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Die Wahrheit · 1905-02-24 · Heft 8 (24.2.1905) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1905
Issue
Heft 8 (24.2.1905)
Date
1905-02-24
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Seite 9. s vm Nr. 8. Die Wahrheit Nachbarsleute, bald der, bald jener zu einem Mittag- oder Nachtmahle ein, suchten den elenden Waisenknaben durch Trostworte zu erheitern, allein das Gnadenbrod frommte und mundete ihm nicht. Er ging und weinte: ..O, Weltenherr, Du hast ein bitteres Leid mir zugefügt. Meine Eltern, die ich so innig liebte, entrissest Du mir, und jetzt soll ich in der rauhen, lieblosen Fremde herumirren? Wer wird mich pflegen, wer sich meiner annehmen, wer wird für mich sorgen, wer mich Menschenart lehren?' Der kleine Wanderer stand nun im dichten Walde, müde nnd erschöpft. Das Ränzlein drückte auch gar zu sehr den zarten Rücken, er ließ sich daher auf einem dichtbemoosten .Hügel nieder, sann und sann und nickte ein .. . Die Sonne drang nur spärlich durch die dichtbelaubten Bäume, so daß den kleinen Dan angenehme Kühle umgab. Und wie er süß schlummerte, durchschwirrte die Lust der Flug eines mächtigen Wesens. Ein Engel mit schneeweißen Schwingen kam hergeflogen und ließ sich, wo der Schlaftrunkene ruhte, sachte nieder. Er küßte des Knaben gerötete Wangen und raunte ihm ins Ohr: „Dein Weinen hat im Himmel alle Engelein zu Tränen gerührt und wir beschlossen, für Dein Heil zu sorgen. So Du erwachest, nimm recht viel von dem Grase, auf dem Du liegest, denn es ist als Heilmittel wunderwirkend. Bereitest Du daraus einem Kranken einen Trank, so gesundet er, wenn er auch bereits mit dem Todesengel kämpfte." Der Engel küßte ihn nochmals und schwang sich zu den lichten Höhen empor. Dan erwachte und sann dem Traume nach. Er schnitt das um ihm wuchernde Gras mit einem Messerchen ab, verpackte es sorgfältig in sein Taschentuch und marschierte gehobenen Mutes weiter. Die Nachtigallen schlugen mit schmelzenden Tönen entzückende Weisen und die Luft duftete balsamisch. Im rötlichen Scheine der dämmernden Sonne erblickte Dan von ferne die blinkenden Zinnen und Türme der Residenz. Als er aber die Stadt erreichte, war es finstere Nacht geworden. Er kehrte in. eine Herberge ein, setzte sich an einen Tisch und ließ sich einen Trunk reichen. Während er vor demselben saß, entnahm er aus dem Gespräche der Zecher, daß am königlichen Hofe Trauer und Verzweiflung herrsche: der Kronprinz sei sterbenskrank und kein Arzt vermöge ein Besserung herbeizuführen. „Er wird, ja er muß sterben!" rief einer, der gerade den Becher absetzte, mit Entschiedenheit aus. Dan erhob sich von seinem Sitze und ging auf die Zecher zu. „Meine Herren!" sprach er mit zarten, wohlklingenden Lauten, „wenn Euch an des Kronprinzen Heil gelegen ist, so bahnt mir zu des Kranken Gemach den Weg. So jung ich Euch auch scheine, bin ich doch ein Wunderarzt erster Größe und hoffe zuversichtlich, dem darniederliegenden Kronprinzen neues Leben zu schenken." Mit Blicken höchsten Staunens maßen ihn die Zuhörer: einige aber brachen in helles, zügelloses Lachen aus. „Ruhig!" dröhnte die Stimme eines kräftig aussehenden Mannes, „ruhig! sag' ich Euch!"... An Dan aber wendete er sich mit beschwichtigenden Worten: „Sage mir doch der kleine Pfiffikus, wer brachte ihm solche gediegene Kunst so schnelle bei?" ' „Herr." versetzte energisch der Befragte, „das Fragen und Sagen erscheint ja, da die Gefahr groß ist, ganz unzweckmäßig; trachtet daher lieber, daß durch Euer Verdienst der König seinen Sohn und das Reich seinen einstigen Herrscher erhält!" Dem Manne .imponierte die kluge Sprechweise des Knaben derart, daß er sich allsogleich erhob und sprach: „Gesandter Gottes, ich will mich in Deinen Dienst stellen! Komm, ich will mein Möglichstes tun, um Dir Einlaß beim Könige zu erwirken." Nach einer Stunde stand Dan vor dem Könige. Den Monarchen zu überzeugen, daß er ein Wuuderarzt sei, gelang ihm leichter, als er dachte. Er wurde vom Könige in das Gemach des Kronprinzen geleitet; dort untersuchte er zum Scheine den Kranken, betastete mit wichtigtuender