Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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♦ Kanloralc Zustande in — Amerika. New-Iork, im Jänner 1905. Nahezu einundeinhalb Jahre sind verflossen, seitdem ich den letzten Bericht über die herzerquickenden kollegialen Zustände, die in unserer Stadt unter uns Kantoren herrschen, sandte. Mit nur wenigen Worten will ich den damaligen Bericht streisen, um die wichtigen Vorgänge, die sich seit damals ereignet haben, verständlicher zu machen. Der herzliche kollegiale Uebereifer, der anläßlich des damaligen Unwohlseins des Präsidenten der Kantorenloge zutage trat, hat Folgen gezeitigt, die nur bei uns in New-Iork möglich sind. Vor allem will ich mit Freuden konstatieren, daß sich der Haupt-Reverend der Hauptsynagoge damals sehr rasch von seinem Unwohlsein erholte und seitdem seine Funktionen in jugendlicher .Kraft nach wie vor versieht, wodurch die Aushilfe sich nur als eine vorübergehende Notwendigkeit erwies. Doch der schlaue Fuchs aus der Vorortesynagoge denkt, und der weise Vorstand unserer Gemeinde lenkt. Mit maulwurfsartiger Minierarbeit wurde dem Vorstände klar gemacht, daß ähnliche Verlegenheiten, wie an den hohen Feiertagen vor zwei Jahren, allwöchentlich passieren könnten, so daß es den funktionsbereiten jungen Kollegen herzlich schmerzen würde, wenn er nicht aushelfen könnte, oder gar die -Hauptsynagoge ohne Funktionäre stände. Und so wurde dieser liebe Kollege für seine Opferwilligkeit ausgezeichnet, indem derselbe auf Drängen der Haute-volee im Vorstand (die natürlich die Oper häufiger besuchen, als die Synagoge und vom -Schliach zibbur keine Ahnung haben) zum ständigen Stellvertreter des Haupt-Reverenden ernannt wurde. Daran wäre nichts zu kritisieren, denn in unserer demokratischen Gemeinde fragt man nicht nach Herkunft, Vergangenheit und Kenntnisse, sondern nur nach Stimme und opernmüßigem Gesang. Bei Ihnen, in der patriarchalischen Gemeinde Wien, wäre so etwas nicht möglich, da wäre z. B. der Platz, wo einst Sulzer gestanden, für Ueberläufer aus Opernkarriere verschlossen. Nun wieder zurück zu unseren Einrichtungen. Unsere Kantorenloge hat sich damals mit dieser Angelegenheit eingehender befaßt und in emer Vertrauenskundgebung für den Präsidenten der Loge die Haltung des jüngeren Kollegen in entsprechender Form verurteilt. Diese Resolution konnte nicht veröffentlicht werden, da wir uns in New-Iork schämen müßten, wenn die europäischen Kollegen über solch unkollegiale Handlungen etwas erfahren würden. Leider verfügen wir hier in New-Iork über kein Fachblatt, wie Ihre geschätzte Kantorenzeitung, sonst würden wir ähnlichen -unwürdigen Vorgängen durch die Veröffentlichung an den Leib rücken. Wir verfolgen in Ihrer geschätzten Zeitschrift mit großer Aufmerksamkeit die Artikelserie Ihres tüchtigen Ober-Kantors I. Singer über die jetzigen Kantorenjünger, besonders über die „Ausländer," die sich mit Vorliebe jetzt nach New-Iork drängen. Nun weiter zu den Vorgängen. In konsequenter Folge der früher angedeuteten Ernennung ist der Posten in der Vorstadtfynagoge vakant geworden. Was für Elemente glauben Sie, geehrter Herr Redakteur, melden sich hier für diesen Posten? Schächter, Opernsänger, Chorsänger (die jedoch mehr Begabung mitbringen als die erstgenannten) u. s. w., leider nur wenig wirkliche Berufsgenossen. Da sollte man doch meinen, daß