Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 51 (30.12.1904)
- Date
- 1904-12-30
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Ans und Ginhebe« der Thora.*) In keinem Teile jüdischer Altertumskunde herrscht wohl ein so undurchdringliches Dunkel, so schroffe Verschiedenheit der Ansichten, wie auf dem Gebiete altjüdischer Musik. Der Forscher sieht sich freilich von jeglicher Spur verlassen, kein Laut früherer Jahrhunderte klingt zu uns herüber und es blieb nichts, als tobte, unvollkommene Schriftzeichen, die von ihrem einstmaligen Erklingen so gut wie nichts berichten; dazu divergieren die Musikforscher vergangener Zeiten, analog den heutigen, vollständig in ihren Ansichten über alte Musik und erhöhen die Schmierigkeit des Quellenstudiums uni ein erhebliches. Anscheinend mit großer Emphase geschriebene Werke über althebräische Musik, wie die Schrift C. Semler's (Halle 1708) „Ueber den Vokal- und Instrumental-Gottesdienst der Hebräer", ferner M. H. Reinhard'» (Wittenberg 1699) erschienene Dissertation „Ueber hebräische Musik und Instrumente" werden etwa 70 Jahre später durch den bedeutenden D. Antonio Eximeno (1774) in einer ungemein wertvollen Schrift . Dell' origine della musica" vollständig widerlegt und als hypothetisch hingestellt. Mißmutig über all' diese Schwierigkeiten, über Mangel an festem Boden zur Begründung solider Forschung, haben viele Kantoren diesen doch so wichtigen Zweig der Ton- und Altertumskunde aufgegeben und wünschen in der musikalischen Ausgestaltung ihres Gottesdienstes durchaus moderne Fassung. Zn den eifrigsten Vorkämpfern dieser neuen Richtung gehören nun der Komponist obgenannten Werkes und der Kollege, dem es gewidmet wurde. Herr Henle hat sich auf diesem neuen Gebiete, bei aller Pietät für unseren traditionellen Synagogengesang, in sehr schätzenswerter Weise als Komponist bewährt, während Herr Zivi uns mit diesem Style erstmalig begegnet. Zivi ist „Snlzerianer". Er stellt im Vorwort seines Merkchens Sulzer mit Lewandowsky und Naumburg als die einzigen hin, welche durch die Herausgabe ihrer Werke der Synagogenmusik des 19. Jahrhunderts ein Gepräge aufgedrückt hatten, das dem großen Enthusiasmus für polyphonen Gesang innerhalb des jüdischen Gottesdienstes erweckte. So wenig wir nun diese Anschauung teilen, so sehr interessierten uns die weiteren Auslassungen des Autors bezüglich „Erhaltung, respektive Bildung von vierstimmigen Synagogenchören in kleineren Gemeinden". Nur, wer es selbst erfahren, welch ungeahnten Schwierigkeiten man in den meisten Gemeinden diesbezüglich begegnet, kann beurteilen, wie wahr die angeführten Bedenken des Kollegen sind. In Verbindung mit der Ansicht, daß der primordiale Gottesdienst der Juden ein Zwiegesang des Kantors mit der Gemeinde war, hat Zivi die Chorstimme diesmal der Gemeinde übertragen. Wir hätten in dem Vorwort nur noch gerne die Anregung gewünscht, für den „Gemeindegesang" bereits in den Schulen und beim Jugendgvttesdienste den Grundstein zu legen. Nach diesem trefflichen Vorwort haben wir das Werkchen selbst mit vielem Interesse durchgesehen, da es ja, was geistige Auffassung betrifft, ganz selbstständig erscheint und in seiner Eigenart auch eigene Wege wandelt. Die erste wohltuende Wahrnehmung, nach der pompösen Orgel-Einleitung und den Anfangstakten des „Wajhi binsoa", bildet die so sinngemäße und grammatikalisch richtige Deklamation des hebräischen Textes endlich einmal die kurzen Silben ausgemerzt. Zivi arbeitet bei zarter Melodiebildung mit anscheinend anspruchslosen Motiven, die er kunstvoll entwickelt und