Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 20 (26.5.1905)
- Date
- 1905-05-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 20. Die Wahrheit Seite 9. und der diesen zugehörigen Jnstitute^nahm dieser Tage unter dem Präsidium des Vizepräsidenten Hofräles Dr. Philipp Wein mann die alle drei Jahre gebräuchlichen Wahlen in den Direktions-Ausschuß vor. In diesen aus zwanzig Mitgliedern bestehenden Ausschuß entsenden die Religionsgemeinde und die Chewra-Kadischa aus den Mitgliedern ihres Vorstandes und Ausschusses zehn Mitglieder, während die anderen zehn aus der Reihe der Angestellten und Pensionäre gewählt werden. Die Delegierten des Vorstandes sind: Louis Baumgarten, Dr. Philipp Weinmann, Samuel Deutsch, August Kohner, Stefan Popper, Berthold Weiß, Julius Adler, Emerich Birnbaum, Alexander Deutsch de Halom und Karl Gomperz: von den Pensionären wurden gewählt: Dr. Franz Mezey, Abraham Stern, Äladär Hirsch, Dr. Samuel Kohn, Nathan Halüß, Sigmund Rigocz, Dr. Bernhard Munkücsi, Dr. Ignaz Goldziher, Ignaz Gombos und Julius Kornfeld. - Wielkie-Oczy. Vorige Woche wurde Herr M. D. Schreiber, .Kantor in Rosenberg (Ungarn), der zum Besuche seiner Eltern hier weilte, vom Vorstände der hiesigen Gemeinde mit einem Bortrage beehrt und hat Freitag Abends und Samstag an der großen Synagoge vorgebetet. Sein schöner, weihevoller Vortrag fand allseitige Anerkennung. Csurgv. (R a b b i n e r - I n st a l l a t i o n.) Am 2. d. M. wurde 'der neugewählte Csurgoer Rabbiner Dr. Ludwig Kohn unter großen Feierlichkeiten in sein Amt eingeführt. Zum Festgottesdienst erschienen die Sommitäten der Stadt. Der Tempel war bis aus das letzte Plätzchen gefüllt und mit Andacht hörte man die formvollendete Rede des neuen Seelenhirten an, die tiefen Eindruck machte. Abends fand ein Banket istatt. Mit einem Tanzfest endete die schöne Feier. Kronstadt. (Rabbinerwahl.) In der aut. orth. Gemeinde .zu Brassö wurde Rabbiner Dr. Hermann Klein aus Nagy-Sallo zum Oberrabbiner gewählt. Der neue Rabbiner hat sich mit der Tochter des Oberrabbiners Wesel aus Torda verlobt. Fiume. (R a b b i n e r w a h l.) Die israel. Kultnsgemeinde in Fiume wählte den bisherigen Rabbiner der Muraßombater Gemeinde Dr. Josef Frankl zum Rabbiner. Literatur. Judentum und moderne Weltanschauung. Fünf Vorträge 'von Dr. Cäsar S e l i g m a n n. Frankfurt a. M. I. Kauffmann. Mk. 1*80. Ein vortreffliches Büchlein, das jeder gebildete Jude in- und auswendig kennen sollte! Die aktuellsten Fragen der Neuzeit: Darwinismus, Spinozismus. Schopenhauer, Nietzsche, die ethische Kultur —: alles wird inbezug auf das Judentum ins Auge gefaßt und in glänzender, geistvoller Auseinandersetzung dem Judentum die Siegespalme gereicht. Eine so glänzende Apologie des Judentums sollte nicht dem Zufall überlaffen werden. Wie seinerzeit „Die Ethik des Judentums" von Lazarus sollte die Wiener Kultnsgemeinde das Werkchen in großer Anzahl ankaufen und es unter die jüdische Intelligenz, namentlich unter die reiferen Mittelschüler verbreiten — das Judentum würde ihr dafür unendlichen Dank wissen! Dr. K a h a n, Znaim. Glühende Kohlen. Novelle von Babette Fried, Prag. (Fortsetzung.) „Für immer?" Der Doktor stand von seinem Sitze auf nnd durchmaß in langsamem Schritte sein Zimmer. Für immer verloren sind die Toten. Wäre denn gar keine Hoffnung mehr? Der Rabbiner sollte seine Ueberredungskunst bei Martha versuchen. Lächerlich! Wen sich da der Alte ausgesucht hatte. Wie könnte ein , solcher Bücherwurm das Herz eines so zarten Wesens, wie Martha, verstehen? Wo er selbst, der fesche Heinrich, vergeblich geworben, da konnte auch ein solcher Bote, wie dieser Pedant, nichts ausrichten. Eine Idee von dem Alten! Ich selbst wage es noch einmal. Bis jetzt hatte ich sie nicht geliebt. Das kluge Mädchen merkte dies, trotz meiner Verstellung. Die Liebe zu ihr ist erst bei mir entstanden, als sie so bezaubernd schön in ihrem Atlaskleide, dem Brautschleier und Myrtenkränze, vor mir stand und mir ihr „Nein!" entgegenschleuderte. Wo lebt das Weib, welches mir widerstehen könnte, wenn ich liebe, wenn ich glühe? Heute ist nichts damit, morgen, bei