Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 47 (8.12.1905)
- Date
- 1905-12-08
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3063265-3063312--03988-3070792- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 10. Die Wahrheit Nr. 47. St. Pölten. Am Sonntag, den 26. November, eröffnete der Bereinspräsident des hiesigen jüdischen Literatur-Vereines, Se. Ehrwürden Herr Dr. Adolf Schäärter, das zweite Vereinsjahr mit einem Vortrag. Als Thema hiezu wählte derselbe „Goethes Haust und das Buch Hiob". Langandauernder Beifall lohnte den Redner für seine trefflichen Ausführungen des ebenso schwierigen, wie interessanten Themas und wurde derselbe am Schluffe seiner Rede vielfach beglückwünscht. Bade». Samstag, den 2. Dezember, wurden in unserer Gemeinde zwei sehr erhebende Feste gefeiert. Um 1lß Uhr abends wurde im hiesigen Ober-Landcs-Rcalgymnasium von Herrn Rabbiner W. Reich, Herrn Präses M. Leitner, Herrn Prof. S. Handl, Herrn Doktor E. Raab an drei brave jüdische Gymnasiasten die anläßlich des fünfzigjährigen Regierungsjubiläums Sr. Majestät von der hiesigen israelitischen Kultusgemeinde gestifteten Stipendien verteilt. Hierauf versammelten sich um lj2l Uhr abends der gesamte Kultusvorstand und sehr viele angesehene Gememdemitglieder sowie die Schuljugend in dem schön dekorierten, hell erleuchteten Sitzungssaale, um unfern Herrn Oberlehrer und Sekretär Herrn I. Jnfeld zu dessem 60. Geburtstage, nach 34jähriger Amtstätigkeit an der hiesigen Talmud-Thora-Schule zu feiern. Mit einer sehr ergreifenden Ansprache an die Anwesenden eröffnete unser hochverehrter Herr Präses M. Leitner die Festsitzung, wobei er der außerordentlichen Verdienste des Jubilars gedachte, welche derselbe sich während seiner langjährigen Tätigkeit als-Jugendbildner erworben, und dann demselben einen von der löblichen Gemeinde gewidmeten, mit sinnvoller Inschrift versehenen Prachtpvkal als Anerkennung seines Wirkens überreichte. Hernach beglückwünschte Herr Rabbiner W. R e i ch in einer tiefdurchdachten Ansprache den Jubilar, indem er auf alle seine Vorzüge und dessen vielseitiges Wissen hinwies und mit dem Wunsche schloß, daß der heute Gefeierte noch lange Jahre zum Wohle unserer Jugend, zur Zierde der Gemeinde und zur Freude seiner Familie fortwirken möge. Tief ergriffen und von den vielen unerwarteten Auszeichnungen überwältigt, dankte nun der Jubilar für die ihm zugedachten Ehren, indem er betonte, daß es die Pflicht eines jeden Beamten sei, all sein Wißen und Können dem Wohle seiner Befohlenen zu opfern, ohne dafür einen Dank zu beanspruchen. Es sprachen noch die Herren Prof. S. Handl, Dr. E. Raab und Anton Schneider dem Jubilar in sehr schmeichelhaften Worten ihre Glückwünsche ans. Zum Schluffe dankte der Sohn des Jubilars, Herr Primarius Dr. M. I n f e l d, dem Vorstande sowie allen Anwesenden für die seinem Vater erwiesene Auszeichnung. Liuz. Anläßlich der furchtbaren Greueltaten in Rußland fand Sonntag, den 3. d. M., um '^5 Uhr abends in unserem Tempel ein feierlicher Trauergottesdienst statt. Herr Rabbiner M. Friedmann verrichtete zuerst bei offener Bundeslade ein Gebet für die Seelen der Märtyrer, die in treuer Ergebenheit zu ihrem Gotte auf grausame Weise ihren Tod fanden. Nach ergreifendem Vortrag einiger Trauergesänge durch Oberkantor L ö w e n s o h n mit Chor und Orgelbegleitung bestieg dann Rabbiner Friedmann die Kanzel und schilderte mit erschütternden Worten die furchtbaren Greueltaten, die an unseren armen Glaubensbrüdern in Rußland verübt wurden, und weckte in den zahlreich erschienenen Zuhörern herben Schmerz und wahrhafte Trauer. Zum Schluffe appellierte er noch an den schon so oft bewährten Wohltätigkeitssinn unserer Gemeindemitglieder und bat, daß ein jeder, ohne Unterschied des Standes, fein Scherflein zur Linderung der überaus großen Notlage unserer Glaubensgenoffen in Rußland beitragen möge. Infolge dieses