Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 29 (22.7.1904)
- Date
- 1904-07-22
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 29. Die Wahrheit L-erte 9. Äie Tempelwand einschrieb, in dem er der vielen Drangsale gesenkt, welche die Juden Brods von Mansfeld mttf L"rr zu erdulden hatten. Sie wurden in ihren Häusern eingesperrt, beraubt, ausgeplündert und die Vornehmsten von ihnen als Geisel fortgeschleppt, um ein hohes Lösegeld zu erpressen. Als Augenzeuge schildert uns S. Bacharach die damalige -Kriegsnot mit herzergreifenden Worten: „Bevor noch das erste Jahr meines Aufenthaltes in Brod zu Ende ging (i. I. 1627), zog der Feind dort durch, wir schwebten in Todesgefahr, in unseren Häusern wurden wir eingeschlossen. Als der Feind fortzog, nahm er meinen Schwiegervater Jsak, Sohn des Phöbus, der 30 Jahre Landesvorsteher war, als Geisel und auch ein Mitglied des Vorstandes, für welche man 10.000 Gulden Lösegeld hergeben mußte. Dann verging Jahr auf Jahr, da ich mit Abgaben, Kontribution und Steuern beschäftigt wurde. Dabei hatte ich große Geschäftsverluste, viele Schuldner suchten das Weite, einige forderten Nachlässe, die Zahlungen stockten, Folgen der Angriffe — ich sank immer tiefer, bis ich durch Folge der vielen extraordinären Ausgaben und Steuern ganz verarmte."*) (Fortsetzung folgt.) Verschiedene Nachrichten. Wien. Donnerstag, den 14. d. M-, 5 Uhr abends fand im Leopoldstädter Tempel eine voni Vorstande der Wiener Kultusgemeinde veranstaltete Trauerfeier für Dr. Theodor Herzt statt, an welcher die Mutter des Verstorbenen, dessen Gattin mit den Kindern, der Präsident der Knltusgemeinde mit den beiden Vizepräsidenten und sämtlichen in Wien weilenden Knltusvorstehern. das zionistische Aktionskomitee, Abordnungen der einzelnen zionistischen Organisationen, Vertreter zahlreicher Vereine und viele Gemeindemitglieder teilnahmen. Nach Aufführung des großen Sulzerschen Requiums durch Oberkantor Guttmann mit dem verstärkten Tempelchore, der unter der Leitung des Chormeisters Professor Sülzer stand, hielt Rabbiner Dr. Schmiedl die Trauerrede, in welcher das große Verdienst Dr. Herzls besonders hervorgehoben wurde, daß er die Heranwachsende jüdische Jugend zu begeisterter Liebe für das Judentum erwärmte. Die Rede schloß mit den Worten: „Dr. Herzl schläft in der Tiefe der Mutter Erde, aber sein'Ideal wird nie aufhören in den Herzen fortzuwirken und für seine großen Segnungen zu begeistern." Ein Moment tiefer Bewegung war es, als nach empfindungsvollem Vortrag des Nanucho nechauno durch Oberkantor Guttmann der Sohn Herzls, Hans, das Kadischgebet verrichtete. Das unterdrückte Schluchzen der Familienangehörigen drang allen Trauergästen tief in die Seele. Die gesanglichen Darbietungen des Chores waren, abgesehen von der im Verhältnis zum großen Raume vollkommen unzureichenden und unserer Meinung nach aus diesem Grunde auch ganz überflüssigen instrumentalen Begleitung durch das Harmonium, vortrefflich. Doch wurde die weihevolle Stimmung durch den Dirigenten beeinträchtigt. Zunächst stachen der schwarze Rock und Zylinderhnt des dirigierenden Chormeisters von den Ornaten der Funktionäre und *) Bachrach, dessen Vermögen unter solchen Schicksalsschlägen zusammenbrach, war genötigt, im 24. Lebensjahre das Rabbinat in Göding zu übernehmen, 1635 ging er nach Leipnik, wo er im Jahre 1642 eine zehnwöchentliche Belagerung erlebte, über die er eine Schweden-Selicha verfaßte, welche dort an dem Tage vor Neujahr gebetet wird. Immer aber erhielt er Beziehungen zuUng.-Brod, der Heimat seiner Frau. Resp. Chut Haschoni 95, 96, erwähnt er eines Ereignisses, das sich zutrug, als er in Nng.