Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1905
- Issue
- Heft 3 (20.1.1905)
- Date
- 1905-01-20
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 3. Seite 9 Die Wahrheit -statt, welche Feier einen sehr würdigen Verlauf nahm. Der Jubilar wurde; -als Maftir zur Tora gerufen, wo von Oberkantor PH. Krausz ein zu j diesem Anlasse verfaßrer Mischeberach rezitiert wurde. Nachher würdigte j Rabbiner Dr. Emanuel Lenke das besondere Pflichtbewußlsein des Jubilars. > Tagsüber kamen zahlreiche Freunde und Gönner in das Hans des Jubilars, > mnd wurde derselbe mir zahlreichen Gratulationen und Geschenken bedacht Am > Abend fand im Kreise der Familie des Jubilars ein animiertes Mahl [ statt. Um das Gelingen dieser Ehrenseier hat sich unser Oberkantor Krausz in kollegialster Weise bemüht. London. Das „Reuter'iche Bureau" meldet aus New-Iork: In den lctzren fi'mf Monaten sind 75.160 russische Juden in Newyork ein getroffen. Eine scharfe Anwendung der Einwanderungsgesetze führte dazu, daß eine größere Anzahl dreier Einwanderer zurückgeschafft wurde, weil sie mit fremder Unrerstützung eingecrvffen sind. Ein Bericht über diese Zurückweisung wird zur Vorlegung an den Kongreß vorbereitet, und zwar in der Absicht, eine weitere Maffeneinwanderung zu verhindern. Ottawa. Preinierminister Laurier erhielt ein Schreiben des Bürgermeisters von 41k o n t r e a l, in welchem eine staatliche Intervention Hur V e r h i n d e r n n g der überhandilehmenden Einwanderung mittelloser r u s s i s ch e r Israeliten beantragt wird. In den letzten Wochen sind 1000 mittellose russische Israeliten in Montreal ciugetre-ffen. Literatur. Der Stern von Halalat. Roman von Martin Hellinden. Herausgegeben von der deutschen Literaturgeseüschast. Halalat hieß das Fremdenviertel in Babylon zur Zeit, als die Jaden dort nach der Zerstörung des ersten Tempels im Exil weilten. In .jene Epoche versetzt uns der angeführte Roman. Der Ort der Handlung ist größtenteils Babylon, zu Beginn und am Ende auch Jerusalem. Mosollam, ein Sohn Sernbavels, pilgert, von Sehnsucht nach dem heiligen Lande gerrieden. nach Jerusalem, desseir. Trümmerfeld er tränenden Auges durchwanden. aber „wie ein glückliches Aufatmen ging es durch seine Seele, als er nach einigen Stunden durch das wie die übrigen vollständig .zerstörte Zion stör -die unselige Stadt verlassen hatte". Dann gelangt er nach Bethlehem, wo ihn der junge Gaddis und seine Schwester Respha gastlich in ihre dürftige Behaujnng aufnehmen. Als Mosollam sodann den Rückweg antritt, schließt sich ihm das Geschwisterpaar an, in der Hoffnung, der in Babylon wohnende reiche Kaufmann Abinoöm. der Bruder ihres verschollenen Vaters, werde sie gütig willkommen heißen Unweit Sipvara, einer Stadt in der endlosen Ebene des Stromgebietes des Euphrat, erkrankt und stirbt Mosollam; die Geschwister ziehen weiter nach Babylon, aber nur unwillig gewährt der geizige Oheim ihnen Obdach. rr; Respha wird nun in eine^JtMlgue verwickelt, der ein sehr breiter Raum gewidmet ist und im Verlaufe dieser Handlung lernen wir ein Stück babylonischen Hoflebens unter König Nebunahid, einem Nachfolger Nebukadnezars, insbesondere auch im Bidruti, der Frauenwohnung, kennen, wir sehen die Astrologen bei ihrem Geschäfte, das darin bestehr, aus der Konjunktion der Sterne das Geschick der Menschen, insbesondere des Königs, zu bestimmen; wir werden auch in die Topographie des damaligen Babylon eingeführt und nehmen teil an den prunkvollen Festen, die zu Ehren der babylonischen Gottheiten gefeiert werden. Es sind farbenprächtige Gemälde, welche der Dichter vor uns entrollt und auch der Gang der Erzählung