kühlerem Blute, wird sie meinen Worten Gehör schenken. Wenn aber nicht? Es wäre furchtbar für mich, bann müßte ich auf meine Sicherheit bedacht sein. Herausreißen müßte mich die Geschichte auf jeden Fall. Der Alte muß blechen. Ich drohe ihm, und'dies mit vollem Rechte,' mit einem Schadenersatzprozesse, so viel schlage ich doch heraus, daß ich den verstixten Wechsel einlöse, und die anderen Gläubiger werden warten — müssen warten, bis ich eine andere reiche Partie mache. Es gibt ja reiche Mädchen genug, welche auf den Doktortitel ganz erpicht sind und anbeißen. wie die Fischlein an den Köder, wenn sie nur das Wort Doktor hören. „Martha Hönigs sind das freilich nicht," fügte er mit einem Seufzer hinzu. 4. Beim Vater. Da der Stellvertreter des Doktors dessen Pflicht versah und die Krankenbesuche machte, hatte Piesen Zeit, sorgfältig Toilette zu machen und sich zum Besuche im Hönigschen Hause vorzubereitell. Gegen 10V2 iihr betrat er dieses und suchte sofort den Hausherrn in dessen Komptoir auf. Nach gegenseitiger kurzer Begrüßung nahm der Doktor seinem Exschwiegervater gegenüber Platz. „Also wie gehts, Papa, nach dem gestrigen famosen Hochzeitsfeste?" Ich verbitte mir diese vertrauliche Benennung, zu der Sie kein Recht mehr haben." „Bitte, Papa, nehmen Sie die Sache nicht so tragisch, es läßt sich ja alles wieder ins alte Geleise bringen." Ins alte Geleise, ja, so wie es vor Ihrer Verlobung war, denn so stehen die Sachen. Ich habe alles versucht, aber alles vergeblich." „Was eigentlich haben Sie versucht? Sie haben den absonderlichen Einfall gehabt, den ungeschickten Rabbiner zu Martha zu schicken. Was kann man von diesem erwarten?" „Sprechen Sie nicht so verächtlich von dem Rabbiner, Doktor! Er hat seine Sache gut gemacht, nur allzugut, — aber für sich" — fügte er im Flüstertöne hinzu. „Wie meinen Sie das, Papa? Was haben Sie da von dem Rabbiner gemurmelt?" „Nichts, nichts," sagte rasch der Alte, dem daran lag, daß die Affaire mit dem Rabbiner nicht in die Oeffentlichkeit dringe, „ich meinte blos, daß da nichts mehr zu machen sei." „Papachen, ich habe mich heute entschlossen, noch einmal Vorstellungen bei Martha zu versuchen, ein Mädchen, wie dieses, gibt man nicht so leicht auf. Ich hätte zwar keine Sorge um eine andere Braut. Samson Buxbaum gäbe mir gleich seine Tochter, auch andere angesehene Männer haben mir heute schon ihre Unterhändler geschickt, ich habe aber einmal Martha gerne und möchte mit keiner anderen glücklich sein. Wo finde ich Martha, Papa?" Der Alte wurde ganz verlegen und kraute sich in seinem spärlichen grauen Haare. „Zu Hause nicht, Doktor, sie ist abgereist." „Sie haben sie weggeschickt? Das sollen Sie mir büßen!" „Büßen? Warum und womit? Sollte sie etwa hier bleiben und all das Gezische! und Gespött mit anhören?" „Und ich, der ich unschuldigerweise zur Zielscheibe dieses Gespöttes geworden bin, ich soll alles über mich ergehen lassen? Mit diesen Worten haben Sie selber Ihr Urteil gesprochen. Sie werden mir Ersatz schaffen — nicht nur für alle wirklichen Auslagen und für meine vergeudete Zeit, sondern auch für meine gehabte Äufregung, für mein verlorenes Ansehen und gefährdete Ehre. Rechnen Sie gut, Papa Hönig, ob meine ge-! rechten Ansprüche nicht die Summe übersteigen werden, welche Sie Ihrer Tochter zur Mitgift bestimmt haben." „Ha, ha, ha, Sie gefallen mir gut, Herr Exschwiegersohn, sich auf die gekränkte Unschuld hinauszuspielen. Was ist es denn mit Emma Kolinsky, was?" Der Doktor war bis in die Lippen erblaßt. Der Name, welcher ihn in der letzten Zeit immerwährend verfolgte, war ihm jetzt entgegengeschleudert worden, wo er glaubte, seinen letzten, größten Trumpf ausgespielt zu haben. Jedoch galt es, kaltes Blut zu behalten, sonst war seine Lache verloren, und dies durfte doch nicht geschehen, denn zu viel stand für ihn auf dem Spiele. „Emma Kolinsky? Ter Name ist mir sehr bekannt, er muß in meinem Leben schon eine Rolle gespielt haben, nur kann ich mich unmöglich im Momente darauf besinnen. Ich bin heute so aufgeregt und nach dem gestrigen Tage und der schlaflos verbrachten Nacht dazu." — (Fortsetzung folgt.)