Appells veranstalteten die beiden Tempelvorsteher, die Herren Elias P o l l a k und Josef B e i t l e r vor Schluß des Gottesdienstes im Tempel eine Sammlung, die das erfreuliche Ergebnis von tausend Kronen erzielte, welches.jedenfalls als ein für unsere Verhältnisse sehr bedeutendes zu nennen ist. Jgla». Der langjährige, in allen Kreisen der Bevölkerung hochgeachtete Kantor der hiesigen Kultusgemeinde, Herr Karl Brunner, feiert in nächster Zeit sein 50jähriges Berufsjubiläum. Der Jubilar, der sich voller Rüstigkeit erfreut, wirkt in Jglau seit dem Jahre 1871. Nikolsburg. (Anregungzum Beschaffen einesTeiles der Hilfsmittel zur Unterstützung unserer unglücklichen Glaubensbrüder in Rußland.) Ich gestatte mir, zu diesem Zwecke folgenden Vorschlag in Anregung zu bringen. Wolle ein jeder der Herren Autoren jüdischer Werke eine Anzahl ihrer Werke dem Hilfskomitee gratis zur Verfügung stellen, die von demselben um die Hälfte, oder um den dritten Teil des Ladenpreises an alle Besteller zugunsten unserer russischen Glaubensbrüder veräußert werden. Angezeigt wäre vielleicht, als Sammelstelle eine der israelitischen Vereinigungen: Bund, Union rc. in Wien. Die Herren Redakteure der in Wien erscheinenden jüdischen Zeitungen werden sicherlich in ihrem bewährten Streben zur Förderung alles Guten, die Güte haben, die Liste der übersandten Bücher und deren Preise dem Lesepublikum in ihren Blättern zu bieten. Dr. M. L e w i n, Rabbiner. Gewitsch. Sonntag, den 3. d. M., wurde im hiesigen Tempel eine Trauerandacht für die russischen Märtyrer abgehalten, der auch viele Auswärtige, darunter die Vorstandsmitglieder des .Kultus-Vereines Mährisch-Trübau, beiwohnten. Der verstärkte gemischte Chor unter Leitung unseres Tempelchormeisters, des Herrn Kultusvorstehers Beith, stimmte in präziser Weise den von Oderkantor Wilko witsch zu diesem Anlaffe komponierten Psalm X: „Warum, o Herr, stehst Du von Ferne?" an. Die Trauerrede des Herrn , Rabbiner D. Keßler wirkte auf die Zuhörerschaft derart, daß man lautes Schluchzen vernahm. Nach dem Seelengedächtnisgebete des Rabbiners und eines ergreifenden „Aw horachamim“- Rezitative des Oberkantors brachte der Chor das Sulzer'sche „Schiwissi“ zum Vortrage. Eine Kollekte, die im Sitzungssaale der Kultusgemeinde vorgenommen wurde, ergab eine für unsere Verhältnisse bedeutende Summe. Mißlitz. Sonntag, den 19. v. M. wurde in der hiesigen Synagoge . bei Beteiligung aller Kreise unserer Gemeinde eine weihevolle Trauerfeier für die unschuldigen Opfer der entsetzlichen Judenmassakres in Rußland abgehalten. Rabbiner Dr. S chorstein hielt — selbst tief ergriffen — eine erschütternde Trauerrede und verrichtete sodann ein .Gebet für das Seelenheil der gefallenen Märtyrer. Herr Oberkantor Z l o t c z e n k o versah in gewohnter, erhebender Weise mit Chor und Orgelbegleitung die kantoralen Funktionen. Eine von Herrn Kultusvorsteher Josef P o l l e n z und Herrn Beirat Sal. König eingeleitete Sammlung ergab den ansehnlichen Betrag von über 1200 Kronen, welche der israelitischen Allianz in Wien zur Verwendung übersendet wurden. In der am 26. v. M. stattgefundenen Sitzung der Kultusgemeinde-Vertretung wurde einstimmig Protest eingelegt gegeir die in Rußland an unseren unglücklichen Glaubensgenossen verübten Greuel. Krummau. Sonntag, den 3. d. M., fand im israelitischen Tempel eine erhebende Trauerfeier für unsere armen Brüder in Rußland statte Nach einem einleitenden Gebete für die frommen Glaubenshelden hielt Herr Rabbiner Dr. L. Hirsch die Gedenkrede, worin er die Glaubensstärke und den Heldenmut unserer russischen Brüder als Beispiel für den durch tiefinnigen Glauben gestählten Charakter der Niedertracht und Tücke jener Dunkelmänner gegenüber stellte, die auf dem Schlachtfelde gegen Frauen, Kinder und Greise ihren grausamen Mut bekunden. Der Chor sang ergreifend : „Was der Mensch auf Erden". Es wurden große Beträge