Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1904-11-18 · Heft 45 (18.11.1904) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 45 (18.11.1904)
Date
1904-11-18
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3063212-3063258--03362-3070114
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

•Seite 8. Die Wahrheit Nr. 45. Geltung zu bringen. Er betonte auch die mannigfachen Schwierigkeiten, die diesem Werke der Humanität timt. Seite jener begegneten, die in unserer Stadt die Inhumanität repräsentieren, und empfahl das neuerbaute Heim der Gnade Gottes und dem,Schutze unseres glorreichen Monarchen. Mit einem dreimaligen Hoch auf Kaiser Franz Zosef I., in das die Versammlung begeistert einsttmmte, schloß Oberrabbiner Dr. Güdemarm seine schwungvolle Festrede, Nach Absingung der Volkshymne hielt der Präsident der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, folgende Ansprache: „Sehr geehrte Festversammlung! Es sind wenige Tage her, daß die Mnnifizenz eines edlen Glaubensgenossen uns durch eine große Spende in den Stand setzte, eines unserer ältesten Wohltätigkeitsinstitute, unser Spital, einer bedeutend größeren Zahl armer Kranker zugänglich zu machen, und heute feiern wir hier die Schlußsteinlegung eines Gebäudes, welches aus Grund einer gleich großen Widmung einer Glaubensschwester errichtet wurde und armen israelitischen Waisenkindern eme Heinistätte zu gewähren, bestimmt ist. Wenn in den gegenwärtig so traurigen, drückenden Zeitverhältnissen der Strom der Benefizien und Subventionen, welcher aus öffentlichen Quellen nach anderen Richtungen so reichlich fließt, bei uns versiegt, wenn unseren Wohltätigkertsinstituten selbst die in einer geringen Spende liegende Anerkennung versagt wird, so ist es ein Labsal und Trost für uns, daß unsere mit GlückSgütcrn gesegneten Glaubensgenossen dies ersaßen, daß dem Bedürftigen, der da ruft: „Meine Brüder juche ich", auch der Hilfe bringende Bruder die stützende Hand reichet. Dorr ist es der Bedürftige, dem der Erwerb, die Arbeit entzogen, der aus einer Stelle gedrängt, in die Erwerblosigkeit, in Not und Elend gestürzt wird, da ist es der arme Kranke, der Heilung sucht, hier ist es das arme Waisenkind. Wer unter ihnen mag als der Aermste der Armen erscheinen? Denjenigen aber, welche da oder dort Hilfe und noch dazu in so reichem Maße , bringen, mögen sie unter uns ans dieser Erde wandeln oder aus den unerforschten Höhen auf uns herabblicken, gebührt unser voller, inniger, herzlicher Dank. Und so hat auch Frau Charlotte Merores, die edle Stifterin dieses Humanitätsinstitutes, sich unser dankbares Gedenken für alle Zeiten gesichert. Das Andenken dieser edlen Glaubensschwester wird für alle Zeiten in unserer Gemeinde erhalten sein und bleiben. Es sei gesegnet!" Mit der Absingung eines Schlußpsalmes schloß die schöne Feier, worauf ein Rundgang durch das Haus angetreten wurde. Das monumentale Gebäude, das dem genialen Erbauer, Baurat Wilhelm Stiaßny, zur Ehre gereicht, wurde allgemein bewundert. Das geräumige Vestibül führt in den Zentralhof, den eine Galerie mit Säulen umgibt. Im Hochparterre befinden sich der Speisesaal, die Verwaltungskanzlei, die Wohnung der Anstaltsleiterin, der Turnsaal und eine Terrasse mit Abgang in den Garten, eine Jsolirstatton mit Krankenzimmer und Bad, im Tiefparterre die Mittelhalle und die große Küche, das Kesselhaus für die Dampfheizung, zwei Badezimmer und eine Desinfettionsstation. Im ersten Stockwerke sind vier Schlafsäle mit fünfzig Betten, Wasch- und Toiletteräumen und die Wohnung der Lehrerin untergebracht. An einen Schlafsaal grenzt eine Gartenterrasse. Das zweite Stockwerk enthält das Ordinations- und Marodenzimmer, Arbeitsräume für die Dienerschaft und zwei Gartenterrassen. Alle Räume sind licht und luftig und den hygienischen Anforderungen entsprechend. Die Gassenfront zeigt Renaissancestil, die Hoffront ist im Rohbau ausgesührt. Hinter dem Hause dehnt sich ein großer Garten aus. S. Kost«, Verfasser des „Gabriel". And jenubun besebo. ..Noch im Alter blühen sie"., Dieses schöne Wort des Psalmisten galt auch von S. Kohn, dem gottergebenen, innigfrommen Juden, dessen ganzes Leben nur auf Heiligung des Gottesnamens, auf Uebung von Menschenfreundlichkeit und Betätigung von Gemeinsinn bedacht war. Aus seinen Augen strahlte jener freundliche Blick, der gewinnen, beruhigen und ermuntern muß, stets war er mit Rat zur Seite, und besonders seinem heißgeliebten Judentum widmete er als Mitglied der Prager Kultusgemeinde-Repräsentanz und vieler Vereine seine reiche Erfahrung, seine vollste Hingebung und seine ganze Kraft. Einfach, bescheiden und zurückgezogen lebte er und trotzdem wirtte er in hervorragender Weise für sein Volk, indem er in