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Die Wahrheit · 1905-05-05 · Heft 17 (5.5.1905) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 17 (5.5.1905)
Date
1905-05-05
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Oestm-unaar. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes Werden die geehrten Herren Cantoren dringend ersucht, das Abonnement umgehend einznsenden und auch an den Begleich der Rückstände zü denken. Jakob Kachmann Am 30. April ist Jakob Bachmann, der Oberkantor der Pester israelitischen Religionsgemeinde an der Rombachsynagoge, nach kurzem Leiden im 61. Lebensjahre gestorben. Noch an den ersten Tagen des Peßachfestes erhob er die Gemeinde durch die Weihe und die Kunst seines Gesanges und als das Fest zu Ende ging, wurde auch sein Lebensfaden jäh abgeschnitten. Mit ihm ist einer der bedeutendsten Kantoren der Gegenwart dahingeschieden, einer jener jetzt leider immer seltener werdenden, die ihren begeisternden Gesang aus dem unerschöpflichen Borne des traditionellen Chasonus holten, aber auch mit bedeutendem musikalischem Wissen ausgestattet, den Anforderungen der modernen Zeit nicht verschlossen blieben. Jakob Bachmann, der besonders in früheren Jahren über eine geradezu phänomenale Tenorstimme verfügte, pflegte bei seinen gottesdienstlichen Vorträgen wohl zumeist den altjüdischen Gesang, den er meisterhaft beherrschte, aber er schuf auch viele großartige Chorkompositionen, die er in seinem Synagogen-Gesangswerke „Kol Jakob" der Nachwelt überlieferte. Bevor er nach Budapest kam, amtierte er in Lemberg und Odessa und überall verstand er es, durch Stimme und Vortrag und jene Innigkeit, die dem echten Chasen zu eigen sein muß, die Gemeinde mächtig zu ergreifen und zu frommer Andacht zu leiten. Obwohl allgemein als Koryphäe anerkannt, war er dennoch die Bescheidenheit selbst, die gerade im Verkehre mit jüngeren und weniger bedeutenden Kollegen zu schönem Ausdrucke gelangte. Wo er nur konnte, war er gerne bereit, seinen kollegialen Sinn zu betätigen und darum wird auch die gesamte Kollegenschaft, gleich seiner tiesbetrübten Familie, die von herbem Schmerze bewältigt an seiner Bahre trauert, ihm jederzeit ein treues Andenken bewahren. Das Leichenbegängnis fand Dienstag, den 2. Mai, 3 Uhr nachmittags, vom Trauerhause aus unter ungemein zahlreicher Teilnahme statt. Unter den Trauergästen bemerkte man: den Präsidenten per israelitischen Kultusgemeinde Hofrat Sigmund Kohner, die Gemeindevorsteher Dr. Wilhelm Grauer, Sigm. L. Breitner, Ludwig Adler, M. Lichtschein, Abraham Nagler; seitens der „Chewra Kadischa" die Vizepräsidenten Eduard Fleischmann, I. M. Weiß, den ersten Sekretär Dr. Franz Mezey, die Vorsteher Moriz Lindenbaum, Berthold Herzmann, Julius Adler, Oberkantor Bela Guttmann aus Wien in Vertretung des österr.- ungar. Kantoren-Vereines, sämmtliche Budapester und viele auswärtige Kantoren, den Präsidenten des israel. Knaben-Waisenchauses Jakob Deutsch, den Präsidenten des Taubstummen- Jnstitutes Samuel Deutsch, dann Dr. Linkß. Joseph Brody, den Professorenkörper des Rabbinerseminars unter Führung des Prof. Dr. Heinrich Bloch, die Direktoren der israelitischen Schulen, den Beamtenkörper der israelitischen Kultusgemeinde, Deputationen der Ofner und Altofner israel. Gemeinde u. v. A. Den gesanglichen Teil der Trauerzeremonie versahen in erhebender und künstlerisch vollendeter Weise Oberkantor Professor Lazarus. .Kantor Jacobovics und Oberkantor Bela Guttmann. Im Hause sprach Rabbiner Dr. Julius Weißburg und in der Trauerhalle am Friedhof hielt Rabbiner Feldmann dem Verblichenen einen ehrenvollen Nachruf. Bei offenem Grabe verabschiedete sich Prof. Lazarus im Namen der Kantoren und der Beamten der israel. Kultusgemeinde vom verstorbenen Kollegen, worauf Oberkantor Guttmann im Namen des österr.-ungar. Kantoren- Vereines die Verdienste des Verblichenen würdigte. Verschiedene Nachrichten. Wien. In der Blüte seines Lebens wurde Herr Hermann Reisner den Seinen entrissen und im Alter von 47 Jahren verschied er vorige Woche zum Schmerze aller, die ihn kannten. Freitag, den 28. April, fand die Beerdigung unter sehr zahlreicher Beteiligung von Verwandten und Bekannten statt. Im Trauerhause fungierte Rabbiner Dr. Abeles und in der Zeremonienhalle sprach Oberrabbiner Doktor Güdemann. Die kantorale Funktion versahen Oberkantor Singer unter Assistenz des I. Kantors Schiller und des Tempelchores. Am Grabe widmete Herr W e i n w u r m, der Obmann des Möbel-Erzeuger- Berbandes, dem allzufrüh Dahingeschiedenen Worte der Trauer. Berlin. (Der zweite jüdische Turn tag.) Am 23. und 24. April hat in Berlin die zweite ordentliche Versammlung der zur jüdischen Turnerschaft gehörigen Vereine, der sogenannte „jüdische Turntag", stattgefunden. Vor