Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 14 (7.4.1905)
- Date
- 1905-04-07
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 14. Seite 9. . Die Wahrheit. Bukarest. Der Berichterstatter der Antwortadresse auf die Thronrede, Herr Virgil Arion, hat in seiner Rede eine wichtige Erklärung in her Judenfrage abgegeben. Herr Arion machte zunächst den Liberalen den Vorwurf, daß sie das Land auf dem Berliner Kongresse erniedrigt hätten, «nd erklärte dann, daß die gesetzgebenden, Körper die Verfassung in ihrem Geiste anwenden und das Jndigenat allen jenen Juden gewähren müssen, welche durch ihre Bildung und Tüchtigkeit vewiesen haben, daß sie dem Lande nützlich sind. Nur so werden wir dem Auslande beweisen, daß die Bestimmungen der Verfassung keine illusorischen sind. Die Verfassung muß auch für die Juden eine. Wirklichkeit darstellen. Petersburg. Der Präses des Ministerkomitees S. Witte äußerte sich gelegentlich des Empfanges zweier Mitglieder der Petersburger israelitischen Gemeinde, welche ihm eine Petition betreffend die Gleichstellung der Israeliten überreichten — wie der „Hazefira" von dort berichtet wird — wie folgt: „Die Israeliten handeln nicht gut, so in Eifer zu geraten und ihre Petition in so lauter Weise vorzubringen, denn jede Erregung ruft hervor, daß ihr entgegen gewirkt wird. Ich empfing auch schon viele Petitionen, die dem Wunsche der Israeliten entgegen zu wirken suchen. Es ist erforderlich, die Erregung niederzukämpfen, damit auch die Widersacher sich beruhigen. Man kann solche Sachen ohne jede Ausregung machen, die absolut unnütz ist. Es traf auch eine Depesche aus Petersburg ein, daß einer der höheren Beamten, der die Jsraeliten-Deputation empfing, derselben riet, nicht zuviel zu verlangen und das Maß des Möglichen nicht zu überschreiten. Petersburg. Der Minister des Innern hat beschlossen, das Goupernement Taurien _ der israelitischen Bevölkerung zur Änsiedlung freizugeben. Diese Konzession ist doppelt wichtig. Einerseits erhält die im Königreiche Polen eingeschlofiene jüdische Bevölkerung, die infolge der übergroßen Konkurrenz auf allen Gewerbegebieten nur mit Mühe und Not ihr Leben fristen kann, die Möglichkeit, sich etwas Lust zu machen, anderseits sind letzt den Juden die Heilauellen der Krim zugänglich, welche bisher kein Jude gebrauchen durste. Glühende Kohlen. Novelle von Babette Fried, Prag. 1. Eine Hochzeit. Wenn andere Erzählungen mit einer Hochzeit enden, so beginnt die vorliegende mit einer solchen. Die vor kurzem neuerbaute und im modernsten Styl eingerichtete Synagoge zu M. strahlte im Lichte unzähliger Petroleumlampen, welche zur Ehre der Hochzeitsfeier, die soeben statlstnden sollte, angezündet waren. Der Tempel, wie man in M. sagte, war gedrängt voller Neugierigen, Zuschauer beiderlei Geschlechts) denn bei einer Trauung durften selbst Damen den unteren Raum des Gotteshauses betreten, statt auf die Frauengallerie beschränkt zu sein, und zwar Hatte man dem zarten Geschlechte die ganze rechte Seite des mittleren Schiffes eingeräumt, während das starke Geschlecht sich auf der linken postierte. Einige der vorderen Reihen waren auf beiden Seiten für die eigentliche Hochzeitsgesellschaft reserviert, welche noch im Hause des Brautvaters weilte. Ein in diesem Raume nur während ähnlicher Veranlassung vorkommendes Gemurmel und Gesumme durchtönte den weiten Raum. Jeder der Anwesenden tauschte mit dem Nachbar Ansichten und Bemerkungen über die Hochzeitsfeier aus, schon aus dem Grunde, um sich die Zeit des .Wartens auf das Herannahen des Hochzeitszuges etwas zu verkürzen. Und Stoff zur Unterhaltung war ja hinlänglich vorhanden. Es war Adolf Honig, der reichste Mann der Gemeinde und vielleicht der nicht gar kleinen, aber armen Stadt, der heute seine jüngste Tochter verheiratete. Der elegante, junge Stadtarzt, Doktor Piesen, hatte mit Vorliebe dessen gastfreies Haus besucht, sich von den Vorzügen der schönen Martha bezaubern lassen und sich mit ihr verlobt. Heute sollte die Hochzeit stattfinden. Galt der alte Hönig als.der reichste Mann der Stadt und Umgebung, so gebührte seinem Töchterchen mit Fug und Recht das Prädikat, das schönste Mädchen auf Meilen weit zu sein. Beide Ursachen, der Reichtum des Vaters und die Schönheit der Tochter, der Braut, vermochten es, die vollgepfropfte Synagoge in Spannung zu halten. Horch! das Rollen eines Wagens. Das laute Gemurmel