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Die Wahrheit · 1904-06-08 · Heft 27 (8.6.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 27 (8.6.1904)
Date
1904-06-08
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Leite 4. Die Wahrheit Nr. 27 ins Judenland!" so.hatte Herz! gerufen, und ein tosender! Beifall war seinen Worten gefolgt. I u d e n l a n d! Ja, das! wars! „Aber — durfte man denn das schreiben?" fragten die Einen, „Judentum", das kann doch Herzl nicht so gemeint haben, wie es gemeiniglich aufgefaßt wird", so sagten die Anderen. Und nun enspann sich ein Eiertanz um diese Worte. Nur ein oder zwei Basler Blätter brachten die ganze Phrase, wie Herzl sie in den Saal hineingerusen. „Wer hat für diese Blätter den Bericht geschrieben?" kam er in einer Aufregung ins Journalistenzimmer. Der Betreffende trat vor und Herzl — ergriff seine Hände und dankte ihm. Die zweite Szene spielt aus dem Journalistenbankette am dritten Kongreß. Herzl sprach über die Pflichten des Journalisten im allgemeinen, über die des jüdischen Journalisten im besonderen. Sei es schon schwer, für das vielköpfige Ungeheuer, Publikum genannt, zu schreiben, so sei es ungleich schwerer, für ein jüdisches. Und da zeichnete er in seiner unnachahmlichen Weise den jüdischen Journalisten, dessen erste Pflicht es sei, nivellierend zu wirken und gerade nacy dieser Seite hin seine Leser nicht nur zu unterhalten, sondern zu erziehen. Gewiß hatte er einige krasse Auswüchse vor Augen, denn gerade in einigen jüdischen Blättern hatte man in jenen Tagen dem Zionismus und seinem Führer arg zugesetzt. An Entstellungen und Verdrehungen wurde das höchste geleistet, und nicht zum wenigsten von sogenannter befreundeter Seite. Und wieder wirkten Herzl's Worte wie eine Erlösung . . . Es sind seitdem vier Jahre verflossen, die Worte sind im gegnerischen Lager wohl beherzigt worden, die Zeit hat es gelehrt. Man hat gelernt, die Zionisten zu achten, ohne ihr Programm in allen seinen Teilen zu unterschreiben. Daß aber Herzl's vornehme Gesinnung am wenigsten dort verstanden, wo es am natürlichsten erschiene — das haben die Kämpfe im zionistischen Lager erwiesen, die das Ostafrikaprojekt hervorgerufen, das hat eine Episode erwiesen, deren unfreiwillige Beteiligung dem Redakteur dieses Blattes einige verdrießliche Minuten gekostet. Ja, der jüdische Journalist sollte sich das alte Weisenwort, das zur Vorsicht mahnt, beim gesprochenen Wort, wie bei dem geschriebenen, täglich und stündlich vor Augen halten . . . Und nun senkt man ihn in die kühle Erde. Der Mann, der sein Volk zu Großem begeistert; der es aus zweitausendjähriger Letargie erweckt; der ihm die Morgenröte einer besseren Zukunft herbeigezaubert-er sollte sein Werk nicht vollendet sehen. Man hat in den heißen Kongreßdebatten oft gefragt: Was wird aus dem Zionismus werden, wenn Herzl, des Streites müde, die Führerschaft abgibt? Die Antwort wird das jüdische Volk jetzt geben. Der Zionismus wird weiter seinen Weg machen, bis das Ziel erreicht. Wann —? Was tut's, ob in fünfzig oder in hundert Jahren. Was eine zweitausendjährige Diaspora verschuldet, kann nicht in zehn und nicht in zwanzig Jahren gutgemacht werden.- Als Moses, so wird in dem am letzten Sabbat verlesenen Wochenabschnitte erzählt, sein von Gott ihm bestimmtes Ende herannahen sieht, wendet sich der große Volkserzieher und Volksführer in einem ergreifenden Gebete an den Höchsten. „Wajdaber mosche el haschem lemaur," so beginnt die im Pentateuch einzigartige Erzählung. Moses redete eindringlich zu Gott, daß Er, der Gott der Geister alles Fleisches, einenIsch, einen Charakter erstehen lassen, das Volk mit einem Heros begnaden möge, der es führe, ihm vorangehe, es leite. Und ein solcher Mann wird auch vorhanden fein, um Herzlls Werk zu vollenden, wenn — — das jüdische Volk es will! Wien, 4. Juli 1904. Herm. Berliner. Aus der Woche. Wir erhalten von sehr beachtenswerter Seite nachstehende Zuschrift: „Ich habe