Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 45 (18.11.1904)
- Date
- 1904-11-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063258--03364-3070116- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 10. Die Wahrheit Nr. 45. Stiftungssektion Magnatenhausmitglied Sigmund Kornfeld, dessen Eintritt in den Vorstand er als einen unschätzbaren Gewinn der ganzen Gemeinde deklarierte. Nicht endenwollende Eljenrufe und Händeklatschen folgten der schönen Rede Tencers. Hofrat Kohner dankte den Anwesenden für das ihn ehrende Vertrauen, das er bestrebt sein wird voll und ganz zu rechtfertigen, Tencers Lob nehme er für seine Vorstandskollegen gerne entgegen, was aber seine Person betrifft, müsse er dies ablchnen, weil es viel zu. übertrieben ist (Rufe: das steht nicht!) und weil er stets nur seine Pflicht getan. Er verspreche auch fernerhin, mit voller Kraft den übernommenen Pflichten gerecht zu werden. Der Gemeindevertretung harren große Dinge. Für die nächste Zeit ist der Bau eines neuen großen Tempels vorzunehmen. Ebenso dringend ist die Errichtung einer Gemeinde-Mittelschule und die Erbauung eines aus der Wechselmann- Stiftung zu errichtenden israelitischen Bliudeninstitutes. Ferner ist die Steuerreform der Kultusabgaben vorzunehmen und an die Vermehrung des Rabbinates durch Anstellung neuer Rabbiner zu schreiten, demnach Arbeit genug, wozu er sich die Unterstützung und die Mithilfe der gesamten Gemeindevertretung erbittet. Hofrat K ohne r gibt noch seiner großen Freude beredten Ausdruck, daß es der Gemeinde gelungen ist, ein hervorragendes und glänzendes Mitglied der Haupt- und residenzstädtischen Sozietät, das Magnatenhausmitglied Sigmund Kornfel d, für die Borstehcrstelle zu gewinnen, dessen Glanz nunmehr die ganze Gemeinde bestrahlt und deren Ansehen nach außen hin gewaltig steigert. Stürmische Jubelrufe: „Elsen Ko h ner, Elsen Kornfeld!" wurden laut und das Händeklatschen wollte lange kein Ende nehmen. T e n c e r schloß hierauf die interesiante Generalversammlung, die durch keinen Mißton gestört wurde und einen mustergiltigen Verlaus genommen hat. — Als Ausschußmitglieder wurden wiedergewählt: Benedikt Baronyi de Csangöhätsaln, Konsul Emerich Birnbaum, Jakob Boschan, Eduard Fleischmann, Bcrthold Goldberger de Buda, Karl Gomperz, Hofrat Doktor Jofef Hüvös de Botfa, kön. Rat Ludwig Krauß de Megyer, Dr. Moriz Mezei, Hofrat Dr. Armin Neumanu, Stefan Popper, Moriz Rosenberg, Reichstagsabgeordneter Paul Sä-ndor, Dr. Jakob Schreyer, Adolf Sternthal, Paul Tencer, Manfred Weiß de Csepel, Leopold Wolfner de Ujpest; neugewählt: Robert Auer, Anton Deutsch, Gustav G. Ehrlich, Doktor Salomon Eulenburg, Dr. Bäla Feleki, Josef Hatvany-Deutsch de Hatvan, Dr. Friedrich Halaß, Max Krämer, Dr. Samuel Löw, Dr. Lazar Sämuel, Sigmund Singer, Emanuel I. Weiß Außerdem sind Ausschußmitglieder auf Grund früherer Wahl: Julius Adler, Dr. Josef Bänoczi, Magnarenhausmitglied Sigmund Brody, Konsul Dr. Ignaz Brüll, Jakob Deutsch, Samuel Deutsch," Alexander Deutsch de Halom, Dr. Emil Farkas, Wilhelm Freund, Dr. Bernhard Friedmann, Dr. Jzor Glaß, Dr. Wilhelm Grauer, Alexander Hatvany-Deutsch de Hatvan, Bertyold Herzmann, Leopold Keppich, Arnold Kohn, August Kohner, Moriz Mandl, kön. Rat Dr. Josef