Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 5 (3.2.1905)
- Date
- 1905-02-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Redaktion u. Administration: Wien, II/, Novaragasse 27. Telephon Sir. der Druckerei 15302. Inserate 20 Hell, per Nonpareille-Zeite. Abonnementsn. JnsertionSbeträge sind in Wien zahlbar nnd klagbar. ^abhängige Aeitfchrift für Mische Mierebem Erscheint jeden Kreitag. Motto: „Das Siegel Gottes ist Wahrheit!* I Verngsprxers-: || Ganzjährig ... ff. i*.— | Halbjährig ... ff. 6.— )j Für Cultusbeaiute: II Gauzjäbrig ... ff. IO.—i ü — i j| Für Ausland: I! Ganzjährig ... 8 Mark.'! j 6 Rubel oder t« Fcs. Ur. 3. Wien, 3. Februar 1905. Inhalt: Aus der Woche. — Was Du nicht willst, daß man Dir tu'. — Preisausschreibung der Rappaport-Stiftung. — Reform der Wiener jüdischen Armenpflege. — Oesterreichisch-Jsraelitische Union. — Regine Fleischer. — Franz Kaempf. — Der Geist der Bibel. — Verschiedene Nachrichten. — Feuilleton. — Hebräische Sprache und hebräische Musik. Are geehrten Kerren Aöonnenten werden um freundliche Einsendung des Aöonnementsöetrages für das taufende Kuartat ersucht. Ans der Mache. Die Blätter 'berichten über die großen Ovationen, die demnächst die larynologischen und musikalischen Vereinigungen dem berühmten Erfinder des Kehlkopfspiegels Manuel G a r z i a anläßlich seines 100. Geburtstages in London darbringen werden. Der geniale 100jährige Greis, welcher noch immer tätig ist und gegenwärtig in seinem Heim in Aicklewood noch immer Gesangsunterricht erteilt, stammt bekanntlich von einer jüdischen Familie ab, deren Name in der Literatur der Juden einen guten Klang hat. Emanuel Garzia wird die Deputationen der größten wissenschaftlichen Vereinigungen empfangen. Die Glückwünsche der spanischen Regierung wird der spanische Botschafter ihm überbringen. Spanien hat in früheren Zeiten die Juden vertrieben, aber das Spanien von heute ist fortgeschritten genug, stolz aufden Juden st ämmling Manuel Garzia zu sein, der durch eine epochale Tat für den Ruhm seines Vaterlandes mehr getan hat als alleFanatiker, die zur Ehre Gottes die „Ungläubigen" verfolgten und verjagten. * Die alte Klage, der einst David Kaufmann in einer glänzenden Kampfschrift gegen Professor Lagarde Ausdruck geliehen, daß die christlichen Gelehrten über jüdische Fragen ohne Kenntnis des jüdischen Schrifttums vornehm aburteilen, wird noch immer durch neue Belege erhärtet. So war, wie uns ein Freund unseres Blattes schreibt, kürzlich eine Studie über den Selbstmord in der „Kölnischen Zeitung" zu lesen, in welcher ein deutscher Gelehrter klipp und klar die Behauptung aufstellte : Die moralische Verurteilung des Selbstmordes hat zuerst das Christentum ausgesprochen. Der Mann, der dies niederschrieb, hatte natürlich keinen Augenblick die Notwendigkeit empfunden, sich Belehrung darüber zu verschaffen, welche Meinungen im Talmud vor Christus über den Selbstmord zu finden waren. Was würde man von jüdischen Gelehrten sagen, die mit gleich frivoler Oberflächlichkeit über Dinge schrieben, die das Christentum tangieren? Den Ton, den die antisemitische Presse in der Behandlung der revolutionären Vorgänge in Rußland anschlug, hat auch der Bürgermeister von Wien sich zu eigen gemacht. Dr. Lueger hat öffentlich in der aufreizendsten und gehässigsten Weise die Behauptung aufgestellt, daß die Revolution in Rußland nur von Juden, zum Vorteil der Juden gemacht wurde. Es ist dis alte Sache: die Judenfeinde fälschen die historischen Tatsachen, um Haß und Empörung gegen die Juden zu erwecken. Dr. Lueger^schftdert^seinen betörten Anhängern nicht die grauenvollen, menschheitschändenden Verhältnisse, unter welchen das russische Volk schmachtet; er verschweigt, daß die besten und edelsten Menschen in Rußland als Märtyrer für die Sache des Volkes Freiheit und Leben in die Schanze schlagen; er ignoriert, daß die hervorragendsten Wortführer des Reformgeistes aus den christlichen Kreisen sich rekrutieren — er denkt nur an Eines: die Juden für die furchtbaren Greuelszenen, die mit einem Volksaufstande immer verbunden sind, verantwortlich zu machen. Wer so die geschichtlichen Wahrheiten aus parteipolitischen Gründen fälscht und entstellt, begeht einen empörenden, fluchwürdigen Verrat an dem Volke, dessen Gesinnungen korrumpiert, dessen Gefühle vergiftet werden. * 4- * Zu welch' wahnwitzigen Ausschreitungen der Judenhaß verleitet, kann man aus dem „Deutschen Volksblatte" ersehen, dessen Herausgeber sich nicht ohne Grund mit Kruschewan, dem Bluthund von Kischenew, vergleicht. Das Antisemitenblatt, welches anläßlich der Ermordung Plehwes sofort die infame Lüge verbreitete, der Mörder des Ministers sei ein Jude, war auch rasch mit der tückischen Behauptung bei der Hand: der Priester G a p o n, welcher mit dem Kreuze den Arbeitermassen voranschritt, ist ein Judensöldling. Aber nicht genug damit, arbeitet das „Deutsche Volksblatt" unausgesetzt an der Verbreitung der schurkischen Erfindung anderer gesinnungsverwandter Journale, daß Gapon ein getauiter Jude sei, notabene ein getaufter Jude sei, der seinen Uebertritt nur vollzogen, um seinem Hasse gegen das Christentum um so teuflischer die Zügel schießen zu lassen. Zur selben Stunde, in welcher der heilige Synod, der wohl über den Verdacht der Judenfreundlichkeit und Judeuschonung erhaben ist, die heftigsten Anklagen ..gegen den verbrecherischen Priester" Gapon erhob, ohne mit einem Worte dessen etwaige jüdische Abstammung auch nur anzudeuten, haranguiert das „Deuffche Volksblatt"