verstummt, in atemloser Spannung blickte alles nach der Türe, deren Flügel weit geöffnet waren, um die Hochzeitsgesellschaft einzulaffen. Aber o weh! es waren nur zwei alte Damen, die beiden würdigen Vorsteherinnen des Frauenvereines „Beth Jaakow", welche bei jeder Trauung zugegen sind, um für Zwecke des Vereines von der Hochzeitsgesellschaft Spenden einzusammeln. Ein zweiter Wagen brachte schon eher Befriedigung der Neugier. Er hatte den Rabbiner der Gemeinde, Dr. phil. Julius Hellmann, gebracht. Wer den jungen Mann, der seit zwei Jahren, seit dem Ableben seines Vorgängers nämlich, in der Gemeinde als Rabbiner angestellt war, betrachtete» dem konnte ein Zug von Schwermut, wenn nicht gar inneren Leides, auf seinen intelligenten, durchgeistigten Zügen nicht entgehen. Er begab sich, das Haupt geneigt, geradezu aus seinen Sitz, woraus er sich müde niederließ, mit seiner weißen, wohlgepflegten Hand hie und da über die hohe Denkerstirne fahrend, gleichsam als wollte er mit dieser unwillkürlichen Handbewegung die sich aufdringenden bösen Gedanken verscheuchen. Seine Gemeinde aber sah nichts dergleichen. Ihre Aufmerksamkeit war nicht auf den Rabbinersitz gerichtet, sondern aus die Eingangstüre, durch welche em Paar nach dem andern der eleganten Hochzeitsgesellschaft eintrat. Wagen aus Wagen fuhren in ununterbrochener Reihenfolge am Portal des Tempels vor, dessen Insassen, je Männer und Frauen, in die Synagoge eintraten. Die Herren in schwarzen Fracks oder Gehröcken, mit glänzenden Zylindern auf dem frisierten und pomadisierten Kopfe, die Frauen in rauschende Seide gehüllt, mit Spitzen und Juwelen geschmückt. Das Auge der Zuschauer konnte sich an dieser Pracht, die da ausgestellt war, nicht sattsehen. Jedes andere Interesse, sogar das wohlberechtigt erscheinende Gefühl des Neides verstummte vor dem Glanze und der Pracht, die sich da entfaltete. Jetzt ertönte aber ein Chorgesang, und nun erschienen nacheinander der Bräutigam und die Braut. Kein Blick fiel auf den feschen Doktor, alle Augen richteten sich auf die Braut, welche auf den für sie bestimmten Platz zwischen den zwei Unterführerinnen zuschritt. Und wirklich verlohnte es sich, diese herrliche Gestalt näher zu betrachten. Hoheitsvoll, wie eine Fürstin, schritt Martha Hönig durch die Reihen der sie angaffenden Menge. Der milchweiße Atlas ihres kostbaren Brautkeides umspannte eine Taille von herrlichem Ebenmaße und endete in einer Schleppe, welche die Braut mit vollendeter Grazie trug. Das Gewebe des Spitzenschleiers verhüllte nicht ganz ihre feinen, regelmäßigen Züge, welche heute einen wunderbaren, unerklärlichen Zauber besaßen. Der Myrtenkranz hatte kaum je ein lieblicheres Haupt geschmückt, als das Martha Honigs. Als die Braut auf ihrem Sitze Platz genommen hatte, reichte ihr deren älteste, verheiratete Schwester, welche statt der bereits gestorbenen Mutter bei der Schwester die Stelle einer Unterführerin versah, das Gebetbuch, damit sie sich am nun folgenden Minchagebet beteilige und dabei das große Sündenbekenntnis des Bersöhnungstages ablege, wie es Sitte ist bei allen jüdischen Bräuten von altersher bis heutzutage. Eiu blitzartiges Lächelu huschte für einen Moment über die Züge der jugendlichen Braut, um aber gleich dem früheren, ftir die weihevolle Stunde angemessenen Ernst zu weichen. Martha betete Mincha mit der Gemeinde, sagte sie sich ja, daß sie Mut und Kraft zur nächsten ernstesten Stunde ihres Lebens benötige und sich diese nur im Gebete holen konnte. (Fortsetzung folgt.) MMswirtschaft. Union - Bank Infolge Befchluffes der XXXV. ordentlichen Generalversammlungder Aktionäre der Union-Bank gelangt für das Jahr 1904 eine 7°/„ige Dividende, ö. i. X 28.— per Aktie, vom 31. März d. I. ab, gegen Rückstellung des die Erträgnisse des Jahres 1904 betreffenden Koupons (Nr. 19) zur Auszahlung, und zwar: in Wien bei der Liquidatur der Union-Bank, in Triest bei der Filiale der Union-Bank, in Berlin bei der Berliner Handels-Gesellschaft, in Frankfurt a. M. bei der Deutschen Esftkten- und Wechsel-Bank. Die Koupons sind mit Begleitscheinen, welche bei den Zahlstellen erfolgt werden, einzureichen. Große 50 HÄller-Lotterie. Die Ziehung dieser reich ausgestatteten Lotterie findet unwiderruflich am 18. April d. I. statt, und empfiehlt es sich, mit dem Ankäufe dieses gewiß sehr billigen Loses zu beeilen, da der Vorrat derselben bald' erschöpft sein dürfte.