Simon, kön. Rat Martin Schweiger, Dr. Moriz Stiller, Reichsratsabgeordneter Josef Veßi, Hofrat Berthold Weiß, Alfred Wellisch. — Zum Schluffe sagte Dr. Salomon Eulenburg dem Kandidationskomitee Dank für seine mühevolle dlrbeit. D. H. S. Schlainirrg. (Temp e l ein w c ih un g.) In Felsö Eör wurde am 6. d. M. ein neuer Tempel mit großer Feierlichkeit eiugeweiht. Was der Feierlichkeit die Krone aufsetzte, war die imposante Kundgebung der ungetrübten Eintracht unter den Einwohnern der ganzen Gemeinde. Das Protektorat über den neuerbauten Tempel hat Seine Exzellenz Herr Geheimrat Graf Julius Erdödy, der Abgeordnete des Bezirkes, übernommen. Derselbe hat auch in seiner Hochherzigkeit mehrere tausend Ziegel nebst anderem Baumateriale zum Tempelbau gespendet und auch von Anderen Spenden zu diesem Zwecke entgegengenommen. Zum größten Bedauern der Gemeinde war derselbe infolge schwerer, plötzlicher Erkrankung eines Familienmitgliedes verhindert, persönlich zu erscheinen. Er sandte daher seinen Sekretär als seinen Vertreter, der in warmen Worten die Gefühle des edlen Grafen verdolmetschte. Die Feierlichkeit begann im alten Bethause, wo Herr M. Ehrlich, Rabbiner aus Rechnitz, rührende Abschiedsworte vom alten gewohnten Bethause sprach. Sodann wurden die Thorarollen aus demselben herausgenommen und unter dem Baldachin von den anwesenden Rabbinern in den neuen Tempel getragen. Es war ein imposanter Zug, an welchem sich alle Konfessionen beteiligten und die ausgerüLe Feuerwehr bildete Spalier zu beiden Seiten. Als der Zug sich in Bewegung setzte, erdröhnten Pöllerschüffe. Voran schritten weißgekleidete Mädchen, die Psalmen sangen. Als der Zug beim neuen Tempel anlangte, wurde der vergoldete Schlüssel von einem Mädchen dem Vertreter des Grafen überreicht, der denselben mit herzlichen Worten übernahm und den Tempel an die Gemeinde übergab. Beim Eintritte in das schöne Gotteshaus stimmte Herr Kantor Leopold Hochfelder unter Assistenz des Chores das Ma tauwoh an. Nach dem Einheben der Thorarollen in die heilige Lade bestieg Herr Rabbiuer Felix Blau aus Schlaining die Kanzel und hielt eine schöne Einweihungsrede, worauf er das Ner Tomid anzündete und die übliche LeüsNscNsjonu-Benediktion sprach. Hierauf folgte eine großangelegte Einweihungsrede des Herrn Rabbiners Dr. Bela Bernstein aus Steinamanger, die auch auf die Nichtjuden starken Eindruck machte. Es wurden noch mehrere Psalmen gesungen und das Minchagebet verrichtet, womit die erhebende Feier zu Ende war. Nach der Einweihung fand ein Bankett zu 100 Gedecken statt, an welchem sich der Vertreter des Grafen und die Intelligenz des Ortes ohne Unterschied der Konfession beteiligten. Beim fröhlichen Male wurden viele Toaste gesprochen und unter diesen ist besonders der des Vertreters des Grafen hervorzuheben, welcher die Gefühle des Grafen für die jüdische Gemeinde schilderte, die ihn mit dem ehrenvollen Protektorate beehrte. Atlch der Oberstuhlrichter, der Bezirksrichter, der evangelische Pfarrer und auch andere Nichtjudeir hielten schöne Toaste. Beim Abschiede von dem gelungenen. Feste: nahm: jeder das erhebende Bewußtsein mit, daß in diesem Orte ein ungetrübtes friedliches Einvernehmen unter den Konfessionen herrscht, wasin der