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Die Wahrheit · 1904-12-23 · Heft 50 (23.12.1904) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 50 (23.12.1904)
Date
1904-12-23
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Geburtstages B e a k o n s f i e l d s, der zeitlebens stolz auf seinen jüdischen Ursprung und den Namen D i s r a e l y war, werden manche Reminiszenzen an den genialen englischen Staatsmann erneuert, die speziell für jüdische Leser von Interesse sind. Uliter anderem erinnert der bekannte Schriftsteller A. K o h u t an folgende Aeußerung, die Graf Beakonsfield im Jahre 1878 ihm gegenüber machte. Kohut hatte erwähnt, daß Beakonsfield in seinem Romane „Conningsby", in welchem er die Juden als den Mittelpunkt der Welt schilderte, darauf hingewiesen habe, daß Neander, Gans, Stahl, Casper, Schönlein, Mapaus, Jakobi, Rieß re. re., ja sogar der damalige Minister Gras Arnim jüdischer Abstammung seien. Da sagte Beakonsfield: „Ich erinnere mich, daß ich nie so lachte, als im Jahre 1845 die „Preußische Staatszeitung" im Namen des Ministers Arnim eine offizielle Erklärung veröffentlichte, in welcher der englische Jude und Literat der Fälschung geziehen wurde. Sie sehen, daß mir das in meiner Karriöre nicht weiter geschadet hat, obgleich ich nach wie vor nie meinen Ursprung verleugnete, sondern in meinen Werken und Reden mit Stolz auf meine Abstammung vom ältesten Adel der Welt mich berief." * * * Die antisemitische Presse zitiert den bekannten Ausspruch M o m m s e n s: „Der Antisemitismus ist die Gesinnung der Kanaille" so wenig als möglich. Sie möchte ihn am liebsten ganz vergessen machen, wie das nicht minder treffende Wort Luegers: „Nur ein Schuft oder ein Dummkopf kann ein Antisemit sein." Wenn die Antisemiten aber schon gar nicht umhin können, sich über den Ausspruch Mommsens zu äußern, dann versuchen sie es, demselben den Charakter eines rasch hingeworsenen, von dem Moment eingegebenen Aperou beizulegen, welches gar nicht ernst genommen werden müsse. Am liebsten möchten sie gar behaupten, Mommsen sei nebenbei selbst ein Judenfeind gewesen, weil er in einer seiner Broschüren die Forderung aufstellte, die Juden .möchten auch ihrerseits die Sonderheit nach bestem Vermögen von sich tun und alle Schranken zwischen sich und den übrigen deutschen Mitbürgern niederwerfen." Gewiß, das hat Mommsen geschrieben, aber die Fälscher seiner Gesinnungen ignorieren absichtlich, daß der große Historiker dieser Forderung die Bemerkung vorausschickte, dies sei Pflicht der Juden, „so weit sie es können, ohne gegen ihr Gewissen zu handeln". Eine Preisgebung der religiösen Ueberzengnng, eine Preisgebung des Judentums, hätte Mommsen wohl nach diesen einschränkenden Worten selbst als etwas erkannt, was man von Juden m i t Gewissen nicht verlangen könne. * * * In Mommsens „Reden und Aufsätzen" die eben jetzt neu erschienen sind, ist die Broschüre, die wir soeben zitierten, enthalten und eine weitere Stelle derselben zeigt deutlich, wie objektiv und klar Mommsen die „Judensrage" beurteilte. Er sagt da unter anderem: „Wir, die erst geeinigte Nation, betreten mit dem Judenkrieg eine gefährliche Bahn. Unsere Stämme sind recht ungleich. Es ist keiner darunter, dem nicht spezifische Fehler anhasten und unsere gegenseitige Liebe ist nicht so alt, daß sie nicht rosten könnte. Heute gilt es den Juden, ob blos den ungetansten oder auch den getauften und in diesem Falle bis zu welchem Grade, unterlassen die Herren zu untersuchen. Morgen wird vielleicht bewiesen, daß genau genommen, jeder Berliner nicht besser sei als ein Semit." * * * Die französischen Antisemiten haben eine zermalmende Niederlage erlitten. Die Entlarvung Syvetons — eines ihrer besten Führer, der von einem Ministerportefeuille träumte — als eines unsäglich verlotterten, sittlich verkommenen Menschen, hätte der Partei auf alle Fälle geschadet. Verhundertfacht aber wird das Resultat dieser Entlarvung angesichts des Umstandes, daß die vermessenen Parteifreunde Syvetons dessen Tod blödsinnigerweise damit erklären wollten: die Juden und die Freimaurer hätten ihn ermordet. Der groteske Gegensatz, der zwischen dem von den Antisemiten verhimmelten angeblichen Opfer der Juden und Freimaurer und dem wahren Syveton besteht, muß den letzten Rest von Respekt vernichten, den die antisemitische Partei in Frankreich nach all den Enthüllungen der letzten Zeit noch besitzen konnte. Syveton, der sich selbst tödtete, hat im letzten Moment noch einen Schlag gegen seine Partei geführt, der wuchtiger ausfiel als die Ohrfeige, mit der er einen französischen Kriegsminister von der Ministerbank schleuderte. Die französische Presse, welche gewiß nicht an allzu großer Prüderie leidet, vermag nur andeutungsweise die Scheußlichkeiten zu schildern, für die Monsieur Syveton lebte und endlich auch starb, dafür werden aber umso klarer die schmierigsten Geld-

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