Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 43 (10.11.1905)
- Date
- 1905-11-10
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Gesänge non einst nnd jetzt. Bon B. S. in Jungbunzlau. In der heutigen Zeit, da der Jndifferentismus so erheblich zugenommen und die Unduldsamkeit auch im Gotteshause sich einstellt, indem nicht selten die Klage laut wird, daß der Gottesdienst zu lange dauert, liegt es hauptsächlich am Vorbeter, durch die Wahl der Gesänge den Gottesdienst länger oder kürzer,' pomphafter oder einfacher zu gestalten. In früheren Zeiten, wo der fromme Jude sich freute, einige Stunden tm Tempel verbringen zu können, war es auch für uns Kantoren eine dankbarere Aufgabe, in der heiligen Sprache, welche aller: geläufig war, den Gottesdienst reicher musikalisch auszngestalten, und je mehr gesungen und gesagt wurde, desto lieber nahm man es auf. Nicht zu gedenken jener alten Zeit, wo noch alle Piutim gesagt wurden; da war zum Beispiel nach Aussage der alten -Chasanim am Sch’wii scliei Pessach die Tätigkeit eine überaus anstrengende, aber alles harrte aus von zirka 7 Uhr früh bis 11 Uhr vormittags. Mit dem Erscheinen der Gebetbücher von Mannheimer, Kämpf und Sachs, welche alle bedeutende Kürzungen enthielten, weil mit den Pintim aufgeräumt wurde, trat auch eine Verkürzung der Gebetszeit ein, und eng an diese Einrichtung schloß sich die Vertonung der Hanptstücke in Sulzers „Schir Zion" an. Diese Neuerung wurde von den fortschrittlich Gesinnten als wünschenswerte, moderne Ausgestaltung begrüßt, bei den Konservativen nicht ohne eine gewisse Bitterkeit angesehen. Selbst dem heute vielbesprochenen Traditionsgesange ward nur ein bescheidener Raum im „Schir Zion I" angewiesen und erst im II. Teile hat Sulzer das Fehlende nachgetragen. Sehr gut bat Kollege Minkovsky, Odessa, hierin die reformatorische Tätigkeit Sulzers bei dem Musterrezitativ „Ma godlir‘ charakterisiert, indem er sagte, daß der .'Reformator hier mit wenigen Strichen ejn ganzes Bild des modernen Rezitierens dargestellt hat. Wie gesagt, nicht jeder Chasan und nicht jede Gemeinde konnte sich dieser Weise akkomodieren; doch gab es namentlich in Böhmen fortschrittliche Gemeinden und Kantoren aus der Prager Schule Skraup, welche jede Neuheit von Paris und Wien eifrig in ihr Programm aufnahmen. Welches Aufsehen erregte nicht beispielsweise der in den „Semiros Jisroel“ von Naumburg aufgenommene „Min kamezar“ von Halevy! Wenn eine solche Piece, der ein eingehendes Studium vorausging, aufgeführt wurde, war die Stimmung des Publikums von anhaltender Wirkung und gehoben an Geist und Seele verließen die Andächtigen die Gottesstätte, und der allgemeine Gesprächsstoff galt einer solchen Exekution. Als nach dem Doppelkriege von 1866 eine Trauerfeier für tue gefallenen Krieger in allen Synagogen Oesterreichs vors bereitet wurde, war es Sulzer, der ein herrliches, hohe Vaterlandsliebe atmendes Tonstück komponierte, welches er dem Sieger von Custozza. dem Feldmarschall Erzherzog Albrecht, widmete. Schon das Titelbild, wie sinnreich! Eine liebliche, freie Landschaft, in deren- Vordergrund ein Denkmal steht, das von einer Trauerweide zur Hälfte überschattet ist, diesem gegenüber auf halber Bergeshöhe eine Ruhmeshalle, aus deren Hinterhalt die aufgehende Sonne ihre Strahlen wirft, auf dem Firmamente aber wie in einem Wolkenschleier eingewoben der Name: Custozza. Es ist der Psalm 42 hebräisch und in deutscher Uebersetzung. Ton und Wort wirken in markigen Ausdrücken so charakteristisch zusammen, daß man von tiefstem Weh ergriffen wird und dies gleich beim ersten G-rnoll-Satz, wo Sopran und Alt pianissimo die Worte beginnen: „Na tischtochachi nafschi“, während Baß und Tenor im 6. Takte D-moll dieselben Worte schmerzvoll wiederholen, um