ist geeignet, die Ansprüche sensationsbedürftiger Leser zu befriedigen. Weniger wird derjenige auf seine Rechnung kommen, welcher hoffen würde, eine wenn auch romantisch gefärbte Darstellung des Lebens und Treibens der Juden aus jener kulturhistorisch so hochwichtigen Epoche des Exils sich vor Augen geführt zu sehen. Die Juden haben ja an den Strömen Babels nicht einzig und allein der Erinnerung an Zion ihre Trauer und ihre Tränen geweint, das Leben stellte an sie seine Anforderungen, der Verkehr mit der einheimischen Bej völkerung mußte umgestaltend auf ihre Sinnes- und Denkweise, auf ihre Gewohnheiten und Gebräuche wirken, und wir möchten so gerne, daß uns das jüdische Volk, um ein bekanntes Wort zu gebrauchen, bei seiner Arbeit gezeigt werde. Diesem Wunsche bleibt die Erfüllung versagt, dagegen machen wir die persönliche Bekanntschaft der biblischen Gestalten des Serubabel, des Abkömmlings vom Hause David, der einst die Inden nach Jerusalem znrücksühren wird, sowie des zukünftigen Hohenpriesters Jeschua und des Propheten Daniel. Diese Persönlichkeiten werden uns nicht als Männer der Tat gezeigt, wir erfahren nichts von ihrem Wirken im Volke, sie harren der Erlösung, welche Daniel prophetisch in nahe Aussicht stellte. Ueber dem Judenviertel Halalat hat sich ein nener Stern gezeigt, aus dem die Magier Unheil verkünden. Babhlon wird dann von den Persern unter Darajuvusch oder Darms, dem Oheim des Kurusch erobert, und Daniel wird zum Verwalter der Provinz eingesetzt. Erst von da ab fühlen wir einen höheren Wellengang der Handlung auch in den jüdischen Dingen. Darms ist den Juden gewogen, als aber bei einer Prozession, in welcher eine Statue des Gottes Marduk herumgetragen wird, jüdische Männer gleich den übrigen rufen: ,;Heil Dir, Bel, Ruhm Dir, Marduk, starker Gott", da stürzt, von Zorn erfaßt, der jüdische Königspage Harmaza, ein Sohn Serubabels, im Verein mit seinen Genossen den Götzen von seinem Traggestell herab. Entschloffen, Las Vorkommnis zu einem entscheidenden Schlag gegen das Judenvolk zu benutzen, erscheint eine Abordnung der Priesterschaft des Marduktempels in der Königsburg und der König antwortet ihr: „Ihr werdet mit meinem Bescheide zufrieden sein." Harmaza und andere jüdische Jünglinge solle» den Löwen, die man für öffentliche Spiele und zur Bestrafung der Uebetläter in gemauerten Behältnissen hielt, vorgeworfeu werden. Daniel »ft gegenüber der Wut des Volkes und der Priester machtlos beim König und kann Nur das Gebet flüstern: „Möge der Gott Israels die Armen auf ihrem letzen Wege begleiten! Sie haben für ihn gestritten." In der letzten Minute, bevor die Jünglinge in den Löwenzwinger geworfen werden, stirbt der König. Der Statthalter Daniel erklärt, es müsse erst die Verfügung des neuen Königs Kurusch abgewarler werden. Dieser traf eilends in Babylon ein. Daniel blieb in seiner hohe» Stellung und es gelingt ihm, den König von der Ohnmacht Marduks za überzeugen, da dieser die ihm täglich dargebrachten Opfer an Mehl, Schafen und Wein nicht selbst genieße, welche von den Priestern durch eine geyeiNle Teiupelpforre emfernr würden. Des Königs Zorn wendet sich nun gegen den prächtigen Marduktenipel, dieser liegt bald in Ruinen. Das Volk bedroht Daniel mit dem Rufe: „Bor die Löwen!" Trotz Widerstandes des Königs liefert sich Dämel selbst aus, aber die Löwen ver schonen ihn und nach sieben Tagen wird er unversehrt aus dem Zwinger hervorgeholt. Auf die babylonischen Volksmassen machte das unerhörte Ereignis einen gewaltigen Eindruck. Man wagte nichts mehr gegen die Inden. „So einfach entschied sich cm Kamps zweier Welten," sagt der Autor. Infolge