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Die Wahrheit · 1905-03-24 · Heft 12 (24.3.1905) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 12 (24.3.1905)
Date
1905-03-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Von Friedrich Hebbel, den die deutschnationalen Antisemiten mit solch leidenschaftlicher Beharrlichkeit zu den Ihren zählen, haben in jüngster Zeit antisemitische Blätter manche aus dem Zusammenhang gerissene, für die Juden nicht sehr freundlich klingende Aussprüche zitiert. Dem gegenüber macht uns ein ..eifriger Leser" darauf aufmerksam, daß nebst den geradezu philosemitischen Aeußerungen Hebbels, die in diesem Blatte vor einiger Zeit mitgeteilt wurden, seinerzeit in Wien ein witziges Wort Hebbels zirkulierte, welches seine Stellung zum Judentum beleuchtet. Klerikale Blätter, die dem kühnen Dichter nicht hold waren, schrieben von ihm, er sei ein Jude. Man fragte Hebbel, ob er sich darüber ärgere. Er erwiderte: „Wäre ich ein Friedrichdor, so würde ich mich ärgern, beschnitten zu sein; da ich aber ein bloßer Friedrich bin, so ist es mir vollkommen gleichgiltig." * * * Zn der erschöpfenden, von jüdischen und christlichen Gelehrten und ..Laien" gepflogenen Polemik über den Begriff und die Ausdehnung der Nächstenliebe im alten und neuen Testament, wird wohl kaum mehr ein neues Moment aufzubringen sein. Ans Anlaß dieser Kontroverse darf man aber wohl an die von den Judenhassern aller Zeiten viel zitierten Aussprüche des Evangeliums Matthäi erinnern, mit denen es auch ein eigenes Bewandtnis hat. Dort heißt es, unter den verschiedenen Punkten, die auf eine Divergenz zwischen der. Lehre Moses und dem Evangelium Hinweisen, u. a.: „ Ihr habt gehört, daß gesagt ist: Du sollst Deinen Nächsten lieben und Deinen Feind hasse n. Ich aber sage Euch: Liebet Euere Feinde, segnet, die Euch fluchen, bittet für die, so Euch beleidigen und verfolgen." Nun aber ist es unzweifelhaft, daß weder in den fünf Büchern Moses, noch überhaupt in der heilig en Schrift eine Stelle enthalten ist, die auch nur entfernt den Haß gegen den Feind lehren würde. * * Der Prozeß gegen die Mörderin Franziska Klein und ihren mitbeschuldigten Gatten wird in den nächsten Tagen seinen Anfang nehmen. Es wird dies ein Sensationsprozeß sein, der das allgemeine Interesse in noch höherem Grade erregen wird, als.der Prozeß Hervay. Die antisemitischen Zeitungen, die. seinerzeit ihren Lesern nicht genug oft wiederholen konnten, daß eine so verkommene Frau, wie die Gattin des Bezirkshauptmannes Hervay, nur von Juden abstammen könne, versuchen es diesmal nicht, aus der Affaire Klein eine konfessionelle Hetze herauszuschlagen. Franziska Klein stammt nämlich aus einer alten christlichen Familie und hat sogar ihre Erziehung in einem Kloster erhalten. Man würde ein jüdisches Blatt, welches behaupten wollte, daß Franziska Klein alle ihre Religionsgenossen kompromittiert, mitRechteines verbrecherischen Wahnwitzes zeihen. Die antisemitischen Blätter durften ungehindert und ungestraft wegen einer Jüdin alle Juden beschimpfen und beleidigen. Und da soll man noch glauben, daß es nicht zweierlei Recht gibt? Das „Deutsche Volksblatt" hat schon oft durch seine selbstmörderische Persiflage allgemeine Heiterkeit erregt. Aber noch niemals ist dem Blatte die blutige Selbstverhöhnung in dem Maße gelungen, wie anläßlich des — Purimfestes. Die jüdischen Feste werden in dem Hetzblatt seit jeher zu einer kleinen Kampagne gegen die Juden ausgebeutet, und so hat B e r g a n i auch diesmal an das jüdische Fest, welches einem historischen Ereignis aus der grauen Vorzeit gilt, aufreizende Glossen gegen die Juden der Gegenwart geknüpft. Zum Schluß aber heißt es buchstäblich im „Deutschen Bolksblatt": „O. die armen, verfolgten Juden! Um die Analogie zwischen dem persischen Haman und den modernen Antisemiten perfekt zu machen, fehlt nur noch der 50 Ellen lange Galgen, an dem dieAntisemitensührer Lueger. Bergani, Schneider baumeln" rc. Einem Juden der Jetztzeit würde das Aussprechen eines solch grauslich-rohen Wunsches unmöglich sein. Die Schreiber des ..Deutschen Bolksblattes" verraten ihre eigenen Gefühle, indem sie so leichthin schreiben, „es fehlt nur noch der 50 Ellen lange Galgen", an welchem ihre gefeierten Führer baumeln! Die zarten Seelen! * # * Die außerordentlichen Ehren, die von Fürsten, Universitäten und wissenschaftlichen Körperschaften, dem Judenstämmling Emanuel Garzia gelegentlich seines 100. Geburtstages dargebracht werden, können von der antisemitischen Presse nicht ganz verschwiegen werden. Sie helfen sich in ihrer Verlegenheit damit, daß sie ihren Lesern die Tatsache unterschlagen, daß Garzia

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