Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 18 (12.5.1905)
- Date
- 1905-05-12
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Redaktion u. Slbiuiuiftiation: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Nr. der Druckerei 153V2. Irrferate 20 Hell, per Nonpareille-Zeile. AbonneinentSu. Jnsertionsbeträge sind in Wien zahlbar und klagbar. «abhängige eitschrift für Mische en^ Krscheint jeden Kreilag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!“ Vezugspyers-: Ganzjährig . . . K. 12.— Halbjährig ... St. 6.— Für Cultnsbeamte: j Ganzjährig ... St. 10.—{ I I Für Ausland:! Ganzjährig ... 8 Mark. | Ü Nnbel oder lü Fc». n_ _ Ur 18. Wien, 12. Mai 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Die Konfession der Kinder aus Mischehen. — Die, Gastgeber des Wiener Männergesangvereines.— Die Himmel rühmen... — Moritz Bauer. — Jakob Bachmann. — Literatur. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton: Glühende Kohlen. Ans der Mache. Professor Minor hat ein treffliches Wort gesprochen: „Schiller würde sich im Grabe umdrehen, wenn er sähe, was man alles aus ihm macht." Man könnte aber noch hinzusügen: Er würde sich ein zweites Mal umdrehen, wenn er wüßte, wer die Leute sind, die sich in Wien an seinen hehren Namen heranwagen, um ihn angeblich zu feiern. Schiller, der ideale, von den erhabensten Gefühlen der Menschen- und Freiheitsliebe beseelte Dichter, wird von den Leuchten der christlich-sozialen Partei gefeiert, gepriesen, der Jugend als Muster und Vorbild vor die Augen gerückt. Der Herr Bürgermeister Dr. Lueger, der ein zu kluger Mann ist, um nicht zu wissen, daß zwischen der idealen, vornehmen, vorurteilsfreien Anschauung Schillers und der gehässigen, kleinlichen, vorurteilsvollen Denkart der Antisemiten ein Abgrund gähnt, den keine Festphrasen überbrücken können, meinte wohl: Schiller gehört keiner Partei, er gehört allen. Aber das ist ein großer Irrtum, oder eine bewußte Irreführung. Schiller gehört jenen nicht, die den Menschen nach dem konfessionellen Maßstab messen, die Lüge und Verleumdung im politischen Kampfe als Waffen benützen; er gehört nicht jenen, die im Namen der Religion gotteslästerliche, im Namen der Gerechtigkeit geivalttätige, unter der Flagge der Humanität grausame und rohe Ziele verfolgen. * * * Das „Deutsche Volksblatt" hat sich seine eigene Schiller- Feier zurechtgelegt, indem es in einem spaltenlangen Feuilleton die schlechten Erfahrungen schildert, die Schiller angeblich mit einem jüdischen Verleger gesammelt hat. Zwar ergibt sich selbst aus dem erwähnten Feuilleton, daß Leute, wie Humboldt, für die Unschuld des jüdischen Verlegers sich verbürgten, aber das macht nichts: Schiller - ist doch von einem Juden betrogen worden und er hätte daher von Gott- und Rechtswegen ein Antisemit werden müssen! Welch ein lächerlicher, bornierter, erbärmlicher Standpunkt! Freilich es ist der antisemitische Standpunkt. Einer mag noch so viele redliche Juden kennen, gelernt haben, das beweist gar nichts; hat er mit einem Juden schlechte Erfahrungen gemacht, da hat der Antisemitismus sofort seine volle Existenzberechtigung erwiesen. Baron Alfred Berger hat die Schiller-Feier im Rathause gar dazu benützt, Schiller für den Katholizismus zu gewinnen. Er begnügte sich nicht damit, zu beweisen, daß der große protestantische Dichter für jedes religiöse Fühlen Verständnis gehabt, nein, er wollte den Beweis erbringen, daß jede Kunst insbesondere dem Katholizismus verwandt sei und daß Schiller eigentlich eine geheime Schwärmerei für die katholische Kirche gehegt habe. Der Festredner, welcher wohl weiß, daß ihn der tote Schiller nicht Lügen strafen, wohl aber die mächtigen Klerikalen bei einer eventuellen Neubesetzung des Burgtheater- Direktorpostens fördern könnten, ist übrigens schon am nächsten Tage von den christlich-sozialen Arrangeuren einer Schrller- Feier im Theater widerlegt worden. Man gab Schillers „Maria Stuart" mit klerikalen Strichen. Wer die Vorstellung mit Aufmerksamkeit verfolgte und seinen Schiller aus Schiller und nicht aus Alfred v. Bergers Festrede kennt, vermißte u. a. folgende Stelle: „Wohl weiß ich, daß man Gott nicht dient. Wenn man die Ordnung der Natur verläßt, Und Lob verdienen die, die vor mir hier gewaltet, Daß sie die Klöster aufgetan und tausend Schlachtopfer Einer falsch verstandenen Andacht den Pflichten der Natur Zurückgegeben." Natürlich, katholischen Ohren hätten auch die folgenden Verse nicht besonders wohlgeklungen: „Die Kirche trennt alter Pflichten Band, Den Treubuch heiligt sie, den Königsmord. Ich übe nur, was Eure Priester lehrten." Sie wurden gestrichen! Und noch viele andere Stellen! Aber man müßte wohl noch viel, viel mehr aus Schillers Werken eliminieren, wenn Alfred v. Berger mit seiner Behauptung Recht behalten sollte, daß Schiller eigentlich für den Katholizismus begeistert war. * * * Mit den großen Dichtern und Denkern, die auf der Menschheit Höhen thronen, haben die Antisemiten überhaupt wenig Glück und ihre Versuche, „corriger la fortune“, Helsen nichts. Mit Anzengruber, den die Wiener Antisemiten anläßlich seiner Denkmal-Enthüllung so gerne für sich reklamiert hätten, hat es gar eine besondere Bewandtnis. Der Dichter, den Lueger mit enthusiastischen Worten feierte, hat nicht nur in seinen Werken alle Finsterlinge und Menschenfeinde, die sich hinter religiösen Vorurteilen verschanzen, mit blutigen Geißel- Hieben gezüchtigt. Jene, die Anzengruber im Leben näher standen, wußten auch, daß Anzengruber, obwohl er niemals in die Parteikämpfe des Tages Hinabstieg, nur ein Gefüh^