Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 31 (5.8.1904)
- Date
- 1904-08-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3062972-3063212-3063244--03195-3069933- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
9for. 31. Die Wahrheit Seite 9. Lenze, trägt Männerkleidex, nennt sich Michael Smolko und ist «ine der kühnsten Patrouillenführer des Generals Rennekampf. So sollte vor wenigen Wochen die Stellung der Japaner in einem dichten Wald ausgekundschaftet werden. .Der Erste, der sich freiwillig für die gefährliche Mission meldete, war „Michael" Smolko. Am 21. v. M. gelang es ihr an der Spitze weniger Kosaken einen für die japanischen Truppen hestimmten großen Biehtransport zu erbeuten. Ob die Kinder dieser Jüdin wohl das Recht haben werden, die von ihrer Mutter einst so tapfer verteidigte Mandschurei zu bewohnen? Ein vor kurzem ergangener stkas des Statthalters Alexejew ordnet an, daß Inden der Aufenthalt in der Mandschurei verboten ist und daß auch Armeelieferanten jüdischen Glaubens einer speziellen Erlaubnis der Militärbehörden bedürfen. Ausgenommen Ind nur die jüdischen Soldaten, deren nach zuverlässigen Schätzungen nicht weniger wie 30.000 in Ostasien stehen sollen. Der Jude darf sich in der Mandschurei totschießen lassen, aber beileibe nicht leben! Feuilleton. per Iud'. Nach einer wahren Begebenheit erzählt von H. Frenz. Auf sonderbare Weise war der kleine Moritz Freudenstein nach dem stockkatholischen niederschlesischen Bauerndorfe verschlagen lvorden, wo er mit seiner Mutter ein wenig freudenreiches Dasein führte. Früher freilich war es anders gewesen, als sein Vater noch lebte, ein bescheidener in sich gekehrter Tuchhändler, der mit seinem alten maroden Handelskarren, der von einem ebenso altersschwachen Schimmel gezogen wurde, die großen Dörfer der schlesischen Niederung besuchte. Vorn ans dem Bock trieb der alte Freudenstein das magere Pferd an, während hinten im geschützten Wagen die Mutter mit dem kleinen Jungen sich zwischen den mächtigen Tuchballen wohnlich eingerichtet hatte. Von hier aus schaute der kleine Moritz dem Handeln und Feilschen der Bauernmägde zu, von hier ans erblickte er die rotziegeligen Bauernhäuser, die dunklen Nadelwälder, die saftgrünen Saaten, die buntblumigen Wiesen. Der alte Freudenstein war ein unzugänglicher, mürrischer Mann, dem schön manche Stürme über den Scheitel dahingebraust waren und an dem das Schicksal gar manchen Zahn sich locker gebissen hatte. Trotzdem erfreute er sich einer gewissen Beliebtheit bei dem Bauernvolke, das sonst jedem Juden mit fanatischem Hasse begegnete. Aber das ruhige Wesen des alten Feuerstein und seine einwandsfreie Handelstätigkeit nötigten ihnen eine gewisse Achtung ab. Nur im Kreise der Seinen verlor der Tuchhändler den düstern Ernst aus den Zügen, und selbst ein Lächeln konnte um seine Lippen spielen, wenn er den harmlosen Spielen seines Kindes zuschaute. Doch viel Muße blieb ihm nicht, das Glück eines ruhigen Familienlebens zu genießen. Mit der Hucke auf dem Rücken mußte er, nachdem der Wagen in irgend einem kleinen Gasthofe eingestellt worden war, schon am frühen Morgen den beschwerlichen Haitsiergang nach entlegenen Gehöften und an der Berglehne klebenden Dörfern gewinnen. Und anch die Mutter mußte oft gar selbst die schwere Last auf den schwachen Rücken bürden, wenn das Brot immer kleiner wurde und der Verdienst fehlte. Der kleine Moritz blieb dann allein als Hüter der zurückbleibenden Vorräte in dem Gefährte, das nur durch ein kleines Seitenfenster schwache Strahlen des Tageslichtes in sich aufnahm. Hier verträumte er die ersten Jahre seines Lebens. Da brachte man ihm eines Tages den Vater auf einer Bahre angeschleppt. In der Scheuer des Wirtes ließen die Männer ihre, traurige Last nieder. Ein Messerstich hatte dem Leben des Alten ein Ende gemacht. Die fehlende Geldkatze erklärte alles. -- Am Abende kehrte das ahnungslose Weib von ihrem beschwerlichen Gange heim und brach bei der Leiche des Ernährers zusammen. Der Mord blieb ungesühnt. 