Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 29 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Msterr.-lllM. Kantoren -Zeitung Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes werden die geehrten Herren Cantoren dringend ersucht, den Abonnementsbetrag für das am 1. Juli begonnene 3. Auartak umgehend einzusenden und auch an den Begleich der Rückstände zu denken. Der Snlretismns und die moderne jynagogale Liturgie. Von P. Minkowsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. (Fortsetzung.) Von den drei obenerwähnten Rezitativgattungen okkupierte die zweite-Gattung, nämlich das dichterische Rezitativ, den winzigsten Platz im Schir-Zion, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil unsere Liturgie sehr wenig metrisch gebaute Dichtungen enthält. Alle metrischen Hymnen in den lebenden Sprachen, die sich in den letzten 50 Jahren bei den reformierten Gemeinden in Westeuropa und noch mehr in Amerika eingebürgert haben, sind bloße Nachahmungen, oder entlehnte Zierlichkeiten der Kirche. Allenfalls hat sich Sulzer damit nicht besaßt. Dagegen entwickelte Sulzer eine reichhaltige Tätigkeit in den beiden anderen Rezitativgattungen, im prosaischen Sprechgesange wie in dem künstlerischen musikalischen Rezitativ. Als Beispiel der ersten Gattung mögen die Rezitative Li hinns, Schir Zion 1. T., S. 32, Wehu echod ibid. S. 40 und Adonaj ohawti ibid. 2. T., S. 73 dienen. Diese Rezitative tragen alle den Charakter der Prosa, ähnlich den prosaischen Rezitaliven der alten Völker, die bis nun ist"den katholischen Kirchen, in dem akzentischen Teile streng konserviert werden. Der jüdische Pöbel nennt instinktiv diese Rezitative . Aalchisoh." In ihrem beschränkten tetrachordischen oder pentachordischen Ambitus sowohl, als auch in ihrem expressiven jedoch etitfadjeit und erzählenden Charakter des Vortrages entsprechen sie vollkommen die Bedingungen des klassischen Sprachgesanges. Der kolossale Erfolg dieser Sprechrezitative brachte eine Nervosität unter den Chasanim des alten Stils hervor. Vergebens suchten sie nach einem wesentlichen und kernhastigen Punkt der alten „Neima“ und bedauerten ihn nicht gefunden zu haben. Sie schüttelten ihre Köpfe und riefen verzweifelnd: „Was, eine kriechende und brummende Zahl von Silben, die sich in einer Lage von vier bis fünf Stufen bewegen, ohne Krümmungen, ohne Ruladen, Triller und künstlerische Sprünge auf zwei oder drei Oktaven, ohne Schmelz und jüdisches M’thikos mp-na, die ein Sänger (?) trocken erzählt, ohne jemanden beeinflussen zu wollen und zu können, soll unsere künstlerische, elegische, lyrische und rührende Neima ersetzen, die mit »sä mioa gesungen werden mußte?" Auch kritisierten sie die Wahl der Texte, die Sulzer für seine Rezitative ausgewählt hat. „Haben wir denn keine anderen und rührenderen Texte aus den T’chirLoth, Slicbotb rc., deren Inhalt allein die Toten aus der Gruft erwecken könnte, daß er gar solche Texte wie „Li bimi6," „W’bu bojo" mit Gesang bekleidete?" Ungeachtet dieser Irritation eroberte sich das prosaische Rezitativ nach und nach die Gunst aller Gemeinden, denn durch diese einfachen Rezitative gelang es Sulzer, seine. Zuhörer zu erschüttern, viel mehr als die alten Chasanim mit ihrem schnörkelnden Jammer auf solche Texte, deren Inhalt an und für sich erschütternd gewesen ist. Diese prosaischen Rezitative imponierten auch denen, die mit Leib und Seele der alten Neima anhängig waren, durch ihre Neuheit und packende Expression und verfehlten nicht eine eigentümliche Wirkung hervorzurufen. In diesen prosaischen Rezitativen hat Sulzer das Neue mit dem Alten gebunden, alt in der äußeren Form des klassischen Sprechgesanges, alt im beschränkten tetrachordischen oder pentachordischen Ambitus, ähnlich dem Vortrage der alten Hebräer zu Jerusalem, ähnlich den griechischen Prosodien und christlichen Pfalmodien, und neu in der inneren Elastik, in der modulatorischen Biegsamkeit — die den alten Prosodien gänzlich mangelten — und, last but not least, in dem dramatischen Aufschwung. _(Fortsetzung folgt.)