gegenwärtigen Zeit der Gehässigkeit und Verhetzung besonders wvhl tut- Feuilleton. Der Iindttng. Erzählung von Babette Fried, Prag. (9. Fortsetzung.) Sophie gab auf diese wohlberechtigte Frage ihrer Mutter keine Antwort, sondern legte mit einem leisen Seufzer das Zeitungsblatt auf den ihm angewiesenen Platz, damit es der Vater sogleich finden könne, wenn er nach dem Minchagebet aus der Synagoge kam. In der Küche, wohin sich das Mädchen nun begab, war vollauf zu tun, denn man erwartete abends einen hochgeehrten,, vornehmen Gast, den Kreisrabbiner. Damals bestand noch dieser Rang, wenn auch die noch lebenden Kreisrabbiner auf den Aussterbeetat gesetzt waren^ Wenn ein Kreisrabbiner im Sommer seine Inspektionsreise antrat, so glich diese einem förmlichen Triumphzuge. Ueberall wurde er mit allen Ehren, welche die Knltusgemeinden zu vergeben hatten, empfangen. Die Frauen der betreffenden Kultnsvorsteher, bei denen der Raw einquartiert wurde, wetteiferten darin, ihm die besten Speisen vorzusetzen. Gewöhnlich nahm der Kreisrabbiner bei seiner jedesmaligen Rundreise bei dem Vorsteher der Gemeinde Quartier, jedoch in Hlinow machte er eine Ausnahme. Der dortige Vorsteher war seit Jahren Witwer und da wurde sein Haushalt nicht derart streng religiös geführt, als daß er mit gutem Gewissen einen so frommen Gast aufnehmen könnte. Da wurde diese Ehre Teinitz zuteil, und Frau Esther sowohl, als Sophie hatten alle Hände voll zu.tun, um würdige Vorbereitungen zum Empfange ihres erwarteten gelehrten Gastes zu treffen. So waren sie auch heute beide beim Nudelbrett beschäftigt, und Frau Esther unterbrach ihr Schweigen, um das Töchterchen zu fragen, welche Nachricht sie denn so angelegentlich in der Zeitung gesucht, und, wie ihre Traurigkeit beweise, nicht gesunden habe. Helle Röte überzog das anmutige Gesichtchen Sophies, und verlegen beugte sie das Haupt nieder zu dem Nudelbrett. „Nun, bin ich keine Antwort wert?" drängte mit erkünsteltem Zorne die Mutter. „Ach, Dummheiten, Mütterchen," wehrte das holoe Kind ab. „A so, ich weiß schon, Du suchst nach Nachrichten vom Manöver, weil der undankbare Mensch nichts von sich hören läßt. Du Närrchen Du, meinst Du denn, da wird von einem einfachen Soldaten, selbst wenn es ein Unteroffizier ist, was stehen? Ja, von einem General, oder von einem hohen Offizier, und auch da nur, wenn er sich besonders hervortut, aber von einem gewöhnlichen Soldaten, und gar einem Juden? Keine Spur! — Und dann, Mädel," rief Frau Esther mit Pathos, die eine Hand in die Seite stemmend und mit der anderen den Kochlöffel, mit dem sie eben hantierte, schwenkend, „Du denkst mir zu viel an den Jungen. — Man weiß ja nicht, wer er ist — er ist nichts, er hat nichts. Das bissel schneidern, das er gelernt hat, kann seine Person allein nicht ernähren, und jetzt beim Militär wird er das auch noch vergessen. Früher wenigstens Hab' ich ihn noch für brav gehalten. Das letzte Mal schreibt er, was für Aufnahme er dort unten unter den Slovaken in einem jüdischen Meierhofe gefunden, wie ihn die Frau gernhat, und basta aus — weiter kein Wort von ihm schon drei Wochen, gewiß hat er mit der reichen Witwe da unten angebandelt, da vergißt man seine Wohltäter im Böhmerlande gar bald." (Fortsetzung folgt.)