's war ja nur ein Jude!- Die beiden Verlassenen blieben in dem Bauerndorfe, wo eine elende Giebelstube im letzten Hause der langen Straßenlinie sie aufnahm. Was sollte die Schwache auch anfangen ohne Hilfe und Rat! Sie war froh, daß ihr ein gutmütiger Bauer das kleine Stübchen einräumie und ihre Näh- und Flickarbeit mit Kartoffeln und anderen Wirtschaftsprodukten lohnte. Die Spitzen-» klöppelet, in der sie es zu einer Geschicklichkeit gebracht hatte, half ihr über die ärgste Not hinweg. Der kleine Moritz lebte still für sich und vermißte den Verkehr mit Altersgenosfen keineswegs. Seine einzige Freude war eine halbblinde Katze, die von allen verfolgt hier im Judenstübchen eine Zuflucht gefunden hatte. Eine Umwälzung in seinem Leben begann für Moritz erst mit dem Eintritt in die Schule, mit dem seine Leiden ihren Anfang nahmen. Die katholische Schule, die er besuchen mußte, wurde bald sür ihn eine Stätte der Qual und der Demütigung. Verachtet von Lehrern und Mitschülern, führte er, „der Iud", wie er bald nur genannt wurde, ein kummervolles Leben voll Angst und Schmerzen. Geschlagen und gestoßen, von allen gemieden, wuchs die vaterlose Waise aus. Traurig schaute er den lustigen Spielen seiner Altersgenossen zu. Ihn forderte niemand auf, mitzuspielen, während doch selbst der schmutzigste Betteljunge beim Spiel sich durch Geschicklichkeit und Schnelligkeit die Bewunderung der anderen erringen konnte. Warum mied man ihn? Warum sahen selbst die Lehrer unwillig nach ihm hin? (Schluß folgt.) Kingesendet. Z i o n i st e n! Unser großer Führer H e r z l ist gestorben! Der Schmerz um seinen Verlust ist in unseren Herzen so tief eingegraben, wie die Liebe, die wir für ihn empfunden haben. Der. Schwur, der an seinem Grabe geschworen wurde, wir haben ihn alle geschworen. Er war einer der größten und besten Söhne unseres Volkes seit Jahrhunderten. So lange ein Jude auf Erden leben wird, wird Herzls Andenken leben, ruhmvoll und herrlich. In der Gegenwart und in der Zukunft, im Goluth und in Zion wird sein Name Glanz und Ruhm und Ehre bedeuten. Der Führer ist tot, die Bewegung lebt! Wollt Ihr den Führer gebührend ehren? Ihr tut es dann am würdigsten, wenn Ihr mithelfet, sein begonnenes Werk zu vollenden. Er hat eine furchtbare Lücke in unserer Bewegung zurückgelassen. Wir müssen alle in die Bresche treten, wir müssen alle unsere Kräfte anspannen, um sie, wenn auch nicht auf einmal, jo doch nach und nach auszufüllen. Vor allem muß es unser Streben sein, die von ihm gegründete Bewegung in Einigkeit sortzuführen und zu stärken, die von ihm geschaffenen Institutionen zu fördern und auszugestalten und die von ihm gewiesenen und gebahnten Wege weiterzugehen. Gott helfe uns allen bei diesen Bemühungen! Wir haben bereits das große Aktionskomitee zusammenberufen, um das Datum des nächsten Kongresses festzusetzen. Bis dahin werden wir nach der bewährten Tradition und in Gemäßheit der Kongreßbeschlüsse die Geschäfte weiterführen. Zionisten! Wir erwarten von Euch die lebhafteste Unterstützung. Tue jeder seine Pflicht, vor allem aber, Brüder, seid einig, einig, einig! Wien, 10. Juli 1904. Das Aktionskomitee: Dr. Kahn, Dr. Kokesch, Ing. Kremenezky, Arch. Marm orek. Mite. Biele jüdische Gymnasial-, Real- und Handelsschüler sind außer Stande, die erforderlichen' Lehrbücher und andere Lehrmittel aus eigenem anzuschaffen. Der Vorstand der israelitischen Knltusgemeinde unterstützt alljährlich solche arme Schüler nach Möglichkeit durch Ausfolgung von Lehrmitteln. Der Vorstand wendet sich nun an alle Glanbensbrüder mit der Bitte, Lehrbücher, welche ihre Kinder im neuen Schuljahre nicht mehr gebrauchen können, den armen israelitischen Schülern zuzuwenden. Durch diese Spenden erweiset Ihr Eltern eine große Wohltat den Mitschülern Eurer Kinder! Lehrbücher werden dankend entgegengenommen von den Aemtern der Kultusgemeinde: I., Seitenstetteugasse 4; XV.. Turnergasse *22; XVI., Hubergasse 8; XVIII., Schopenhauerstraße 39. Der Borstand der israelitischen Knltusgemeinde Wien.