eines Traumes erläßt Kurusch das Edikt mit Gestattung zur Rückkehr der Juden, aber bei dem Volke, dem sie die Freiheit brachte, oegegnete die königliche Gnade einer sehr geteilten Ausnahme. Die Feurigsten drängten, die Lü'sigen verlangten Fristen zur Ordnung ihrer Angelegenheiten, viele zu Wrhlhabenheit Gelangte weigerten sich gänzlich. Was sollten sie in dem armen ausgeplünderten Judäa? Aber die Flammenivorte Dämels bestimmten die Mehrheit, sich für die Rückkehr nach Jerusalem zu entscheiden. Mehrere Tage dauerte der Auszug, Daniel blieb zurück, um seine Brüder gegen die Uebermacht der Herden zu schirmen und ,üß war ihm die Erinnerung an vergangenes Weh und durchrungcne Kämpfe. Die Zeir des Wiederaufbaues Jerusalems und des Tempels wird im Roman iiur flüchtig gestreift. Wir erfahren noch, daß Respha, die glücklich aus dem Tempel der Belil in Babylon entkommen, nicht, wie es eine zeitlang durch eine etwas gekünstelte Episode den Anschein hatte, die Schwester Harmozas ist, und daß sie die Braut dieses Königssohnes wurde. Nach Verlauf von dreißig Jahren zieht gegen Babylon eme kleine Karawane, die Kamele tragen Juden, an deren Spitze befindet sich Harmaza. Die Straßen der Stadt sind einsam geworden, die gewaltigen Tore, die langgestreckten Mauerlinien sind infolge einer Empörung der Babylonier, auf Befehl des persischen Königs niedergeworfen. Die Karawane hält vor einem verfallenden Hause in Halalat. Der greise Daniel lehnt auf einem Ruhebett, neben ihm steht der junge Esra. Harmaza, der nua wieder seinen" jüdischen Namen Abiud führt, überbringt dem Propheten Segen und Gruß von der heiligen Stadt und dem Hause des Herrn. Daniel berichtet vom Erfolge seiner Bemühungen, die babylonischen Juden in der Treue gegen Jehovah zu erhalten. Während des Aufenthaltes Abiuds erlischt unter einer Vision das Leben des Propheten. — Der Roman Hellindens gibt Zeugnis von einer bedeutenden Gestaltungskraft. Auf vielfach verschlungenen Wegen führt uns der Dichter mit fester Hand dem Ziele entgegen und wir erfreuen uns während des Ganges an prächtigen Blumen, welche zu seiten blühen, manchmals den Pfad selbst ein wenig beengend. In dem fremdartigen Stoff ist, das fühlt man, der Dichter völlig bewandert. D.e Sprache ist überall edel und gleitet in ruhigem Flusse dahin. So wird es gewiß jedem, der das Buch gelesen, zur Freude gereichen, wenn er bald ein neues Werk Hellindens zur Hand bekommen wird. B. Der Jinbttng. Erzählung von Babette Fried, Prag. (14. Fortsetzung.) Er konnte sich nicht an den Gedanken gewöhnen, daß eine reiche Frau, eine Großgrundbesitzerin, ihr einzig Kind — seine Mutter — hinaustreiben konnte in das Elend, nachdem es zuvor ihn, das kleine Kinde einem ungewissen Schicksale überlassen mußte. Nein, keine Stunde hätte er bei ihr weilen mögen an der Stätte, wo seine Mutter einstens so glücklich gewesen, und die sie als Geächtete, Flüchtige verlassen hatte. Die Enthüllungen der Großmutter, von welchen diese eine raschere Genesung des Rekonvaleszenten erwartete, halten im Gegenteil einen heftigen Rückfall, eine Wiederkehr des Fiebers bewerkstelligt. Die Aerzte wußten sich mit ihm keinen Rat zu geben. Das Fieber wucherte unter ihren Händen weiter. Pinchas hatte im Geiste mit dem Leben abgeschlossen. Nur einmal noch sehen wollte er diejenige, welche vom ersten Tage ihres Daseins an solch einen Einfluß aus sein ganzes' Denken und Fühlen ausüble, welche er, das fühlte er jetzt mehr denn je, mit der ganzen Kraft seiner Seele liebte. Nur einmal noch wollte er sie sehen, wollte ihr sagen, daß er sie liebe und ihr für ihre Freundlichkeit danke. ' tfiirii'inmm 'ihi'ii ~ i - rjy-