variiert. Das Rezitativ des Kantors ist.fast hurchwegs eindringlich und durchgeistigt, es steht in den abgerundet melodischen Partien stellenweise höher als in den deklamatorischen, der Ab- oder Nachgesang der Gemeinde trägt zumeist eine sinnvolle Nuancierung in Bezug auf das vorangehende Solo des Kantors. Erscheint auch manches für den ersten Moment flach und weltlich, so gewinnt es bei näherer Einsicht merklich und wirkt bei richtigem Verständnis für den Text überzeugend. Der Komponist sucht, um den rechten Ausdruck zu finden, nicht in den entlegensten Tonarten und Harmoniefolgen herum, nach dem allerneuesten Geschmack jener, die ihre Exzentrizität für Originalität, die wüst für schön halten. Die Harmonien klingen hier durchwegs einfach und logisch, was freilich in den Augen vieler einen Fehler, mindestens eine Armseligkeit bedeuten wird. Vermissen wir bei dem Orgelpart die Manual- und Registerangabe, so beweisen die reichlich klug berechneten Klang-Kombinationen in dem Wechsel der Vielstimmigkeit ein mit Feinsinn gepaartes Einleben in die Eigenart dieses so herrlichen Kircheninstrumentes, — kurzum, das ganze Opus erscheint uns als wohldnrchdachtes Produkt eines edlen Talentes, als eine künstlerische Leistung, die in unsern Tagen, wo man gerne ausgetretene Bahnen wandelt, umso höheren Preis verdient. Zivi wollte kein anstaunenswertes Krastweik schaffen, sondern eine Filigranarbeit seiner liebenswürdigen Muse. Wer nach poesievollem, einstimmigem Synagogengesang Verlangen trügt, der greise nach dieser Arbeit. Jeder Kollege, dem moderne Behelfe für den Gottesdienst zu Gebote stehen, sollte sich gar bald mit diesen drei Stücken bekanntmachen; wir wüßten keines von den dreien besonders hervorzuheben, sie sind alle drei dankbar und wertvoll. Kattowitz, O.-S. Oberkantor Singer. Oesterr.-nngar. Kantoren-Perein. In der Dienstag, d. 27. d. M. stattgehabten Vorstandssitzung des österr.-ungar. Kantoren-Vereines wurde mit Rücksicht auf die in Publikationen des „Palyazat" in letzter Zeit ventilierte Organisation der ungarischen Kantoren und Gründung einer Pensionskasse beschlossen, die diesbezüglich, seitens des österr.-ungar. Kantoren Vereines schon wiederholt angeregten Aktionen neuerdings einzuleiten und zu diesem Behufe mit Herrn Oberkantor Lazarus in Budapest und anderen hervorragenden Kollegen in Ungarn in Verbindung zu treten. Ueber die Art und Weise, . wie diese Aktion ^um Wohle des gesammten Kantorenstandes durchgeführt werden soll, wird demnächst ausführlich berichtet werden. Nach Erledigung der eingelaufenen Unterstützungsgesuche, unter welchen gerade ein infolge Entlassung in Notlage geratener Kollege aus Ungarn besonders berücksichtigt wurde, wurde in die weitere Tagesordnung eingegangen. * * Im Sinne des Beschlusses der letzten Borstandssitzung werden die geehrten Vereinsmitglieder unter Bezugnahme auf die diesbezüglichen Bestimmungen der Statuten aufgefordert, den Pflichtbeitrag für das berufsunfähig gewordene Vereinsmitglied Heinrich L ö w y. Nennkirchen, per K 2.— an den Vereinskassier, Herrn Oberkantor M. S ch o r r, Wien, II., Ob. Donaustrasse 47, umgehend einznsenden. -i- *) Aus- und Einheben der Thora für Kantor, einstimmigen Genneindegesang und Orgel, komponiert von Herm. Zivi, Oberkantor in Elberfeld. Gewidmet Herrn Oberkantor M. Heule in Hamburg. (Verlag M. W. Kaufmann-Leipzig.) Die geehrten Kollegen werden dringendst ersucht, die ihnen zugesandten 5ammel bögen in ihren Gemeinden zirkulieren zu lassen und das Ergebnis ihrer Sammlungen an den Vereinskassier zu senden. Der Vereinsvorstand.