Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 9 (3.3.1905)
- Date
- 1905-03-03
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Oksterr -ungar Kantoren -Zeitung. Der Snlrerismns und die moderne synagogale Atnrgie. Bon P. Minkowsky, Oberkantor der Brodier Gemeinde, Odessa. H. Wir brauchen blos einen kleinen Rückblick zu werfen auf die Kämpfe, die die allgemeine Harmonie überall durchmachen .mußte, und besonders auf den Zustand der synagogalen Harmonie, die Sulzer vorgefunden hat, um die sulzerische Harmonie mit aller ihrer Naivität als die größte Errungenschaft unserer Liturgie anzuerkenuen. Derjenige, der die Geschichte der Harmonieentwicklung kennt, wird wohl wissen, wie viel Schwierigkeiten sie überwinden mußte, bis sie sich zuerst im Theater und nachher in der Kirche Bahn gebrochen hatte. Sie hatte nicht .nur die Gegnerschaft der ewig verdächtigenden Klerikalen aus religiösen Gründen, sondern auch den Unwillen des gemeinen Volkes, das aus Gewohnheit der Melodie anhing, und die Opposition der Philosophen und Freidenker aus quasi ästhetischen Gründen zu bekämpfen. Johann Sulzer (1719—1779), einer der berühmtesten Gelehrten und Aesthetiker des 18. Jahrhunderts, erklärt die Harmonie für überflüssig/) und Rousseau sogar für eine verwerfliche Beigabe der Musik. Der Letztere lagt in seinem Dictionnaire de nmsique in dem Artikel Harmonie: „Es ist schwer, den Argwohn zu vermeiden, daß alle unsere Harmonie, auf die wir so stolz sind, nur eine gothische, barbarische Erfindung sei, an die wir nie gedacht hätten, wenn wir mehr Gefühl für die wahren Schönheiten und für eine und für eine wahrhaft natürliche und rührende Musik hätten."^)' Wenn derartige Vorurteile gegen die Harmonie von so bedeutenden Gelehrten des 18. Jahrhunderts in Westeuropa so ungeniert kund gegeben werden, dürfen wir uns da noch wundern, daß der Orientale, Semite und Getthojude für Harmonie kein Verständnis gehabt hatte!? Auch die unschuldigste synagogale Harmonie des Chasan, Baß und Singerl wurde von den Rabbinern des 18. Jahrhundert verschrieen. Und unter solchen Umständen unternahm es Sulzer, eine Harmonie in der jüdischen Liturgie einzuführen. Wie viele Kämpfe mußte er bestehen, bis sein Unternehmen von Erfolg gekrönt wurde, und es ist sehr wahrscheinlich. daß die Harmonie nur der Einfachheit ihren Sieg in der Synagoge zu verdanken hatte. Jedoch nicht in der Harmonie bekundete Sulzer, wie bereits gesagt, seine große Individualität. Zwar hat sie liturgisch innerhalb der Synagoge Sensation erregt und eine Regeneration der traditionellen Gesänge herbeigeführt, musikalisch aber, außerhalb der Synagoge, könnte sie sich durch nichts von der gewöhnlichen Schablone unterscheiden. Erst in den Solis und ganz besonders In den Rezitativen kommt seine hervorragende Subjektivität zur vollen Geltung. Was den sulzerischen Vortrag von dem Vortrag seiner Vorgänger und Nachfolger unterscheidet und auszeichnet, ist der dramatische Nimbus und die engere Verschmelzung zwischen der lingua sacra und der musica divina, die Sulzer geschaffen hat. Nicht in der „Rinah", sondern in der ..Tefillah" hat sich der Sulzerismus am wesentlichsten realisiert. Und gerade die Nachahmung dieses wichtigsten Teiles des Sulzerismus, der die ureigenste Frucht des Sängers Sulzer ist, hatte zwei unselige Folgen zu verzeichnen. Erstens wurde dadurch die alte Neimali, die bis Sulzer in der synagogalen Liturgie absolute Herrscherin gewesen war, zurückgedrängt und statt ihrer jedem rohen Gebrüll, das man aus Unverständnis fälschlich a la Sulzer nannte. Tür und 'Tor geöffnet; zweitens wurde der synagogale Gesang im Allgemeinen dadurch verschlechtert, weil die obligate Nachahmung eines dra- 9 Dr. Riemann Musiklexikon S. 966. Leipzig 1887. 