Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 37 (22.9.1905)
- Date
- 1905-09-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 37. Die Wahrheit Seite 9. ich heute auf demselben Standpunkte, den ich vor vier Jahren inne hatte. Ich habe meine Gesetzbücher, die mir allein kompetent sind. Die Faseleien der Kurpfuscher und modernen Romane imponieren mir nicht. Geben Sie sich keine Mühe mehr. Ich kenne meine Pflicht und werde sie üben. Fanni muß zurück!" °'' ‘ Als Frau Wand die Küche durchschritt, stand ich am Herde und weinte. „Gehe mit ihr, Marischka," sagte sie leise und bebend. Ich nickte. „Wenige Tage darauf fuhr ich diesem Dorfe zu." „Und wie gestaltete sich die weitere Ehe meiner Großeltern?" fragte ich gepreßt. Marischka lehnte sich müde zurück. „Wie konnte sie werden? Gut nimmer. Die zwei Menschen waren zu sehr verschieden. Beide litten und vermochten doch nichts zu ändern. Selbst als das Leid über sie hereinbrach, als sie zwei Kinder durch den Scharlach verloren, eines viele Jahre am Hinfall siechte, wurde es nicht besser." „Du bist erschöpft, Marischka, ich will Dich allein lassen. Bitte, sage mir nur noch: Hat der Urgroßvater sein Unrecht endlich eingesehen? ' „Wenn Du die Menschen besser kennen würdest, Rudolf, wüßtest Du, daß die meisten, selbst durch ihre eigene Erfahrung nicht belehrt werden. Rur wenige sind es, die im reiferen Alter ein Vorurteil, eine Ueberzeugung aufgeben und zur Einsicht gelangen. Der alte Herr gehörte nicht zu diesen. Er trug in frommer Ergebung die Schickung, wie er sich ausdrückte, und machte sich wohl wenig Skrupel darüber. Ich glaube, er hätte abermals in gleichem Falle gleich gehandelt." Begreifst Du dies, Alfred? Doch, was nützen heute unsere Betrachtungen? Wogender Herbstnebel macht mir das Ausgehen unmöglich, Ein helles Feuer prasselt im großen Kachelofen neben mir und verbreitet eine angenehme Wärme. Der Kanarienvogel im Bauer am Fenster blickt verständnisvoll zu mir herüber, läßt hie und da einen kurzen Pfiff hören, leise und behutsam, als wollte er die tiefe Stille des Hauses nicht stören. Aber kein Friede ist es, kein himmlischer, wohltätig sich ergießender. Es ist die Stille des Todes, die hier ihren Aufenthalt genommen. Muß ich sterben, Alfred, muß ich?! Aber ich will leben, leben, leben! Nicht im tollen Rausche, nicht in jauchzendem Vergnügen, nein, arbeitsam und bescheiden, nicht für mich, nicht zu meiner Freude, für sie, sie allein, denen mein Herz in verehrungsvoller Liebe geweiht ist. Barmherziger Gott, lasse mich um meiner Eltern willen nicht vergehen! Nimm mich mit ihnen von hier, wenn du mein Ende beschlossen hast. O, sei gnädig! Ich will nochmals zum Professor. Ich will alles daran setzen. Die Mittel müssen sich irgendwie aufbringen lassen. Vielleicht kann man mich doch noch retten. Der Süden! War ich doch stets gesund und kräftig. Im Oktober. Dein Rudolf. Mein bester Freund! Das war ein schwerer Abschied! Nein, ich mag gar nicht mehr daran denken. Es ist mir noch immer wie ein Traum. Ich bin seit gestern am Gardasee. Wie ich hiehergekommen, weiß ich kaum. Der ununterbrochene Regen verwehrte mir hartnäckig fast jeden Ausblick. Berge und Städte, Täler und Dörfer flogen gleichsam tief verschleiert an mir vorbei. Die Mitreisenden sprachen voll Entzücken von der Großartigkeit und Herrlichkeit des einen oder anderen Punktes, an dem wir eben vorüberrasten. Ich spähte voll heißer Begierde durch das Fenster, das ich nicht zu öffnen wagte. Wenn ich einst desselben Weges reise, habe ich hoffentlich mehr Glück. Alfred, am Gardasee! Wie hoch doch wieder mein Hoffen emporschnellt. O, ich werde wieder gesund werden! Das frischpulsierende, kraftbringende Leben wird mich wieder in seine Arme nehmen, ich werde wieder ohne Bangen den Abend