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Die Wahrheit · 1905-12-01 · Heft 46 (1.12.1905) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 46 (1.12.1905)
Date
1905-12-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Oesterr.-miM. Kantoren ♦ Infolge Anhäufung großer Rückstände werden die -geehrten Herren Kantoren dringendst ersucht, den Abonnementsbetrag für das laufende Quartal, sowie auch die eventuellen Rückstände umgehend ' einzusenden. Die Erhaltung und Förderung des Fachblattes sollte jedem Berufsgeuossen als Ehrenpflicht gelten. Die Administration. Uene Synagogettgesangsmerke. Besprochen von Oberkantor I. Singer, Wien. IV.*) Wenngleich das Synagogengesangswerk „K ol thilloh“ des Herrn Kollegen Josef Heller in Brunn in den früheren Anfsätzen eine erschöpfende Würdigung gefunden, erübrigt es uns trotzdem noch, zwei für die Weiterentwicklung des Synagogengesanges überaus wichtige Gesichtspunkte zu erörtern. Wie gesagt, nicht eine Nutzanwendung auf die fachmännischen oder musikalischen Qualitäten der vorliegenden Arbeiten, als vielmehr eine durch diese letzteren resultierende Beleuchtung zweier höchst bedeutungsvoller Gesichtspunkte sollen im Nachfolgenden geboren werden. Der Herausgeber beschenkt die synagogale Welt, gleich anderen Komponisten, mit einer interessanten Erscheinung, indem er — ohne besonders nötigende Veranlassung — das gesamte Responsorien-Material einer vollständigen Neugestaltung unterzieht. Bevor wir dieser verblüffenden Erscheinung mit einem „für" oder .„gegen" näher zu treten berechtigt sind, müssen vor allem andern die Anschauungen darüber geklärt erscheinen, welche Aufgabe die Responsorien innerhalb des Synagogengesanges zu erfüllen haben, und welche ethischmoralische Bedeutung dieser Erfüllung innewohnt. Wechselgesünge waren ja schon im uralten Judentum genügend bekannt und von hier fanden sie ihren Weg in den katholischen Gottesdienst, von welchem — nicht inhaltlich, sondern nur aus ästhetischen Gründen^— dieselben wieder zum Syuagogengottesdienste zurückgelangten. Bei sämtlichen Gottesdiensten, also auch beim jüdischen, liegt es den Responsorien ob, eine abgerundete Wechselwirkung zwischen dem fungierenden Geistlichen und der Gemeinde zu erzielen. Meister Sulz er (vielleicht auch schon sein Vorgänger Lowy) war bestrebt, dem gemeindlich chaotischen Durcheinandersingen bei Boruch hu uworuch sckmo, amen, schma jisroel, kodosch rc. aus ästhetischen Gründen insoferne ein Ende zu bereiten, indem er durch strenggefügte und vom Chore entsprechend gesungene Töne auch auf den Gemeindegesang läuternd zu wirken suchte, so daß allmählig die lang ersehnte sachgemäße Wechselwirkung zwischen Kantor und, Gemeinde erreicht wurde. Diese vom Altmeister aufgestellten Responsorien erscheinen noch heute, nachdem dieselben den Prüfungsprozeß vieler Jahrzehnte und die durch dieselben bedingten mannigfachen Wandlungen durchgemacht, ebenso reif, als dieselben sich bei ihrem seinerzeitigen Jnslebentreten erwiesen. Von diesem Gesichtspunkte aus betrachtet, läge also keine Nötigung vor, die altgewohnten Responsorien einer Neugestaltung entgegenzuführen', denn der Untergang des Bestehenden ist nur in dem einen Falle wünschenswert, wenn die Neuanordnung der betreffenden Vorwände eine entschiedene Verbesserung bedeutet. Und von einer Verbesserung kann angesichts dieser Sulzerschen Responsorien, welche, man darf es wohl sagen, bei ihrer Rundreise um die ganze Welt sich als wirkungsvoll bewiesen und ihre Heilige Mission in des Wortes umfassendster Bedeutung erfüllten, nicht die Rede sein. Heilige Mission? Gewiß! Diese unscheinbaren Synagogen-Responjorien haben nicht allein die Ausgabe, eine wohltätige Wechselwirkung zwischen Gemeinde und Kantor herzuftellen, sondern es wohnt ihnen gleichzeitig auch die Kraft inne, gleich dem Chasonus, ein einheitliches Band um die Synagogen der ganzen Welt zu schlingen, so daß der Jude des Westens, wenn er im fernen Osten ein jüdisches Gotteshaus aufsucht, durch die Gleichartigkeit der syuagogalen Anordnungen rc., aber nicht zum geringsten auch durch die Gleichartigkeit der Responsorien, an seine Heimatsgemeinde erinnert und hiedurch auch zur Erbauung angeregt würde. Durch welche Bedingungen wurde denn die Gleichartigkeit im Gottesdienste in sämtlichen katholischen Gotteshäusern hergestellt; in jenen Gotteshäusern, in denen doch alle Künste zur vollen Entfaltung gelangen, um Auge, Ohr, Sinn und Geist zu bestricken, in denen durch das Zusammenwirken von Menschen- und Jnstrumentaltönen Eindrücke erzielt werden, die das