dann vereint mit den ersteren den Satz: „Ihm dankst du Hilf un d Heil" zu beenden. Hierauf folgen musikalisch illustriert nach einem sanften Männerquartett die Schrecken des Krieges: .B'rezach b’azmosai cheerfuni zoroj“ in einem Allegro vivace, das lebhaft an das „Dies iraeu im Mozartffchen Requiem erinnert, und wäre es instrumentiert, so würde es dieselbe Wirkung Hervorrufen. Nach einem sanft absteigenden Zwischenspiel wiederholt sich der erste G-rnoll-Satz, aber der Schluß endet mit einem sieghaften, fechsstimmigen F-änr-Satz: „Ihm dankst du Hilf und Heil, vertrau! vertrau!" Ich glaube kaum, daß in Provinzstädten die Aufführung eines solchen Stückes möglich wäre, weil hierzu bedeutend verstärkte Stimmen notwendig sind. Nur in Wien, wo so große Gesangsmittel zur Verfügung stehen, war am 15. November 1866 im Bethause der inneren Stadt eine solche Aufführung möglich, obwohl mir selbst der Meister persönlich mitteilte, daß für große Aufführungen der Platz im Seitenstettentempel nicht genügend ist. Fortsetzung folgt.) Aufruf! Tieftraurig, ja entsetzlich ist der Jammer und das Elend, welches alljährlich anläßlich der Winterbekleidung der armen hilflosen Greise sich vor unfern Augen abspielt! Hunderte von Gesuchen laufen ein und nur einen Bruchteil können wir berücksichtigen. Wir leisten das Menschenmöglichste. trotzdem können wir nicht die geilügenden Mittel aufbringen, um alle wahrhaft unterstützungswürdigen Greise wenigstens vor den Unbilden des Winters zu schützen wie einen Hilferuf in der dringendsten Not rufen wir allen Wohltätern daher schmerzgepreßten Herzens zu: helfet uns. stehet uns bei, dieses gräßliche Elend zu mildern! Wie viele dieser siechen, gramgebeugten Greise blicken am Rande des Grabes auf ein Menschenalter der fruchtlosen Arbeit und Entbehrung zurück! Wie viele haben gute Tage gesehen und wie grausam empfinden sie nun diese trostlose Armut, dieses Hungern und Frieren! Wie viele zweifeln am späten Abend ihres Lebens an inenfchlicher Güte und Barmherzigkeit! Gibt es Furchtbareres als diese Seelenpein? Wir bitten warmfühlenden Herzens uin Beitritt zu unserem Vereine. Geben Sie uns Ihre Adresse bekannt und wir weisen Ihnen einen würdigen braven Greis zu. den Sie glücklich machen können, dem Sie den Glaubell an die Menschheit wiedergeben, wenn Sie ihm die Brosamen Ihres- Tisches, Ihre alte Wäsche, Uleider. Schuhe, die Sie oft gedankenlos verschenken, zuweisen. Nehmen Sie diesen braven alten Mann unter Ihren persönlichen Schutz, wir selbst wollen Ihnen unverdrossen wegen Linderung der trostlosen Lage unserer Schützlinge mit Rat und Tat jederzeit zur Seite stehen. Verein zur Bekleidung und Unterstützung armer alter Männer israel. Uonfession, II., Praterstraße 15, Uauf mannshalle. Für den Vorstand: Isidor Schwarz. KONKUR8. Bei dem Gefertigten werden Soprane und Altisten sofort aufgenommen. Notenkundige werden bevorzugt. Nähere Auskunft erteilt Oberkantor Jakob Münz, Altofen. Altofen, den 24. Oktober 1905. Konkurs: T Bei der israelitischen Kultusgemeinde in Bielitz (Oesterr.-Schlesien) gelangt die Stelle eines li. Kantors zur Besetzung. Derselbe muss musikalisch gebildet und zugleich Koreh sein, als Bassist oder Tenor im Chore mitwirken und die Fähigkeiten besitzen, einen Tempelchor, welcher mit Orgelbegleitung fungiert, zu unterrichten und zu leiten. Der jährliche fixe Gehalt beträgt K 2400 nebst den üblichen Emolumenten Bewerber, welche das 40. Lebensjahr nicht überschritten haben dürfen, wollen ihre gehörig belegten Gesuche nebst Fotografie bis 15. Dezember d. J. an den Unterzeichneten Kultus Vorstand einsenden und müssen zur Abhaltung eines Probevortrages bereit sein. Dem Berufenen werden die Reisekosten vergütet. Bielitz den 26. Oktober 1905. Der isr. Kultusvorstand.