seinen herrlichen Werken dessen Leiden, Zurücksetzungen und Hoffnungen und seinen glaubensstarken Sinn und seine Festigkeit schilderte. Sein berühmter Roman ..Gabriel". ist.'in der ganzen Kulturwelt bekannt,' nicht minder beliebt sind seine „Prager Ghettobilder", Fürstengunst", „Ein deutscher Minister", ..Der Spiegel der Gegenwart", „Die Starkenlt. s.. w., die seinen Ruhm erhöhten. Als er vor 10 Jahren seinen 70. Geburtstag feierte, da wetteiferte alles, ihn zu ehren, und da zeigte sich so recht die Liebe seiner Glaubensbrüder, die in als kohen leel eljön, als einen wahren Gottesdiener feierten. : In ihm glühte die heilige Begeisterung für den Glauben der Väter und das Feuer reinster Ueberzengung konnte in ihm nie erlöschen, denn stets erhielt es durch sein eifriges Studium neue Nahrung. Tag und Nacht forschen, das war sein Ziel. Wie eifrig nahm er am „Schiur" teil und wie freute er sich, wenn er, besonders jungen Kandidaten der Theologie, irgend eine schwierige Frage in trefflicher, überzeugender Lösung mitteilen. und ihnen die Bewahrung dieser Lösung ans Herz legen konnte. So oft ich in Prag weilte, besuchte ich diesen seltenen Mann, um jedesmal Belehrung und Neues über diese oder jene talmndische Frage zu erfahren. Auch über die Verhältnisse der Gemeinden, ihre Lage, ihre Glaubeusfestigkeit zog er stets die eingehendsten Erkundigungen ein. Wenn R. Chija im Namen Ulas (bsraobctt) denjenigen größer nennt, der von seiner Hände Mühe lebt als den nur Gottesfürchtigen, so müssen wir S. Kohn es nachrühmen, daß er neben wahrer, tiefer Frömmigkeit auch einen Bienenfleiß bekundete und stets bei seinen Arbeiten anzutreffen war. Darum gelten von ihm beide von R. Chija erwähnten Psalmverse: „Heil dem Manne, der Gott fürchtet!" und „So Du Deiner Hände Arbeit genießest, Heil Dir und wohl Dir! Heil Dir auf dieser Welt und wohl Dir im Jenseits!" Gott hatte ihn wahrhaft begnadet, denn die Thora war ihm ein Baum wahrer Lebensfreude und Schaffensfreudigkeit, sie bewahrte ihm volle geistige Frische bis ins höchste Alter und brachte ihm auch reiche Ehre und Auszeichnung durch seine Mitmenschen. Wie sein Lebensgang vom Ewigen geleitet ward, wie für ihn galt das Wort wecholnesiwosebo scholöm, „alle Wege der Thora führen zum Frieden", so war auch sein Ende sanft und von 'Frieden erfüllt. Ihn begleiteten die hervorragendsten Männer zu Grabe, und sein treuer Freund, Herr Dr. A. Rosenbacher, rief ihm den letzten Abschiedsgruß zu. Seine Freunde und Verehrer begleiteten den hochverdienten, edlen Mann bis zum Grabe, seine guten Werke, seine tiefe Frömmigkeit aber begleiteten seine Seele zum Throne Gottes, um hier für ihn zu zeugen. Für uns ist er nicht gestorben, denn er war ein Zaddik, der stets weiterlebt, mag auch die Erde die Hülle dieses herrlichen Geistes decken. Möge sein Leben uns zum Vorbilde sein, mögen auch wir in der Liebe zu Gott und Menschen ihm nachstreben! Sein Gedenken sei zum Segen! Dr. L. Hirsch-Krummau. Verschiedene Nachrichten. Wien. Freitag-Abends, den 18. November, Predigt im Stadt- und Leopoldstädter Tempel. Wien. «Konstituierung d e s jü d i s ch e n Ko lonisatious- Bereines in Wien.) Nachdem die im Mai d. I. ausgearbeiteten Statuten des jüdischen Kolonisationsvereines von den zuständigen Behörden einspruchslos zur Kenntnis genommen worden waren und bereits am 17. Oktober eine Vorbesprechung der Proponenten stattgefunden hatte, erfolgte am 14. November die formelle Konstituierung des Vereines im großen Sitzungssaale der jüdischen Kultnsgemeinde in Wien. Die zahlreich besuchte Versammlung, welcher die Vertreter sämtlicher Vereine der Wiener Kultusgemeiude beiwohnten, eröffnete Präs. Dr. Alfred Stern mit einer Ansprache, die das Entstehen des Vereines schilderte. Hieraus erstattete Dr. Alfred Nossig das Referat über die im Statut präzisierte Bestimmung des Vereines. Nach einer Disknss on, an welcher sich Dr. Weisl, Herr Lucian Brunner, Baurat Stiaßny u. A. beteiligten, schritt man zur Konstituierung des Vereines und zur Wahl des leitenden Ausschusses, der sich aus folgenden Herren zusammensetzt: Präs Dr. Alfred Stern, Dr. Rudolf Auspitz, David Ritter v. Gutmann, Prof. Dr. Ehrmann, Emil Horner, kais. Rat Sachs, Rabb. Dr. Schmidt, Baurat W>lh. Stiaßny, Dr. F. Weisl, Oskar Marmorek, Dr. I. Bloch, Dr. Zins, Jgn. Schiff, Dr. Papvenheim. Der Ausschuß trat sofort zusammen und verteilte die statutenmäßig vorgesehenen Funktionen in folgender Weise: Präsident: Dr. Alfred Stern, Vizepräsident: kais. Rat Sachs, Schatzmeister: Herr Emil Horner, Stellvertreter: Dr. W. Pappenheim. Schriftführer: Dr. F. Weisl, Stellvertreter: Dr. Zins. Ein ausführlicher Bericht über den Verlauf der Versammlung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.