anderthalb Jahren, während der Tagung des letzten Zionistenkongresses, bildete Basel, die Stadt, von der der Rnf erging, allerorten jüdische Turnvereine zu errichten, den Schauplatz der Begründung des Turnverbandes und gleichzeitig den der ersten Tagung des jüdischen Turntages. Diesmal durste Berlin, das von Anfang an die Zentrale jüdischer Turnerei gewesen ist, und das erst eine eigentliche Turnbewegung geschaffen hat, in seinen Mauern die Delegierten des jungen Verbandes begrüßen. Außer den Vertretern des über 500 Turner zählenden Berliner jüdischen Turnvereines „Bar Kochba" waren folgende Bundesvereine vertreten: Köln, Wien, Mährisch-Ostrau, Bielitz, Graz, Oderfurth. Stettin und Lemberg. Außerdem wohnten Abgeordnete der dem Verband noch nicht angehörendeu jüdischen Turnvereine von München, Aachen und Posen den Beratungen des Turntages bei. Eingeleitet wurde der Turntag durch einen vom Turnverein „Bar Kochba" veranstalteten Palästinawein-Begrüßungskommers, zü dem außer Hunderten von Turnern nebst Angehörigen eine größere Anzahl von bekannten Führern der jüdischen Bewegung erschienen waren. Der Turntag selbst wurde am 23. April durch den Vorsitzenden der „Jüdischen Turnerschaft", Dr. Ernst T u ch - Chariortenburg, feierlich eröffnet. Der Turntag hat an diesem und dem folgenden Tage eine Fülle von Arbeit in ersprießlichster Weise bewältigt. Zunächst galt es, den Mängeln der bisherigen Organisation abzuhelfen und ein Statut zu schaffen, das der.Eigenart.der fraglichen Verhältnisse gerecht wurde. Nach dieser Richtung hin ist ein voller Erfolg zu verzeichnen. Bor allem ist ein glücklicher Griff mit der Organisierung der sogenannten Obmannschaft, d. h. der Vorsitzenden der sämtlichen Verbandsvereine, getan worden. Dieses neue Organ gewährleistet eine engere Fühlungnahme der einzelnen Vereine mit der Zentrale. In propagandistischer Beziehung waren die Anregungen des Dr. Ludwig Werner- Wien und Julius Berger- Köln besonders wertvoll. Die in den Referaten beider Herren niedergelegren Anschauungen und Vorschläge dürften lange Zeit hindurch die Richtschnur für die Tätigkeit der Berbandszentrale bilden. Auch die Ausführungen des Turnlehrers Rudolf P o l l a k - Wien über den Turnbetrieb in den jüdischen Turnvereinen werden in vielen Punkten für die Zukunft maßgeblich sein. Zur Ermöglichung und Förderung einer systematischen und wirksamen Propaganda erscheint der Beschluß, einen Fonds für die „Jüdische Turnerschaft" zu schaffen, von außerordentlicher Bedeutung. Endlich sei noch auf die Referate hingewiesen, die die Stellungnahme der „Jüdischen Turnerschaft" zum Zionismus und zu den nichtjüdischen Turnverbänden behandeln. Ueber das erste Thema sprach Dr. I a l o w i c z. Er, wies darauf hin, zu welch großem Danke die „Jüdische Turnerschaft" der zionistischen Bewegung verpflichtet sei, von der die jüdischen Turnvereine die erste Anregung zu ihrer Gründung und die stete Förderung ihrer Bestrebungen erhalten haben. An das Referat schloß sich eine lebhafte Debatte, in der sich völlige Einigkeit aller Redner darüber ergab, daß die „Jüdische Turnerschaft" mit dem Zionismus die national-jüdische Basis gemein habe, daß sie aber nach ihren Satzungen keinerlei politische Zwecke verfolge. Das Referat von Theobald S ch o l e m - Berlin über die Stellung der „Jüdischen Turnerschaft" zu den anderen Turnverbänden führte zur einstimmigen Annahme nachfolgender Resolutionen: 1. Der „zweite jüdische Turntag" erklärt, daß die Stellung der „Jüdischen Turnerschaft" gegenüber den anderen Turnverbänden gegeben ist durch den § 2 der Satzungen, welcher lautet: „Die „Jüdische Turnerschaft" bezweckt die Pflege des Turnens als Mittel zur Hebung des jüdischen Stammes im Sinne der nationaljüdischen Idee. Unter National-Judentum verstehen wir das Bewußtsein der Zusammengehörigkeit aller Juden auf Grund gemeinsamer Abstammung und Geschichte, sowie den Willen, die jüdische Stammesgemeinschaft auf dieser Grundlage zu erhalten. Der Verband verfolgt keine politischen Zwecke." Der „jüdische Turntag" stellt fest, daß sich diese Zwecke und Ziele nur in der „Jüdischen Turnerschaft" erreichen lassen. Aggressive Tendenzen liegen der „Jüdischen Turnerschaft" fern. 2. Der zweite jüdische Turntag gibt seinem lebhaften Bedauern darüber Ausdruck, daß jüdische Mitglieder des Kreises 15 b der „Deutschen Turnerschaft" trotz der judenfeindlichen Stellungnahme des Kreises 15 b sich nicht ihres jüdischen Volkstums bewußt geworden, sondern in der „Deutschen Turnerschaft" verblieben sind. Nach Erledigung der Neuwahlen und nach der Bestimmung des nächsten Turntagsortes, wozu einstimmig Wien gewählt wurde, schloß der Vorsitzende Dr. Ernst Tuch den zweiten jüdischen Turntag.

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