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Die Wahrheit · 1905-11-17 · Heft 44 (17.11.1905) · page 11

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 44 (17.11.1905)
Date
1905-11-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Ocherr.-lliM. Miitortn-Zeitung. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Cantoren dringend ersucht, das Abonnement umgehend einznsenden und auch an den Begleich der Rückstände zu denken. Die Administration. Gesänge von einst und setzt. Bon B. S. in Jungbunzläu. (Schluß.) Das Kantorentum blieb in seiner Tätigkeit nicht stehen und arbeitete mit Bewußtsein auf einem theoretisch vorgezeichneten Wege weiter, auf einem Wege, der uns unterscheiden ließ die traditionelle Art von Gesängen und Musikstücken von der nichttraditionellen, und es wird einer geraumen Zeir bedürfen, um auf Grund der althergebrachten Stilarten eine Renaissance zu schaffen. Doch, um mit dem Kollegen Henle zu sprechen, darf die traditionelle Weise, die von mehreren tonsetzenden Fachgenossen zu sehr ausgenützt wird, nicht der alleinige Gradmesser unserer Bestrebungen sein, sonst würden wir mit der Zeit einer öden und starren Richtung huldigen, welche beim Publikum selbst kein Verständnis fände. Dem aufmerksamen Musiker wird bei der Bearbeitung eines mehrstimmigen Satzes im traditionellen Stil nicht entgangen sein, daß dieser gern zu Imitationen verleitet, eine gewiß künstlerische Art, die sich sogar bis zur Fuge steigern kann; aber für die öffentlichen Aufführungen sind solche Bearbeitungen nicht zu empfehlen und, wie bekannt, sind die sogenannten Steigermelodien nur für den einstimmigen Gesang verwendbar. Für mehrstimmigen Gesang ist entschieden, ich möchte sagen, die individuell erdachte Melodie die. für unsere Zwecke am passendste, und deshalb sind mir Lewandovskis Worte immer im Gedächtnis: „Schaffen Sie wirklich Neues, denn es fehlt noch an Vielem und man sieht viel Lückenhaftes." Im Eifer, alles zu harmonisieren, ist es schon vorgekommen, daß Fachgenossen sogar Stücke aus dem Jom Kipur-Katangebet verwendeten rc. Nun gibt es gewiß Ausnahmen und man erzielt mit der Polyphonie genug Effekte, aber zu Herzen geht sie nicht und die Musik im jüdischen Gotteshause soll eine seelenvolle sein und das Gemüt des frommen Israeliten zum Allmächtigen erheben; denn das ist ja der einzige Zweck unseres vertonten Gebetstückes. Und wer nicht in dieser einfachen, lichten Form zu produzieren versteht, dem geht es auch gewiß nicht vom Herzen, und was nicht vom Herzen geht, geht auch nicht zum Hexzen, sagt ein altes Sprichwort. Freiherr v. Prochaska, dieser sachkundige Kritiker und feinfühlige Komponist, nennt solche Arbeit sehr richtig eine Scheinpolyphonie; uns wäre dieses Wort nur so zu erklären, als daß diese Art nicht die richtige Prägung hat und nicht als vollwertige Münze anerkannt werden kann. Es muß bei einem Synagogenpublikum immer das Gefühl vorhanden sein, das Stück recht oft hören zu wollen, denn das ..Verständnis" in höherem Sinne ist nicht der unmittelbare Weg zum Herzen, sondern das Ohr, welches leicht begreift, ist für ein Laienpublikum der maßgebende Leiter zu demselben, und auf dem flachen Lande ist ein solches Publikum noch immer in der Majorität. Deshalb muß man inder Wahl der Stücke sehr behutsam sein. Vor allem ist von den älteren Komponisten Naumburg zu wählen. Seine melodiöse Art zu schreiben eignet sich ganz besonders für schwächere Gesangskräfte, welche mitunter auch effektvolle Piecen, wie zum Beispiel den „Ez chaim“ in D-dur, wagen dürfen. Von jetzigen Komponisten wähle man Kirschner. Sein gemütvoller Ton und seine lichte Art in der Konstruktion