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Die Wahrheit · 1905-03-31 · Heft 13 (31.3.1905) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 13 (31.3.1905)
Date
1905-03-31
Page
– (sequence 9)
Language
German
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(Mett-ungut. tantoren-Mung. Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes Werden die geehrten Herren Cantoren dringend ersucht, das Abonnement für das am 1. April beginnende 2. Quartal umgehend einznsenden und auch an den Begleich der Rückstände zu denken. Die Administration Der Snlrerismus rmd die moderne synagogale Liturgie. Bon P. Minkowsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. IV. Und in diesem Geiste hat sich der lyrische und elegische Gesang in unserer Liturgie eingebürgert; ein eigentümlicher musitalischer Dialekt, der sogenannte „jüdische Taam", von dem der Jude im profanen Gesang sich auch nicht befreien kann. Eine in der ganzen musikalischen Welt bekannte Tatsache ist, daß das Legato, das Symbol der Vereinigung und des Friedens, eine Lieblingsnuance der Juden, wie das Staccato, das Sinnbild der persönlichen Ueberhebung und der wilden Kraft, eine Lieblingsnuance barbarischer und roher Völker ist. Dies berechtigt uns zu behaupten, daß der Jude durch seinen lyrischen Gesang der Ethik viel näher steht, als die alten Völker mit ihrem dramatischen Gesang. Auch unsere Weisen haben sich in diesem Sinne ganz deutlich ausgesprochen, indem sie für einen Tun pp u. a. zwei Hauptbedingungen aufstellten, in welchen sich der jüdische musikalische Geschmack jener Zeit klar abspiegelte. Erstens forderten sie von ihm eine süße, sympathische Stimme „Kol orew“ und zweitens mußte er noch dazu eine „Keima“ besitzen. Unter Kol orew famt doch keine andere als eine süße, weiche, elastische, lyrische Stimme gemeint sein, wie „Neima“ nicht anders, als eine süße, lyrische Melodie gedeutet werden kann. Ursprünglich diente das Wort „Neima“ oder „Koam“ in der musikalischen Terminologie der Hebräer als Eigenschaftswort der „Rina“ oder „Simra“; nach und nach gewann es Selbständigkeit und wurde als Substitution der „Rina“ verwendet. Das biblische „Rina“ wurde bei den Talmudisten sehr oft in Neima umgewandelt.*) Sie erweiterten dadurch ihre Gesangsterminologie. Während „Rina“ den universalen Gesang bedeutete, teilten ihn die Talmudisten in zwei Zweige; in die freie, unrythmische Kantilation, die sie mit Neima bezeichnten, und den engeren rhythmischen und metrischen, in Cäsuren geschnittenen Gesang, den sie Simra nannten. Unter „Neima“ verstanden sie die freien traditionellen Melodien der Liturgie, die freie Kantilation des Vorbetens bei den Gebeten, die immer neu verfaßt wurden und darum auf die musikalische Erfindung des Vorbeters angewiesen waren, und die freien trochseischen Vorlesungen des Pentateuch re. Eine analoge etymologische Ableitung des Wortes Melodie finden wir auch bei den Griechen. Melodie ist ein zusammengesetztes Wort von „Melos“ (Lied) und „Ode“ (Gedicht). Melos ist, wie bei den Juden „Neima“, von„Melis“ (Honig, Süßigkeit) abgeleitet. „Das Unvermögen, den Ausdruck ungezwungen aus der hebräischen Sprache zu erklären, hat offenbar seine Ersetzung durch andere Wörter, durch Taamim und Neginoth, veranlaßt. Aber ein merkwürdiger Vorgang ist es, daß das griechische Wort „neuma“ zu den Hebräern übergegangen, (?) hier schließlich nicht mehr verstanden und mit dem hebräischen neima identifiziert, unter dieser letzteren Bedeutung wieder in das Griechische zurückübersetzt worden