-Brod weilte (1634.) Sein in dieser Angelegenheit abgegebenes eherechtliches Gutachten (die Abbreviatur daselbst bedeutet p« ■>=• nicht non^D Brüll, Jahrb. d. Jsr. 5628) unterbreitet er dem Rabbiner von Brod. — Er legt dieses auch seinem Onkel R. Naftali Kohn 7. vor, der ihn ermahnt, durch seine beständigen Studien nicht an die Verheiratung seiner unversorgten Schwester zu vergessen. Gewiß war diese Mahnung überflüssig, denn seine Familienliebe war.unermeßlich. Jedes der Mitglieder schaltet er in sein Gebet ein. Als Beweis seiner Höflichkeit kann es gelten, daß er um die Genesung seiner Frau in einer für verfaßten nrnn betete. (Responsen Chavath Joir. S. 125.) s: sst »pss mys npnjn -psn: »Tay ’nr: ~.»s nrs.i Vs'y"»"3T Hiezu bemerkt A. I. Bachrach: ns'-iya s"J nmn nimm nymi nasrrs nr.:Psn tsPb px“? »nssT n*.a ’es : i’spn ’J’pr ns s\m .p"sb bvTt ns s'^nres s’i» T»ya mr nrpn bir»si b'tid’s *?s ’ds mn ns’si ins jxmjjis p"ps lmn Bipa mm pnx» t“t.t3 jmyaT nman »st ^ssi .'ps’s *t» s"JSTp: b':‘r, irp? bv IB'Z ^>n; rma my ts mn» -rsa px’s 't P'T .»B’i T-T.Ts 1er m» B'»v»a -.nr m-Tan a'r's m.T Ts»n Nach zehnjähriger Krankheit starb sie in Worms im Jahre 1662. Ihre Grabschrist bei Löwisohn m»s: Nr. 29. Gegen dessen Verwechslung Brod mit Brodi, s. Rappoport, Einleitung zum S. 33, Nr. 10 (dessen Verwechslung). Richtig gilt Löwisohn bei Moses, Sohn des R. Abraham Broda, S. 81, Nr. 63, Mährisch-Brod, an Rapys Berichtigung zu I. Bachrachs Grabschrift (gest. 19. April 1678). nrn' pT' statt "Tn i'T' ist einleuchtend. des Chorpersonales allzusehr ab und dann mögen wohl der leidenschaftlich geschwungene Taktstock, das stramme Markieren der einzelnen Stimmeinsätze, das Herausholen der feinen Tonnuancierungen im Konzertsaale geschätzt werden, bei einer gottesdienstlichen Handlung sind derlei Ueberschüffe des musikalischen Temperaments absolut nicht am Platze. Wenn also der Chormeister, was allerdings sehr löblich ist, die Chöre selbst leiten wollte, dann hätte er seine Sängerschar auf die Chorgalerie postieren sollen, wo er mit derselben ganz nach Belieben schalten und walten konnte. Mitten im Gotteshause jedoch wäre etwas mehr Diskretion beim Dirigieren geboten gewesen. Wir sehen uns zu diesen auch im Publikum vielfach geäußerten Bedenken schon ausdem Grunde veranlaßt, damit in Zukunft bei ähnlichen Anlässen nach dieser Richtung Abhilfe geschaffen werde. Wien. Fräulein Franziska Herz l, Tochter des bekannten Edelsteinhündlers Herrn Salomon Herzl, hat sich mit Herrn Ignatz Tisch, Tuchfabrikanten aus Bielitz, verlobt. Aus diesem Anlasse spendete Herr Herzl neuerdings 100 Kronen dem Vereine zur Bekleidung alter Männer. Ungar. Brod. Man berichtet uns nachstehenden, geradezu unglaublich scheiuenden Fall: „In Hrozinkau, einem Dorfe unseres Bezirkes, erhielt der Gastwirt Adolf G a n s l, als er vor seiner Türe stand, eine derbe Ohrfeige. Er trat klagbar auf. Am 13. d. M. fand hier die Gerichtsverhandlung stark. Der Angeklagte erklärte einfach, er hätte sich geirrt, wäre eigentlich auf einen andern losgegangen, dessen Namen er nannte. Wiewohl dieser „Andere" weder die stattliche Erscheinung noch die grauen Haare Gausl's besitzt, ihm überhaupt ganz unähnlich ist, wurde der Angeklagte dennoch b l o s z n r B e st r e i t u u g seiner e i g e n e n K o st e n verurteilt. Zeugen wurden gar nicht vorgeladen." Szenicz. Samstag hat in der hiesigen Synagoge der hier zu Gast weilende Oberkantor der Schiffschul. Herr I. Wittmann, auf Einladung der Kultusvorsteher und des Kultuspräses vorgebetet. Herr Oberkantor Wittmann bewies die vollkommene Berechtigung seines weitgehenden Rufes als Kapazität auf diesem Gebiete und soll ihm mit diesen Zeilen