2) Friedrich Zaminer. Die Musik uud die musikalischen Instrumente an ihrer Beziehung zu den Gesetzen der Aesthetik. S. 166. Gießen 1855. malischen Genre bei den durchschnittlichen Sängern von mittelmäßiger Begabung bedeutend schwerer ist, als die Nachahmung im lyrischen Gesänge. Der lyrische Gesang ist der älteste in unserer Liturgie und bildet die Basis aller überlieferten synagogalen Melodien; jünger als er ist der dramatische Gesang, und sein Einführer ist Salomon Sulzer. (Fortsetzung folgt.) Zur kantoralen Organisation. Behufs Organisation der ungarischen Kollegen hat sich der Vorstand des Oesterr.-Ungar. Kantoren-Vereines vor einigen Wochen mit Herrn Oberkantor Professor Lazarus in Verbindung gesetzt und ihn um seine Anschauungen in dieser Angelegenheit befragt. Mit Rücksicht auf die in letzter Zeit durch den „Palyazat" propagierte Idee der selbständigen Organisation halten wir es für überaus zweckdienlich, die in dem Antwortschreiben an den Oesterr.-Ungar. Kantoren-Verein niedergelegten Ansichten des prädestinierten Führers der ungarischen Kantoren im Nachfolgenden der Oeffentlichkeit zu übergeben. Daselbst heißt es: „Auf Ihre geschätzte Zuschrift vom 12. d. M., beehre ich mich, höflichst zu erwidern, daß ich jederzeit gerne bereit bin, mich in den Dienst einer guten Sache zu stellen, deren Erfolg einigermaßen voraussichtlich ist; jedoch in Angelegenheit der Organisation der ungarischen Kollegen scheint mir nach wie vor jede Bemühung vergebens. Diese Herren Kollegen sind einmal nicht unter einen Hut zu bringen, wenn auch einzelne Kollegen sich ab und zu, hie und da vernehmen lassen und von ernstem Bestreben beseelt sind. Wenn von angeblich 2500 Beamten sich nicht zumindest ein Dritteil melden und den Wunsch beizutreten äußern, läßt sich absolut nichts beginnen. Den Wenigen, mit welchen ich in Fühlung stehe, verhehlte ich nicht meine diesbezügliche Anschauung in diesem Sinne und äußerte mich, für das beste noch denAnschluß an den bereits bestehenden „Oesterr.-Ungar. Kantoren-Verein" zu halten. Ob es nicht geratener wäre, sich an die Gemeinden, in welchen für eine Altersversorgung ihrer Angestellten nicht vorgesorgt ist, zu wenden, die dann im zustimmenden Falle ihre Angestellten verhalten würden, dem allgemeinen Pensionsinstitute des Oesterr.-Ungar. Kantoren-Vereines beizutreten und auch gleichzeitig die Mitgliedsgebühr in monatlichen Abzügen einzuheben, bereit wären? Hiefür müßten die Gemeinden durch vertrauenswürdige Personen gewonnen werden. Was nützen Aufrufe in den Blättern, wenn der Ruf wie im Winde verhallt? Zu wem sollen wir sprechen? Was sollen oder können wir noch veMnden, was nicht alles schon gesagt wurde? Mit wem wollen wir uns beraten? Wer und wo sind sie, die Einsicht haben, oder denen man Erkenntnis beibrüchte? Und wenn wir mit Stentorstimme ihnen zurufen und das Heil ihnen verkünden, sie sind ja doch nicht aufzurütteln. Wie zuschanden machten sie früher und noch heute die Worte meines Amtsvorgängers, der als Motto, auf das Blatt gestellt: „Einer helfen sie dem andern, zum Nächsten spricht jeder: Sei stark!" Nach diesen ttüben Erfahrungen fehlt es mir wahrlich an Lust und Mut, neuerdings etwas zu unternehmen. Ich denke, die Frage muß brennender werden und durch höheren Einfluß ins Rollen gebracht werden, dann wird es an der Zeit sein, mittättg zu sein." Wenn die ungarischen Kollegen die gewiß gutgemeinten Worte ihres Führers beherzigen, werden sie den richtigen Weg, der zu ihrem Wohle und dem Wohle des gesamten Standes führt, nur im engen Anschlüsse an die im Oesterr.-Ungar. j Kantoren-Verein bereits bestehende Organisation finden.