah . .. Wahrscheinlich hatte er gedacht, die heiligen Gemüter würden der Stunde des Gebetes in ehrfürchtigem Erschauern entgegenwachen und seines Weckrufes nicht bedürfen. Die Einen rieben sich ganz verwundert die Augen, als Frau Sonne hell und strahlend zn ihren Fenstern hereinlachte und man sich im Bette sah, und Andere, in stolzem Bewußtsein, noch vor Gerschons Klopfen an Türen und Fenstern zur Schul zu schreiten, erlebten die herbe Enttäuschung, nach längst begonnenem Gottesdienst angelangt zu sein. „Gerschon, wo ist Gerschon? Er hat nicht geweckt, er hat nicht geklopft, wo ist Gerschon?", schwirrte es aufgeregt vou Mund zu Mund. Doch Gerschon war nicht da und war nicht dort, er war nirgends, wo und soviel man auch nach ihm suchte und innerlich stuchte, nicht laut, die heiligen Tage nahten heran, man wollte ja auch eigentlich gar nicht fluchen, verteidigte man sich auch wieder innerlich. Nur Jentali, Gerschons Weib, die sich im grauenden Morgen von ihrem Bette erhoben, sie allein hatte gerade heute zum erstenmale in ihrer Ehe Gelegenheit gehabt, die Rücksicht ihres Eheherrn bewundern und erstaunt anerkennen zu müssen. Ohne Geholter und Gepolter, ohne sie gestört zu haben, still und ruhig war er aus der Stube gegangen. Sie konnte es kaum fassen. Jetzt in der Schul erfuhr sie nach einigen Vorbereitungen, die, wie gewöhnlich in solchen Fällen, anstatt eine zu folgende schlimme Nachricht.abzuschwächen, vermehrte Qual Hervorrufen, von ihren Nachbarinnen, Frauen geringen Standes, daß und wie schwer Gerschon sich vergangen. Die Paar vornehmen Frauen waren stillschweigend übereingekommeu, sie erst zu fragen, ob Gerschon krank geworden und wußten dann selber nicht, was sie zurückhielt, ihr die Sache zu erklären, vielleicht, daß sie all einen Unfall dachten und die arme Frau nicht erschrecken wollten. Für die Dauer einiger Augenblicke übergoß eine Blutwelle Jentalis Gesicht. Es fiel ihr ein, Gerschon hatte bis in die späte Nacht, einer längst angenommenen Gewohnheit folgend, wieder von dem herrlichen Leben in großen Städten geschwärmt, über seine Vorgesetzten und das elende Hundsleben, das er angeblich hier führte, weidlich geschimpft. So mochte er die Zeit verschlafen haben und lag jetzt gewiß unter dem dicken Federbett verkrümmt. Sie hatte es bloß im fahlen Lichte des erwachenden Morgens nicht gemerkt. Sie allein trug also die ganze Schuld an dem Unglück. Sie allein hatte all das Unheil über ihn und über sich gebracht. Sie hätte sich doch auch denken können, daß er unmöglich so leise aus der Stube gehen konnte, daß sie es nicht hören sollte. Ach, hätte sie ihn doch geweckt. In heller Angst, wie ein Dieb, schlich sie sich aus der Schul hinweg. Ach, warum hatte sie nicht lieber gelogen und ja gesagt, als die Frauen sie fragten, ob ihr Mann krank sei. Dann wäre jetzt auch alles gut. Gerschon brauchte sich nicht zu schämen und sie brauchte keine Angst zu haben vor seinen Vorwürfen. Sie hörte schon sein „dumm, dumm" und viel schlimmeres noch, und das schrecklichste dabei war, daß er diesmal recht hatte. Wie konnte sie auch bloß sagen, daß er sogar ungewöhnlich früh aus dem Hause gegangen sein mußte, als sie noch fest geschlafen. Jentali, all diese Gedanken in ihrem Kopfe hin und her wirbelnd, lies bald mehr als sie ging und stand auch oft wieder sekundenlang still, furchtsam um sich blickend. Folgte ihr jemand? Kam Gerschon ihr entgegen? In der Schul hatte es sich mittlerweile herumgesprochen, daß ein jüdischer bekannter Fuhrmann, der eben angekommen war, Gerschon in Gemeinschaft mit anderen Reisenden einige Meilen vor der Stadt angetroffen hatte. Die arme Jentali aber betrat zaghaft und schüchtern das kleine Häuschen. Würden die Schelte heute auch nicht gar zu arg werden? Ach, sie hatte sie ja diesmal so reichlich verdient. Und das war ja auch das schlimmste von allem. Vor der Tür der gemeinsamen Stube, den Türgriff schon in der Hand, scheute sie plötzlich wieder zurück, blieb atemlos stehen und starrte auf die Tür. Es war jetzt nicht allein die Angst, es war in dem Gefühl, das sie überkommen, noch etwas, das sie sich nicht zu erklären vermochte, etwas wie ein leises Ahnen, jede Hoffnung auf Gerschens Vorhandensein draußen zu lassen. (Fortsetzung folgt.)

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