ist. Es geschah das zur Zeit der hebräischen Grammatiker. Denn höchst wahr- *) Aboth d’rabbi Natan IT. In Scb'moth Eabba, Kap. 47. nn. scheinlich ist es dem Einfluß des Hebräischen zuzuschreiben, daß die mittelalterlichen Griechen die Süßigkeit des Gesanges als terminus technicus gebrauchen und daß der „honigtriefende Liederdichter" geradezu zum Titel für die christlichen Melodien wird. Aber es mag da wohl der Auklang von Melos „das Lied" zu Meli „der Honig" mit hinein spielen. Wunderbar bleibt ja freilich die Parallele, die sich bei mehreren Völkern vorfindet, zwischen dem sprachlichen Laut der Wörter für „Tonzeichen" und „Süßigkeit" hier wie dort."*) In der talmudischenZeit war das WortNeirnaein allbekannter Terminus für eine lyrische Melodie. „Neima“ und „Simroh“ waren die Vorläufer der kirchlichen „Äccentus“ und „Concentus“, wie wir weiter sehen werden. Auch parallelisieren hier jüdische und griechische historische Begriffe. Wie bekannt, wurden die Gesetze der klassischen Völker entweder durch Meehukokim oder durch Meschorerim dem Volke überliefert; die ersteren sind Träger der schriftlichen Ueberlieferungen. Nachdem die ersten Mittel, die Gedanken und Taten der ersten Jahrhunderte der Welt durch stumme Säulen, Altäre, Tempel und andere Mittel ähnlicher Art, wie angeordnete Feste, zu verewigen, vorüber waren, und eine Schrift sich ausgebildet hatte, nahm man seine Zuflucht dahin, die wichtigsten Taten und besonders die Gesetze auf Steininschriften einzuprägen.**) Ein allgemeines Mittel waren auch die Gesänge, deren Gebrauch man in den entferntesten Jahrhunderten bei allen Völkern, sowohl der älteren als der neueren Welt, eingeführt findet. Die Egypter, Phönizier, Araber, Chinesen, Griechen, Gallier. Mexikaner, Peruaner rc. hatten sie, und ihr Gebrauch hat sogar bei einigen Völkern noch nach der Erfindung der alphabetischen Schrift fortgedauert, wie man aus dem Gesänge Moses nach dem wunderbaren Durchgänge durchs rote Meer sehen kann.***) (Fortsetzung folgt.) Aus dem österr. rmgar. Kunlsren- Uereiu. In der am 23. März unter dem Vorsitze des Präsidenten I. Singer und des Vize-Präsidenten I. Bauer stattgehabten Vorstandssitzung, an welcher die Vorstandsmitglieder Ph. Bassel, I. Bauer, S. D ü n m a n n, B. G u t t - mann, I. Löwit, E. Regner, I. Singer und I. Schlesinger teilnahmen, wurde eine eingehende Debatte über verschiedene wichtige Standesfragen geführt und hiebei gelangten mehrere Anträge, die auf die Wahrung und Förderung der sozialen und materiellen Interessen der Kautorenstandes abzielen, zur Annahme. Als eine dringende Notwendigkeit wurde allseits die Gründung einer behördlich autorisierten öffentlichen Kantorenschule anerkannt und der Beschluß gefaßt, diesbezüglich mit den kompetenten Faktoren in Fühlung zu treten. Weiters wurde beschlossen, eine Eingabe an den Vorstand der Wiener Kultusgemeinde betreffs Besetzung der Vakanzen zu richten. In Betreff der Organisation gelangte ein Antrag zur Annahme, daß für den nächsten Kantorentag als Versammlungsort Budapest gewählt werde und auch die Gemeinden eingeladen werden, ihre Vertreter zu dem Kantorentage zu entsenden. Nach Erledigung der Einläufe wurde die Fortsetzung der Debatte über Standesfragen für die nächste Sitzung vertagt. *) Dr. Oskar Fleischer, Neumenstudien. I. Bd., 2. Kap.. S. 31. Leipzig 1895. **) L. A. Arend: Heber den Sprachgesang der Borzeit. S. 19. Berlin 1867. ***) Forkel: Allgemeine Musikgeschichte. I. Bd. S. 91, 92.

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