Menschenherz gefangen nehmen und die Regungen desselben, wie auf Adlersflügeln, zum Vater im Himmel emporheben? Durch welch andere Bedingung, als durch die geringfügig erachtete, aber in Wirklichkeit geradezu gigantische Tatsache, daß in der Peterskirche in- Rom, wie in der elendsten Dorfkirche, auf das „Dominus vobiscum“ des Priesters, *) Die hohen Feiertage und mannigfache andere berufliche Abhaltungen verhinderten das Frühererscheinen vorliegender Besprechung. der Chor oder die Gemeinde mit den gleichen, strenggesügten Tönen des „Et cum spiritu tuo“ antwortet? In dieser winzig scheinenden Gleichartigkeit der Responsorien ruht — trotz der Mannigfaltigkeit der weltbewegenden kirchlichen Musik und Gesangsaufführungen — das Geheimnis der Gleichartigkeit der katholischen Kirche. Besäße das Judentum eine oberste Kirchenbehörde, wie die katholische Kirche, die oben angedeutete Gleichartigkeit beim jüdischen Gottesdienste fremdländischer Gotteshäuser wäre schon längst hergestellt. Weil dies jedoch nicht der Fall, so glaubt jeder synagogale Komponist — vielleicht in der lautersten Absicht — berechtigt zu fein, an dieser vor Jahrzehnten festgesetzten Institution rütteln zu dürfen. Wir nahmen vereits in den Jahren 1885—1888, gelegentlich der Besprechung der Werke von Weintrau b, Lewa ndowski, Naumburg. Deutsch, G r ü n z w e i g rc., Veranlassung, auf die Untunlichkeit der willkürlichen Umgestaltung der Responsorien aufmerksam zu machen, und erachten es als unsere Pflicht, derselben Anschauung auch dem vorliegenden Werke „Lol thillob“ gegenüber Ausdruck zu verleihen. Jeder Irrtum ist ja, genau betrachtet, ein der Wahrheit geleisteter Dienst; vielleicht gelangen wir endlich durch den Hinweis auf solche Jrrtümer zur endgiltigen Klärung und nötigen Richtigstellung. - (Forts, folgt) Fortbildungskurs für Kantoren in Deutschland. Aus Berlin wird Folgendes gemeldet: „Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund wird wieder einen F o r t b i l d u n g s k u r s u s f ü r K a n 1 o r e n veranstalten, der die drei Monate Jänner, Februar, März 1906 umfassen und, wie die früheren, von den beiden Herren Friedmann, Hauptkantor an der jüdischen Gemeinde zu Berlin, und William Wolf, Chordirektor an der Synagoge Lindenstraße, daselbst geleitet werden wird. Der Kursus selbst ist kostenlos, nur dafür hat der Teilnehmer zu sorgen, daß ihm für seine Studien ein Klavier zur Bersügung steht. Die Leiter des Kursus betrachten im allgemeinen seminaristische Vorbildung als Vorbedingung zur Aufnahme, werden aber bei besonderer musikalischer Begabung des Gemeldeten eventuell hiervon absehen. Diese Fortbildungskurse, hervorgegangen aus dem Bestreben, die oft recht mangel- > haften - musikalisch-liturgischen Kenntnisse der heutigen jungen j Kantoren zu berichtigen und zu vervollständigen, sind in hohem Grade geeignet, diesen Zweck zu erfüllen. Während im Unterricht des Herrn Friedmann die Liturgien des ganzen Jahres mit all ihren Spezialfällen gründlich durchgearbeitet werden, erstreckt sich derjenige des Herrn Wolf auf alles hierhergehörige Allgemein-Musikalische: auf Harmonielehre, Grundzüge der Formenlehre, Tonbildung im Gesang, vom Blatt-Singen. Vortragslehre, Grundlagen des Klavierspiels. Ein volles Ergebnis ist allerdings nur dadurch zu erreichen, daß die Teilnehmer ihre ganze Zeit diesen mannigfachen Studien widmen; sie müssen sich daher einrichten, jene drei Monate ohne Erwerbstätigkeit leben zu können. Das dürfte aber selbst Mittellosen erreichbar sein. Angestellte Kantoren werden von ihren Gemeinden einen vierteljährlichen Urlaub und Subsistenzmittel erhalten können, um das so erwünschte Ziel einer Erweiterung ihrer Kenntnisse und Fähigkeiten zu erreichen, in andern Fällen werden Protektionen oder Institutionen und Stiftungen sich bereit stnden lassen, einen strebsamen, jungen Kantor oder Kandidaten des Kantorats zu unterstützen. Alles Nähere über den Kursus ist vom Bureau des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, Berlin W., Steglitzeri straße 85, zu erfragen." Es ist sehr zu bedauern, daß bei uns in Oesterreich seitens der berufenen jüdischen Organisationen, namentlich aber seitens des österreichischen Gemeindebundes, nach dieser Richtung gar nichts geschieht. Vielleicht finden die neuerlichen Bestrebungen des österreichisch-ungarischen Kantoren-Bereines, eine staatlich autorisierte Kantorenschule ins Leben zu rufen, diesmal mehr Förderung und Unterstützung seitens der kompetenten Faktoren im jüdischen Gemeindeleben.

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