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Die Wahrheit · 1904-12-23 · Heft 50 (23.12.1904) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 50 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Okstnr.-ungar. Lantorcn-Zeitung. Leon Kartschmaröff, Oberkantor der israelitischen Kultusgemeinde in Nagy-Kanizsa. Zu seinem 40jährigen Amtsjubiläum. I-autlos geht der Tag zu Ende, Ls dämmert schon die stille Nacht, Vb diese uns auch Segen spende, Xun ist des Tages Werk vollbracht. Laum anders ists im Menschenleben. AH unser Sinnen, unser Streben Leicht niemals bis in Ewigkeit, träumt' man auch Unsterblichkeit. Svlüafften Alle wie Du auf Erden, lllühten sich mit Geist und Sinn, Ach ja! Dann kann's auch Abend werden. Leich war dein Lohn, für uns Gewinn, vb auch schon vierzig Jahr' dahin, Lrisch blieb Dein Herz, die Seele rein, Lreund Kartschmaröff kannst ruhig sein! „Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt." Unter weite Welt versteht man auch ein langes Leben, eine lange Wirksamkeit. Und diese Gnade Gottes ist Freund Leon Kartschmaröff zuteil geworden. Was eine 40jährige Amtswirksamkeit auf dem Gebiete des jüdischen Kantorates zu bedeuten habe, das können wahrlich nur wir, die engeren Amtskollegen, am erschöpfendsten beurteilen. Welche Fülle von Entsagung, Opferwilligkeit, geistige und körperliche Hingebung, welche Ausdauer im Kampfe gegen stimmliche und soziale Indispositionen; welch andauernde Arbeitskraft, um den mannigfachen Anforderungen der fortschreitenden Zeit gerecht zu werden, mußte hier in die Erscheinung treten, nachdem der Kantoratseleve — nicht so wie in unserer Zeit, unreif und nnausgebildet — sondern ausgestattet mit allen künstlerischen und fachlvissenschaftlichen Eignungen den Plan der Oeffentlichkeit betreten, um zu wirken und zu schaffen. W i e Freund Kartschmaröff gewirkt und geschaffen, darüber kann der freundschaftliche Berichterstatter ruhig zur Tagesordnung übergehen, denn darüber hat ja längst die Welt entschieden. Nennt man die besten Namen, wird auch der Name Kartschmaroffs genannt — und dann! dem Freunde kann es ja leicht passieren, daß nebst der Tinte auch sein Herzblut mit in die Feder flösse, und deshalb enthebe ich mich aller vollverdienten Lobeserhebungen und fühle mich lediglich dazu gedrängt, dem Kollegen K a r t s ch msa r o f f dafür öffentlich Dank zu sagen, daß er durch Fleiß und Genialität schon in jungen Jahren es vermochte, eine nach jeder Richtung mustergilttige Kantorgestalt hinzustellen, haupsächlich jedoch — was in unseren an Bildung und Moral so überaus dürftigen Kreisen noch bedeutsamer erscheint — daß er die harmonisch reingestimmten Töne seiner heiligen Kunst auch gleich abgeklärt hineintönen ließ in sein Leben, sein Familienhaus und in seine Gemeinde. Leben, Familie und Gemeinde, sie bilden den volltönenden Dreiklang im Wesen Leon Kartschmaroffs. Daß zur Reinerhaltung dieser Grundharmonie auch seine biedere, brave, und hingebungsvolle Gattin, die treue Begleiterin unseres Lebens, redlich ihr Scherflein beigetragen, soll au dem heutigen Festtage verdiente und dankbare Erwähnung sinden. Und nun zum Schlüsse ein dreimaliges Sängerhoch von der Redaktion dieser Zeitschrift, von sämtlichen Kantoren Wiens und vom Schreiber dieser Zeilen! Wien, im Dezember 1904. Oberkantor I. Singer. Oesterr.nngar. Kautoren-Uerein. In der Donnerstag, den 15. d. M. unter dem Vorsitze des Präsidenten I. S i n g e r stattgehabten Vorstandssitzung des österr.