begrüßen, ohne Schaudern den Morgen empfangen können. Gesund werde ich werden! Alfred, ich glaube wieder! Wie bin ich so unendlich glücklich, so voll von froher Zuversicht! Freue Dich mit Im November. Deinem Rudolf. Geliebter Freund! Endlich einen langen Brief von Dir. Gibt es also bereits Rabbinen, die warnend ihre Stimme erheben? Du warst viel zu wenig ausführlich. Bei welchem Anlasse wurde die scharfe Rede gehalten, in der Euer Seelsorger die Verwandtenehe von heute als eine unsittliche, oft verbrecherische Institution brandschatzte? Jede Verbindung, bei der die Nachkommen von vorneherein in irgend einer Hinsicht gefährdet seien, wäre höchst unmoralisch und daher verwerflich, sagte er? Und man hört auf ihn? Die jüngste Generation ist ganz aus seiner Seite? Aber auch ältere Leute lassen sich überzeugen? Warum hat dieser, weise, dieser wahrhaft fromme Mann nicht vor mehr als fünfzig Jahren gelebt? Warum konnte er nicht in der Gemeinde walten, in der mein verblendeter Urgroßvater seine Tage lebte? Ach, vielleicht läge ich nicht so erbarmungswürdig elend da, vielleicht wäre ich nie geworden! Mil mir stehts schlimmer als je. Das entsetzliche Wetter, das noch keine Stunde anssetzte, hat mich ins Lazareth getrieben. Werde ich es lebend verlassen? Ich bin sterbensmüde. Wenn nur schon alles vorbei wäre! Bis in den Tod Dein Rudolf. Am 30. November, 12 Uhr Mitternacht. * H * Geehrter Herr! Erst als ich schmerzzerrissen allein hinter dem Sarge meines heißgeliebten Bruders einherwankte, durchzuckte mich der Gedanke, daß Sie, sein bester Freund, gewiß Herbeigeslogen wären, um ihm das letzte Geleite zu geben, wenn ich Sie rechtzeitig verständigt hätte. Verzeihen Sie, daß ich es nicht tat. Seit dem Augenblicke, der mir die verhängnisvolle Depesche brachte, war ich meiner nicht mehr mächtig. Bisweilen ist mir noch immer, als wäre ich dem Wahnsinne nahe. Wenn ich ihn nur noch am Leben gefunden hätte, wenn er mich noch einmal mit seinen guten, frommen Augen so recht innig Hütte anblicken können, wenn es mir wenigstens gegönnt gewesen wäre, ihm zuzurusen: „Rudolf, ich bin da, ich bin zu Dir gekommen! Reiche mir Deine treue Rechte und lasse mich Dir schwören, daß ich unsere unglücklichen Eltern nie verlassen werde, daß mein Leben ihnen geweiht sein soll, auf daß sie an ihrem Lebensabende nicht der Verzweiflung anheimsallen..." Er hörte mich nicht mehr! Starr und kalt lag er da in unvergleichlicher Schönheit wie ein Vorwurf an das Schicksal, wie eine Anklage gegen die Menschheit. Warum?! Warum?! Eine Stunde vor meiner Ankunft wäre er gestorben, meinte der Arzt. Plötzlich wäre der Tod über ihn gekommen, plötzlich, gerade als der sehnsuchtsschwere Blick durch das offene Fenster den tiefblauen, sonndurchtränkten Himmel, das üppige leuchtendgrüne Laub der nahen Bäume grüßte, durch deren Stämme der helle Spiegel des Gardasees gleich einem großen, lichtersüllten Auge herüberlacht. Ein tiefer Atemzug, so tief und lang, als wollte die schmerzensvolle, jugendwarme Brust mehr denn je die würzige, linde Lust verzehren und alles war vorbei. In einer Viertelstunde geht mein Zug. Er führt mich der fernen Heimat zu. Wie werde ich vor meine Eltern treten, ihnen sagen: „Vater, Mutter, er ist nicht mehr! Vergeblich waren unsere schweren Opfer, der Tod hat ihn im fremden Lande gesucht. In fremdem Lande, unter fremden Gräbern rnht Euer liebstes Kind. Aus fremder Erde ist der Hügel gewölbt, der Euer Kleinod birgt, den Ihr vielleicht gar nie mit Augen sehen werdet. Und ich, ich habe keinen Trost für Euch als mich!" Und ich schlage wieder die Hände vor mein Angesicht und weine, weine, weine! Am Gardasee, im Dezember. Hugo Kohn. Wollu. Seidenkleider reinigt man am besten mit Schicht's Schwanseife (feste Kaliseife) schäs^,|’ WEISSWÄSCHE