sich sämtliche New- Iorker Haupt- und Nebenreverenden wie ein Mann erheben, um gegen eine unpassende Besetzung dieses Postens zu protestieren. Weit gefehlt! Selbst der Hauptreverend, gleichzeitig Präsident der Kantorenloge, dem durch solche Erscheinungen so übel mitgespielt wurde, tritt lieber für einen auf kantoralem Gebiete bisher unerfahrenen Kandidaten ein, und würde eher einen Schächter auf diesen Posten empfehlen, als daß er seine ganze Autorität einsetzen würde, um doch reichen Kreise. dahin aufzuklären, . Kantoren zu besetztn wären. Es würde zu weit fiihren, wollte setzen, was ich unter einem Cantor (Ct^ Kollegen in Wien, seid glücklich, bei euch sim ausgeschlossen. Da sitzen im Vorstande einsichr. da hat noch der Ober-Rabbiner bei Besetzuüg v Postens ein gewichtiges Wort, da kann ähnliches» kommen. Nun noch einen Vorgang der letzten Tage. Vor wenigen Tagen wurde ein hervorragender dustrieller, der in allen Kreisen New-Iork's einen w o b klingenden Namen trug, der durch eine Reihe von Jahren auch die Geschicke der New-Iorker jüdischen Gemeinde lenkte, zu Grabe getragen. Zu diesem Leichenbegängnis wurde selbstverständlich der Hauptreverend zur Funktion bestellt, doch hören Sie und staunen Sie, es wurde demselben die sonderbare Zumutung gestellt, mit seinem jugendlichen Stellvertreter die Funktion 3u teilen, resp. neben diesem die zweite Funktion zu übernehmen. Selbstverständlich hat der Hauptreverend diesen Affront mit Entrüstung zurückgewiesen und lieber auf die ihm allein gebührende Funktion verzichtet, trotzdem er dem verstorbenen Präsidenten große Verehrung und Dank schuldete. Glückliches Wien, bei euch würde einem durch 24 Jahre tadellos wirkenden Oberkantor eine solche Zumutung gewiß nicht gestellt werden! Indem ich Sie bitte, diese N?w-Iorker Zustände nach Belieben zu veröffentlichen, verbleibt mit kollegialem Gruß Ihr ergebener New-Iorker Kollege. Dllöli^aiionen des öfterr.-img. Jluntorai-leraneg. Die p. T. Vereinsmitglieder werden hiemit ersucht, den Pflichtbeitrag per Ar. 2 für den berufsunfähig ge» wordenen Kollegen H. £ ö vo y, Neunkirchen, umgehend an den Vereinskassier, Oberkantor NI. 5 ch 0 r r, II., Ob. Donaustraße ^7, einzusenden. Gleichzeitig ergeht an sämtliche Vereinsmitglieder die Bitte, die rückständigen und laufenden Nlitgliederbeiträge (2 Kronen pro Quartal) an den Vereinskassier einzuschicken. Konkurs. In der israelitischen Kultusgemeinde Baden bei Wien kommt bis zum 15. März 1. J. die Stelle eines Bassisten ledigen Standes, zur Besetzung. Derselbe muss eine kräftige Basstimme haben und ausreichende musikalische Kenntnisse besitzen, um das Chor dirigieren zu können. Zugleich muss der Offerierende befähigt sein, im Bedarfsfälle die Funktion eines rnan bya »-«> a-np auszuüben, ^erlangt werden Zeugnisse über musikalische Fähigkeiten und bisheriges Wirken, wie solche von autoritativer Seite über das sittliche und moralische Leben des Ansuchenden. Gehalt nach Uebereinkommen. Auch werden daselbst zwei Knaben, ein Altist und ein Sopran, gesucht. Dieselben müssen schöne Stimme besitzen, und dürfen das 12. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Gehalt per Knabe K 200 jährlich nebst Kost, Quartier, Kleidung und Schulbesorgung. .Offerte, bis zum 15. Februar 1905 einzureichen, sind an Herrn Oberkantor M. Seifert, Bahngasse 15, za richten. Baden, 16. Jänner 1905.