gezeichnet. Troppa». Sonntag, den 3. d. M., fand ini hiesigen Tempel ein Trauergottesdienst für die hingemordeten russischen Glaubensbrüder statt. Der Tempel war bis auf den letzten Platz gefüllt. Herr Oberkantor S i n g e r in a n n mit seinem verstärkten Damen- und Herren-Chor unter der tüchtigen Leitung des Herrn Chordirigenten S ch i m k o w i tz, zelebrierte den Gottesdienst in ergreifender Weise und Herr Rabbiner Dr. Blüh hielt die Trauerrede, in der er in tiefer Ergriffenheit auf die entsetzlichen Gräueltaten, welche gegen unsere Glaubensbrüder in Rußland verübt wurden, hinwies. Unter dem Vorsitze des Vorstehers unserer Gemeinde, Herrn Dr. Sonnenschein, hat sich ein Komitee gebildet, welches Geldsammlungen für die Hinterbliebenen der Ermordeten veranstaltet. 8. Brody Die Hiobspost voni Hinscheiden der edlen Frau N i r e nst e i n in Wien hat unsere Stadt in eine allgemeine, tiefe Trauer versetzt. Obwohl die Verewigte seit längerer Zeit nicht mehr hier domizilierte, lebte und wirkte sie doch in unserer Mitte und nahm aufrichtigen.Anteil an jedem Weh und Leid der leider allemal mehr sinkenden, herabgekommenen Stadt. Ihre Großherzigkeit, ihren Edelsinn, besonders ihre Wohltätigkeit bekundete sie bei jeder Gelegenheit, wo es galt, Bedrückten, Verarmten, Notleidenden aufzuhelfen. Mit großer Freigebigkeit hat sie sich jederzeit auf dem Gebiete privater Wohltätigkeit in aller Stille betätigt und für allgemeine Zwecke große Summen gespendet. Reichlich unterstützte sie alle hiesigen humanitären Anstalten, die durch ihren Heimgang leider keinen Ersatz mehr finden werden, deshalb auch die allgemeinen Trauerknndgebungen hier von seiten dieser Vereine. Ihr Heinigang wird von vielen dankbaren Herzen beweint und beklagt, denen sie oft als rettender Engel in der Not und Bedrängnis gewesen ist. In Reichtum und Ueberfluß aufgewachsen, als Tochter des reichen Herrn Meier von Kalir und als Gattin des unlängst verstorbenen Banquiers Herrn. Heinrich Nirenstein s. A. bewahrte sie trotzdem ein überaus einfaches, bescheidenes Wesen; aber in ihrer Brust schlug ein edles Herz, ein goldenes, jüdisches Herz, das nun stille steht, das in ein besseres Jenseits abberufen ward. Friede sei daher ihrem Geiste, Ehre ihrem Andenken!! M. Markstein. Berlin. Ein Beispiel vorurteilsloser Hochherzigkeit in großem Stile hat der Magistrat der Stadt Z ü l l i ch a u (Reg. Bez. Frankfurt a. d. Oderl gegeben : Derselbe hat dem Deutsch-Israelitischen Gemeindebunde für seine bei Gelegenheit der silbernen Hochzeit unseres Kaiserpaares zu errichtende Erziehungsanstalt für schwachsinnige israelitische Kinder ein Terrain von fünfzehn Morgen Größe kostenfrei zur Verfügung gestellt. Hoffentlich findet dieses Beispiel großartigen Edelsinns, ebenso wie die Schenkung von zehntausend Mark zu dem gleichen Zwecke seitens der Synagogen-Gemeindc Breslau bald bei jüdischen Gemeinden wie bei Einzelpersonen reichliche Nachahmung. Es ist eine Ehrenpflicht zumal der jüdischen Gemeinden Deutschlands, sich an dem schönen Feste des Kaiserpaares in dem von diesem gewünschten Sinne, das heißt durch eine dauernde und umfassende Wohltätigkeits-Stiftung zu beteiligen. Wiesbaden. Der heutige Tag wurde in der hiesigen israelitischen Gemeinde als öffentlicher Fasttag begangen. Vor Jom Kipur Koton wurden Seelengedächtnis- und Bittgebete für die Opfer der Judenverfolgungen in Rußland vorgetragen. Am Schluffe der darauffolgenden Trauerrede forderte Herr Rabbiner Dr. Kahn die Gemeinde und die vielen anwesenden russischen Glaubensbrüder zur Treue für die angestammten religiösen Heiligtümer auf. Genf. Dem hiesigen interkonfessionellen russischen Hilfskomitee sind beigetreten: der Präfekt Numa Droz-Matile, Staatsrat Robert, Nationalrat I. Calame-Colin, der Präsident des Generalrats Dr. Bourquin, der- Präsident des Kommunalrats Mosimann, die Deputierten Waegeli, Baillod-- Perret und Münger u. A.