_ " "" ', ü[biT-tmg-Jluntoreu-lBerdties. In der am 24. b. M, 3 Uhr nachmittags, stattgehabten Vorstandssitzung, bei welcher die Herren I. Bauer, S. Jurb e r g e r, I. L ö w i t, E. Regner, M. S ch o r r und I. Singer anwesend waren, teilte der Vorsitzende. Präses I. Singer, mit, daß Herr Baron Albert von Rothschild in Ausführung einer testamentarischen Verfügung seines verewigten Bruders Baron Nathaniel von Rotschild, dem Vereine einen Betrag von 2000 Kronen zugewendet habe. Diese Mitteilung wird freudig zur Kenntnis genommen und beschlossen, dem edlen Spender den Dank des Vereines abzustatten. Für die durch Herrn Oberkantor I. Heymann gesammelten Spenden von L 66 wird gleichfalls der Dank des Vorstandes votiert. Bei Eingang in die Tagesordnung wird zunächst ein Referat des Vorsitzenden über einen Organisationsentwurf für die durch den Verein zu gründende Kantorenschule zur Kenntnis genommen und hierauf das Ansuchen des Vereinsmitgliedes I. T s ch a s s n y in Retz um Anerkennung der Berufsunfähigkeit bewilligt. . Im Sinne dieses Vorstandsbeschlusses werden hiemit die P. T. Vereinsmitglieder ersucht, den Pflichtbeitrag von 2 L für den berufsunfähig geworden Kollegen I. T s ch a s s n y laut § 14 der Statuten an den Vereinskassier Oberkantor M. S ch orr, Wien, II., Obere Donaustraße 47, umgehend einzusenden. Der Vorstand des österr.-ungar. Kantoren-Vereines. KONKURS. Bei der usraelitischen Kultusgemeinde zu Patzau, Böhmen, gelangt die Stelle eines ' Rabbiners mit einem Jahresgehalte von K 1400.—, freier Wohnung, dem Ertrag des Unterrichtes an Volks- und Bürgerschulen und gewöhnlichen Emolumenten zur Besetzung. Bewerber, welche der böhmischen Sprache vollkommen mächtig sein müssen und das 40. Lebensjahr nicht überschritten haben, wollen deren schriftliche Offerte längstens bis 10. August a. c. dem gefertigten Vorstande einsenden. Patzau, im Juli 1905. Vom Vorstande der israel. Kultusgemeinde. In der hiesigen israelit. Kultusgemeinde ist mit 1. April 1906 die Stelle eines zeitgemässen, musikalisch gebildeten Kantors, welcher zugleich Keligionslehrer blT£ X“Vp und von drei anerkannten orth. Rabbinern autorisierter pni—1 EiTiE? sein muss, zu besetzen. Jahresgehalt 900 K, Wohnungspauschale 160 K, ganze Schechita, 2 Klafter Holz, fürs Vorbeten an deu hohen Feiertagen 40 K, nebst den üblichen Nebenemolumenten. Bewerber wollen ihre hierauf bezüglichen Offerte mit glaubenswürdigem Nachweis ihres Alters, Familienstandes und bisherigen Wirkens, sowie auch über ihren religiösen und moralischen Lebenswandel sofort, jedoch längstens bis 15. August 1. J. an den gef. Kultusvorstand portofrei einreichen. Der Akzeptierte müsste über die hohen Feiertage hier vorbeten. Bezahlung laut Uebereinkommen, nebst freier Station. Nur die vom Vorstande Berufenen werden zu einem Probevortrage zugelassen und nur dem Akzeptierten die Reisespesen und TJebersiedlungskosten nach Uebereinkommen, jedoch erst beim Antritte des Postens rückvergütet. Mitrovitz, 17. Juli 1905. Josef Fleischmann, Kultusvorstand.