-ungar. Kantoren-Vereines, an welcher die Vizepräsidenten I. Bauer und M. Blatt, Kassier M. S ch o r r und die Vorstandsmitglieder PH. Baßl, I. Löwit, E. Regner und I. Schlesinger teilnahmen, machte der Vorsitzende die erfreuliche Mitteilung, daß Herr Baron Gustav Springer aus dem Nachlasse seines vor kurzem verstorbenen Bruders Herrn Baron Alfred Springer dem Vereine eine Spende von 400 Kronen zugewendet habe. Eine weitere Spende von 100 Kronen ist von dem Vorsteher der Wiener Kultusgemeinde Herr Salo Cohn zu verzeichnen. (Den edlen Spendern wird der Dank votirt.) In Erledigung der eingelaufenen Gesuche wird dem Vereinsmitgliede Herrn Kantor Heinrich L ö w y in Neunkirchen im Sinne des 8 10 der Statuten ein Jnvaliditäts beitrag von 400 Kronen bewilligt und werden auch weitere Petenten mit kleineren Betrügen bedacht. Anläßlich des am 24. Dezember d. I. stattsindenden Jubiläums der 40jührigeu Amtstätigkeit des Oberkantor Leon K a rt s ch m a r o ff in Nagy-Kanizsa beschließt der Vorstand dem Jubilar eine kalligrafisch ausgeführte Adresse zu übermitteln, in welcher die hervorragende Bedeutung Leon Kartschmaroffs gewürdigt werden soll. Die von den Bereinsmitgliedern eingeleiteten Sammlungen zu Gunsten der Vereinskasse haben neuerdings ein schönes Resultat ergeben, indem es den Bemühungen des Herrn Oberkantor B e r m a n n in B'öhm.-Leipa gelungen ist, durch eine Sammlung in seiner Gemeinde den Betrag von 173 Kronen dem Vereine zuzuführen. Den edlen Spendern und dem wackeren Kollegen, der die Spenden vermittelt hat, gebührt der aufrichtige Dank des Vereines, und es wäre zu wünschen, daß auch die anderen Mitglieder, die bisher nach dieser Richtung untätig waren, das Beispiel des Kollegen Bermann baldigst nachahmten. Nur mit vereinten Kräften kann es gelingen, die soziale und materielle Lage der Berussgenossen zu heben. Für die nächsten Tage ist eine weitere Vorstandssitzung in Aussicht genommen, in welcher einige wichtige und derzeit dringliche Standesfragen zur Diskussion gelangen sollen. Ateratnr. Der synagogale Gesang.*) Die synagogale Musik ist merkwürdigerweise ein terra, ineognita für die Musikwissenschaft geblieben. Keinerlei Notierungen und Autzeichnungen lassen uns einen Einblick gewähren in die Art, wie z. B. die Tempelmusik geklungen hat, wie die Psalmen gesungen worden sind. Wohl haben die Eigenart, Schönheit und Gemütsfülle, wie sie in den durch Tradition auf uns gekommenen Synagogengesängen zutage treten, hin und wieder den Musikforscher gereizt, und es ist versucht worden, einige Streiflichter in das dunkle Gebiet der Synagogenweisen fallen zu lassen; aber mehr als — zum Teil gewagte — Hypothesen sind dadurch nicht gewonnen worden. Erst seit im verflossenen Jahrhundert ein Kanoren st and auf wissenschaftlicher und künstlerischer Grundlage sich zn entwickeln begonnen hat, haben manche treffliche Arbeiten und Anregungen aus dem Kreise fachmännisch gebildeter Kantoren neue Wege dieser Forschung erschlossen. Als bahnbrechend darf die verdienstvolle Schrift: „Die Tonarten des traditionellen Synagogengesanges („Steiger") von Oberkantor Singer in Wien bezeichnet werden, und auf ihr fußt auch die vorliegende Studie: „Der synagogale Gesang" von A. F r i e d m a n n. Neben den drei von Singer aufgestellten „Steigern" macht Friedmann noch auf eine vierte Tonart aufmerksam. Der Schwerpunkt in Friedmanns Arbeit aber liegt in dem Versuch, den Spuren jener Melodien nachzugeyen, die unserem traditionellen Chasonns zugrunde liegen. Die mit vielen Notenbeifpielen ausgestattete, 99 Seiten umfassende, mit großer fachwissenschaftlicher Sachkenntnis gearbeitete Schrift versucht zu zeigen, in welcher Weise die vier Steiger angewandt werden, auch wie moderne Melodien in den traditionellen Synagogengesang Eingang gefunden haben. Dem Forscher auf diesem Gebiete wird die von eingehenden Quellenstudium zeugende Arbeit wertvolle Anregung, dem Fachgenossen interessante Belehrung bieten. Die angefügten Biographien Sulzers und Lewandowskys geben ein pietätvolles Bild von dem Leben und Wirken dieser beiden Meister des Synagogengesanges. Der Erlös aus der sehr lesenswerten Studie ist für die „Hilfskasse für israelitische Kultusbeamte in Deutschland" bestimmt. 21. 2. *) Eine Studie von A. Friedman n, Hauptkantor, Berlin, C. Boas Nachf., 1904.

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