Miene dessen Haupt und schüttelte bedenklich das Köpfchen... -Der Kranke lag mit geschlossenen Augen da und wußte, nichts mehr von sich. Er röchelte unablässig, daß es ähnlich klang, wie wenn man Holz sägte. Dan befahl siedendes Wasser herbeizuschaffen, tat einige Grashalme hinein und als das Wasser grünliche Farbe annahm, goß er löffelweise dem Kranken den Trank in den Mund. Das Röcheln hörte sofort auf und leichter, immer leichter Hub der Prinz zu atmen an. Nach einigen Minuten tat er sogar die Augen auf und stammelte: „Gottlob, mir wird wohler!" Der König, der pochenden Herzens das alles beobachtete, hob den kleinen Wunderarzt zu sich empor, küßte ihn stürmisch und sprach: ..Gesegnet sei die Minute, in der Du die Schwelle meines Hauses betratest; und Du. König aller Könige, sei mir tausendmal gebenedeit, dieweil Du mir einen rettenden Engel zur Zeit der höchsten Gefahr ins Haus sandtest!" ... Am nächsten Tage versammelten sich die gesamten königlichen Aerzte bei Hofe und mit Staunen gestanden sie, daß hier ein ungewöhnliches Wunder geschehen sei. Bald aber erschien der König und an seiner Seite, in schmucker Kleidung, Dan. Die Anwesenden erhoben sich von ihren Sitzen und begrüßten devot den Monarchen. Der König dankte huldreich und sprach: ..Hier, meine Herren, stelle ich Euch einen Wunderarzt, den Retter meines Erbprinzen, vor Ein kleiner Mann wohl, aber ein Künstler in seinem Fache!" Die Aerzte begrüßten den Vorgeftellten und bezeugten ihm große Ehre. Als alles wieder Platz genommen hatte, frug der Aerzteälteste den Dan: „Sage mir. mein liebes Kind, werlehrte Dich solch hehre Kunst? Sage mir ferner, welche Mittel und Arzneien pflegtest Du anzuwenden?" „Die erste Frage," versetzte sanft Dan. „ist mir zu verraten nicht gestattet, doch aus meinem Arzneiwunderbuche will ich einiges Euch vorlesen, ob Euch die Worte geläufig sind." Der Knabe griff nach seines gefalteten Kleides Tasche und holte ein kleines Gebetbüchlein hervor. Er fing zu lesen an: „Jekum!“*) Alles staunte, alles schwieg. Da sprach ein Herr mit einer großen Glatze am Haupte: „Das wird aus dem deutschen Worte: Jucken (Prurigo) sein?' „Jawohl, mein Herr!" „Purkon!“ Ein fragende Gebärde umspielte die Gesichtszüge aller.. . „Das wird purgieren wohl sein?" meinte ein Herr mit einer länglichen Nase. „Jawohl!" „Min sehemaio!“ Vergebens zerbrachen sich alle die Köpfe. „Chino!“ „Bedeutet wohl Chinin?" hieß es unisono. „Jawohl!" ..Und nun die letzte Frage: Sijafcto di schemajo!“ Niemand wußte Bescheid. „Seht Ihr, meine Herren, das Allerwichtigste in der Medizin, das ist Euch fremd! Darum seid Ihr verlorene Leute und tätet Ihr klug. Euch nach was anderem umzusehen!" Der König lachte herzlich; die Aerzte aber gingen gesenkten Hauptes heim. *) So beginnen die Segenssprüche im Sabbath-Mussaph-Gebete. .Jekum — es erstehe. Purkon — Erlösung. Min sehemaio — vom Himmel. Chino — Wohlgefallen. Sijatto di schemajo — himmlische Hilfe. Volkswirtschaft Allgemeine Depositen-Bank. Der Verwaltungsrat beehrt sich hiernit, die stimmberechtigten Aktionäre der Allgemeinen Depositen-Bank zur dreiunddreissigsten ordent- I i eh e n General-Versammlung, welche Mittwoch, den 8. März 1905, vormittags 11 Uhr, im Sitzungssaale des Anstalts-Gehaudes (I. Bezirk, Schottengasse 1) stattfinden wird, einzuladen. Tagesordnung: 1. Bechenschaftsbericht und Bilanz für das Geschäftsjahr 1904. 2. Bericht der Revisoren. 3. Beschlussfassung über die Verwendung des Reingewinnes. 4. Wahl von zwei Mitgliedern des Verwaltungsrates. 5. Wahl des Revisions- Ausschusses, bestehend aus drei Mitgliedern und einem Ersatzmann^. Die Herren Aktionäre, welche ihr Stimmrecht ausüben wollen, werden eingeladen, nach § 18 der Gesellschaftsstatuten ihre Aktien wenigstens 8 Tage früher, d. i. bis spätestens inkl. 28. Februar 1905, bei der Allgemeinen Depositen-Bank in Wien (I. Bezirk, Schottengasse 1) zu hinterlegen. Der Rechnungs- Abschluss pro 1904 wird den zur Generalversammlung legitimierten Herren rechtzeitig zugesendet werden. Wien, 18. Februar 1905. Der Verwaltungsrat.

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