wird jedem Sangesgenossen Zusagen und gern, seine und seines Chores Kräfte steigern, um bis zu dem herrlichen Adon olom (F-dur) gelangen zu können. Von traditionellen Sachen find sehr geschickt durchgeführt Löwenstamms: „Sabbath- und Festgesänge". Die Neumondverkündigung ans dem ganz alten Chasonus fußend, dann die ergreifende Awoda, zwar sehr der Sulzer'schen nachgebildet, und einige Ono towo sind sehr wirksam, :c. rc. Es wäre hier noch eine größere Anzahl von jüdischen Musikern und deren Werke anzuführen, aber jeder Kollege besitzt hierin ein ausgiebiges Repertoir; ein kleiner Fingerzeig dürfte jedoch nicht schaden. Mn jugendlicher Ctzormeister. Aus Troppau erhalten wir folgende Zuschrift: Löbliche Redattion! Die Gottesdienste an den hohen Feiertagen in unserem Tempel haben Heuer ein ganz besonderes Interesse hervorgerufen und bilden noch jetzt zum Teil Gesprächsstoff unter den Gemeindemitgliedern. Kurz vor Rosch-Haschono hat unser langjähriger, bewährter Chordirigent seine Stelle verlassen und ein entsprechender Ersatz für diesen verantwortungsvollen Posten war trotz eifriger Bemühungen absolut nicht zu haben. Da der hiesige Gottesdienst mit Orgel und großem Chore (einige vierzig Damen und Herren) abgehalten wird, wobei der Chor neben der Orgel im ersten Stocke postiert, der Gemeinde ganz unsichtbar ist, ebenso wie dem Oberkantor, somit eines gewiegten tüchtigen Chordirigenten absolut nicht entbehren konnte, befand sich die Gemeinde, besonders aber unser verehrter Herr Oberkantor, in größter Verlegenheit und es war in Frage gestellt, ob die Gottesdienste würden mit Orgel und Chor abgehalten werden können. Da kam Rettung in der Not! Der 14jährige Sohn unseres Oberkantors, Bruno. Schüler der fünften Realschule, übernahm es, acht Tage vor Rosch-haschono. das schwere und verantwortungsvolle Amt durchzuführen. Und siehe da! Der kleine Kapellmeister übernahm den Taktstock und führte seine ihm anvertraute, an Alter und Größe weit überlegene Sängerschar zum glänzenden Siege. Seiner außerordentlichen musikalischen Begabung und seiner jugendlichen Begeisterung gelang es, die Gottesdienste glanzvoll zu gestalten. Die Chöre klangen so fest und sicher und Alles klappte so ausgezeichnet, daß in der ganzen Gemeinde nur eine Stimme herrschte, einen so ausgezeichneten Chorgesang hier noch nicht gehört zu haben. Oberkantor Singer mann und Gemahlin und der junge Kapellmeister wurden von allen Seiten aufs herzlichste beglückwünscht und der Vorstand der hiesigen Kultusgemeinde gab dem jungen Dirigenten der Dankbarkeit der ganzen Gemeinde in folgender Zuschrift Ausdruck: „Herrn Bruno Singermann, Realschüler, Troppau. Der Vorstand hat in der Sitzung vom 27. Oktober l. I. beschlossen, Ihnen den besten Dank für die Liebenswürdigkeit auszusprechen, mit welcher Sie es übernommen haben, den Tempelchor während der hohen Festtage zu dirigieren, sowie der Anerkennung Ausdruck zu geben, daß sie der übernommenen Aufgabe in einer geradezu mustergiltigen Weise gerecht geworden sind. Es gereicht mir zum besonderen Vergnügen, Ihnen diesen Beschluß zur Kenntnis bringen zu können und wollen Sie als sichtbaren Ausdruck unserer Gefühle die beifolgende Cottasche Ausgabe von Goethes sämtlichen Werken entgegennehmen. Troppau, am 7. November 1905. Der Vorstand der israel. Kultusgemeinde: Der Vorsteher: Dr. Sonnenschein." |)uMifsnticmeu des ö|err.~img. Jumtoreu-dBemne Die p. T- Vereinsinitglieder werden hiemit ersucht, die rückständigen und laufenden Pflicht- und INitgliederbeiträge (2 Kronen pro (Quartal) an den Vereinskassier einzuschicken. Der Vereinsvorstand.

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