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Die Wahrheit · 1905-05-19 · Heft 19 (19.5.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 19 (19.5.1905)
Date
1905-05-19
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Die Wahrheit Redaktion u. Administration: Wien, 11/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 15302. Unabhängige Heitfchrift für jüöische j Berugspileis- : | Ganzjährig ... ff. 12.—!| 1 Halbjährig ... ff. 6 — Intereben. | . Für CultuSbeainte: Inserate 20 Hetl. per Nonpareille-Zeile. Abonnementsu. Jnsertions-; Ganzjährig . . . ff. 10 — Erscheint jeden Kreitag. j Für Ausland: betrage sind in Wien zahlbar | Ganzjährig . . . s Mark.l und klagbar. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ 1 6 Rubel oder 16 FcS.; |lt\ 19. Wien. 19. Mm 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Aus der Wiener Kultusgemeinde. — Der besteuerte Tempelbesuch. — Kreisrabbiner Adam Wunder und Oberlehrer Eduard Fantl. — Die Himmel rühmen. — Das grausame Vaterland. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Glühende Kohlen. — 25jähriges Amtsjubiläum. — Der Sulzerismus und die moderne synogogale Liturgie. > Ans der Woche. Aus Rußland folgen und gleichen sich die Meldungen über grauenerregende Exzesse gegen die Juden, und die Bullelins über die Straßenkämpse berichten wie die vom Kriegsschauplatz^ von Toten und Verwundeten. Eine wahre Anarchie herrscht, und die Staatsgewalt stellt sich in den Dienst Jener, welche Raub und Mord zu einer ständigen russischen Institution machen. Wie wahrer Hohn berühren die, man weiß nicht, mehr von Albernheit oder von Verlogenheit strotzenden, offiziellen russischen Berichte, die mit frecher Stirne die Behauptung aufstellen, die Juden seien es, die die Krawalle durch provokatorisches Benehmen inszenieren! Ja. noch mehr, die Juden werden in diesen empörenden Lügenwischen direkt bezichtigt, daß sie ohne Grund und Ursache mit den Waffen in der Hand gegen die christliche Bevölkerung losgehen! Kein Vernünftiger wird es glauben, daß in Rußland eine nach der Zahl nach verschwindende Minorität, wie es doch die Juden sind, zu solchen wahnsinnigen Ausschreitungen gegen die erdrückende Majorität Lust haben könnte, aber es ist kennzeichnend für die Judenfeinde, daß sie vor keiner noch so plumpen Lüge zurückschrecken, wenn es gilt, gegen die Juden zu hetzen. q- * * Wenn die blutigen Vorgänge in Rußland, deren Opfer in erster Reihe immer die Juden sind, nicht gar so betrübend wären, so könnte man über die Dummheit lachen, welche die Wiener antisemitische Presse in ihren fälschenden und entstellenden Berichten verrät. So war vor einigen Tagen im „Deutschen Volksblatt" im „Eigenbericht" über die ..Judenkrawalle in Schitomir im Lichte der Wahrheit " zu lesen, in welchem es u. a. buchstäblich hieß: ..Am Samstag, den 6. d. M. begann das Blutvergießen, man könnte sa ge n, ein er Kl einig! eit wegen: Einige Bauernweiber begannen das recht zahlreiche Publikum, welches Spazierfahrten zu Boot unternommen hatte, mit Steinen zu bewerfen." Buchstäblich im „Deutschen Volksblatt" zu lesen! Daß die Bauernweiber, die durch infame Hetzer fanatisierten Megären, harmlose, ruhige Menschen mit Steinen bewerfen, erscheint dem Verganiblatte als eine Kleinigkeit Wir wären neugierig zu wissen, ob Herr Vergani, wenn er mit seiner verehrten Familie im Wagen sich breitmachend, in der Hauptallee im Prater einem kleinen Stein-Bombardement preisgegeben wäre, dies auch als eine „Kleinigkeit" betrachten würde, die weiter nicht der Rede wert ist . . . Der Vize-Bürgermeister Josef S t r o b a ch hat das Zeitliche gesegnet und an seinem Grabe wurde ihm nachgesagt, daß er für die Ehre Wiens gearbeitet und gewirkt habe. Die Italiener haben ein Sprichwort: „Er lügt wie ein Grabredner." Daran wurde man erinnert, wenn man hörte, daß ein Mann, der in seiner verantwortungsreichen Stellung nur die brutale, harte, vor nichts zurückschreckende Parteileidenschast bekundete, für die Ehre Wiens gelebt und geschaffen habe! Strobach war auch derjenige, welcher mit dem ganzen Gewichte seiner Persönlichkeit sich dafür einsetzte, daß das System der Ungerechtigkeit gegen jüdische Beamte und Lehrer ja nicht erschüttert werde Er war und blieb hart und unversöhnlich und bekämpfte unerbittlich jene Parteigenossen, die auch, wenn es Juden betraf, der Stimme der Billigkeit, Gerechtigkeit und Humanität Gehör geben wollten. Strobach wollte den Vorteil des Antisemitismus, nicht die Ehre Wiens! Das ist die Wahrheit, die man auch dem Toten nachsagen muß! » * * Die Berliner Theatergäste, die gegenwärtig im Theater a. d. Wien spielen, haben dem Publikum die Bekanntschaft einer Tragödie, „Der Graf von Charolais", verschafft, deren Autor ein jüdischer Dichter, Be er-Hofmann, ist. Der hohe dichterische Wert des Werkes dürste von allen unbefangenen Beurteilern anerkannt werden, aber eine Gestalt in der Tragödie wird namentlich die Seele jedes Juden aus das tiefste erschüttern. Der „rote Jtzig", welcher in Gemeinschaft mit zwei guten Christen als Gläubiger des Grafen Charolais — von einem alten Rechte Gebrauch machend — dem Sohne die Auslieferung des toten Vaters verweigert, ist gewiß keine sympathische Erscheinung. Aber der Dichter hat dieser ganz eigenartigen Shylock-Figur eine Anklage gegen das Christentum in den Mund gelegt, die — wir wagen getrost die Behauptung — selbst in der Brust des verbohrtesten Judenhassers ein Gefühl menschlichen Mitleides erwecken muß. Als der junge Charolais dem von ihm verachteten Juden höhnisch zurust, was er, der Jude, von dem Schmerze eines Sohnes verstünde, der seinen toten Vater nicht ins Grab betten dürfe, erzählt ihm der Jude, wie sein Vater starb. In dem herzzerreißenden Berichte über eines der im Mittelalter so beliebt gewesenen — Autodasös heißt es unter anderem: „Vor Sonnenaufgang waren schon ausgerückt Soldaten, die Verein', die Bruderschaften, De ganze Geistlichkeit! Was für ein Ehr' Das für e Juden ist! Der König selber Js dagesessen, aus den großen Platz Der ganze Hof — und alles für e Juden!"

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