nur eine neuerliche Anerkennung gezollt sein. Temesvar. Sonntag, den 24. Juli findet im Jnnerstüdter Kultustempel die Trauung des Fräuleins Irma Löwenherz. Tochter unseres verdienstvollen Oberkantors Herrn Eduard Löwenherz, mit Herrn Leopold Guttmann statt. Berlin. Ein unerhörter Vorfall, der für russische Verhältnisse so recht bezeichnend ist, wird, so lesen wir in der „Bresl. Ztg.", von beteiligter Seite unter Angabe sämtlicher Namen und Details, die wir verschweigen, mitgeteilt: Ein junger russischer Jude, der zur Zeit seiner Militärpflicht genügt, ging mit seinem Regiment nach dem ostasiatischen Kriegsschauplatz. Die Eltern erhielten mehrfach Briefe, indessen seit einigen Wochen blieb jede Nachricht aus. Begreiflicherweise befanden sich die Eltern in Angst und Sorge. Vor wenigen Tagen wurde der Vater auf das Polizeirevier gerufen und ihm mitgeteilt, daß ein Telegramm, seinen Sohn betreffend, vorliege, daß man es ihm aber erst gegen Zahlung von zwanzig Rubeln aushändigen werde. Der arme Mann war nicht in dem Besitz des verlangten Geldes. Alle Bitten des geängstigten, in höchster Sorge befindlichen Vaters halfen nichts; er mußte wieder Weggehen, und es gelang ihm mit Mühe und Not, in größter Hast die verlangte Summe aufzutreiben, die er dann dem Polizei-Kommissär übergab. Hierauf empfing er das Telegramm. Es war vom General-Kommando und enthielt die Nachricht, daß sein sohn — gefallen sei. Hamburg. Das vom Verein zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder neu errichtete Kinderhospiz wurde am 2. Juli feierlich eingeweiht. Unter den zahlreichen Gästen waren die hamburgischen Behörden durch Herrn Amtsverwalter Dr. Kümmerer, ferner fast alle Institutionen der jüdischen Gemeinde durch Delegierte vertreten. Nach mehreren von dem Knabenchor unter Leitung des Herrn Oberkantors Dreiblatt vorgegetragenen Kantaten, hielt der Vorsitzende des Vereins zur Gesundheitspflege schwacher israelitischer Kinder, Herr Ludwig Mathiason, eine kurze Ansprache, in welcher er dankend der Gründer und Förderer des Vereines gedachte. Die Festrede hielt Herr Oberrabbiner M. Hirsch. Mit einem Gebet für den Kaiser, den Senat und die Bürgerschaft und Vortrag der Psalmen 100 und 150 schloß die ebenso erhebende als wirkungsvolle Feier. An die Feier schloß sich unter sachkundiger Führung ein Rundgang durch die Räume des Hospizes, und allgemein fanden die zweckmäßige Einteilung des Hauses, sowie die hohen, von Luft und Licht durchfluteten Räume bei den Anwesenden ungeteilte Anerkennung. Das Gebäude ist nach den Plänen und unter Leitung des Regieruugsbaumeisters Friedheim- Hamburg ausgeführt worden. Petersburg. Die Gesetzsammlung veröffentlicht folgende Abänderungen der Bestimmungen über die Juden: In den westlichen Grenzgouvernements und in Bessarabien unterliegen die Juden in dem Rayon von 50 Werst von der Grenze allen Gesetzen über den Aufenthalt der Juden in der Ansässigkeitszone. Die Bestinimung, die den Juden verbietet, sich in dem Rayon von 50 Werst von der Grenze außerbab der Städte und Flecken festzusetzen und aus einem Dorfe ins andere zu übersiedeln, bezieht sich nur auf solche Juden, die nach dem 20. Juli in den Dörfern des genannten Rayons erscheinen. Konfessionelle Irrenanstalten sind das neueste auf dem Gebiete der konfessionellen Trennungsbestrebungen. Es wird darüber aus Westfalen berichtet: Die westfälische Provinzialverwaltung baut eine fünfte uud plant eine sechste Irrenanstalt. Nach der Vollendung beider Anstalten soll alsdann eine konfessionelle Trennung der Geisteskranken in der Weise durchgeführt werden, daß je drei Anstalten für die Katholiken und die Evangelischen eingerichtet werden.