mit großem Interesse die Glossen gelesen, die L>ie in Ihrem geschätzten Blatte an den aufreizenden und die gesamte Judenschaft beschimpfenden Artikel knüpften, welcher im ..Deutschen Volksblatt" unter der Aufschrift „Die Jüdin" erschienen war. Man muß Ihnen vollkommen beisttmmen, daß dieser Brandartikel alles übertrifft, was in diesem der Judenhetze gewidmeten Blatte zu lesen war. Wenn es nun auch jeden objektiven Leser überraschen muß, daß die greulichen Beschimpfungen und Verleumdungen der Juden trotz des noch immerzu Recht bestehenden § 302 ungehindert erscheinen konnten, so drängt sich mir doch eine Erwägung auf, der Ausdruck zu geben, ich mir erlauben möchte. Das ..Deutsche Volksblatt" kommt nach der Besudelung der Juden, denen alle echten Moralbegriffe abgehen und die angeblich in Frau v. Hervay, der Hochstaplerin und Betrügerin, eine Art „Nationalheldin" bewundern, zn der strikten Aufforderung, „daß man das Judentum entweder durch Ausweisung aus dem Bereiche der Monarchie entfernen, oder durch strenge Ausnahmsgesetze und Aufhebung der Gleichberechtigung möglichst unschädlich machen müsse". Ich frage nun: Müssen sich die Juden in ihrer Gesamtheit diese entehrenden Beschuldigungen ohneweiters gefallen lassen und dürfen sie zu zu der Aufforderung, sie aus dem Lande zu jagen, oder sie rechtlos zu machen, schweigen? Gibt es denn für die Juden keine Möglichkeit, das „Deutsche Volksblatt" zu klagen? Ist es denkbar, daß das „Deutsche Volksblatt", weil, es nicht direkt einen Juden beschimpft, straflos allen Juden ins Antlitz spucken dürfe? Wenn der Staatsanwalt sich nicht veranlaß: sah, aus eigener Initiative die infame Beleidigung aller Juden als eine strafbare Handlung des „Deutschen Volksblattes" aufzusassen, müssen die Juden diesem Beispiele folgen und durch ihr Schweigen das Zugeständnis machen, daß ihnen die „Moralbegriffe" fehlen? Die Juden dürfen nicht den Standpunkt einnehmen, daß sie vogelfrei sind, daß sie alle Beschimpfungen und verlogenen Beschuldigungen schweigend ertragen müssen. Wer die geeigneten Schritte in diesem Falle zu unternehmen hätte, damit das „Deutsche Volksblatt" in den Gerichtssaal geschleppt werde, wo es den Beweis für seine diffamierenden Beschuldigungen erbringen oder die Strafe des Verleumders davonttagen soll, ist eine zweite Frage. Ob die Wiener Kultusgemeinde, der „Allgemeine Oesterr.-Jsraelitische Bund", die „Oesterr.-Jstaelitische Union" oder sonst eine hiezu berechtigte und bevollmächtigte Korporation an den Staatsanwalt herantritt, ist vielleicht nebensächlich;das Wichtig st e erscheint mir, daß im Gerichtssaale darüber Klarheit geschaffen werde, ob es einem antisemitischen Hetzblatte gestattet ist, die Juden in Bausch und Bogen der schändlichsten sittlichen Verkommenheit zu zeihen. Sie würden, sehr geehrter Herr Redakteur, durch die Veröffentlichung dieser Zeilen sich gewiß ein Verdienst um die Ehre unserer Glaubensgenossen erwerben und, wie ich zuversichtlich hoffe, den Weg ebnen, daß in diesem Falle das „Deutsche Volksblatt" zur Verantwortung gezogen werde." -i- * Um die „Moralbegriffe" des „Deutschen Volksblattes" in ihrer vollen leuchtenden Klarheit zu erkennen, müßte man dieHaltung des Blattes in der Affaire des Grafen M i l e w s k i beobachten. Es fällt uns nicht ein, hier die schmutzige Geschichte breitzutreten; mit zweifelloser Gewißheit können jedenfalls folgende Momente hervorgehoben werden: Der russische Graf hat trotz seiner vorgerückten Jahre ein häßliches Liebesverhältnis mit einer verheirateten Frau angeknüpft und lange fortgesetzt. Die Frage, ob diese Frau auch die natürliche Tochter des Grafen ist — wie wenigstens die Dame behauptet — wollen wir gar nicht streifen. Die Geschichte ist ja auch so schmutzig und sündhaft genug. Das ..Deutsche Volksblatt" aber tritt mit allen Sympathien für den Grafen Milewski ein, echauffiert sich täglich zweimal für den würdigen Herrn und spricht von ihm nur mit den Ausdrücken tiefer Verehrung. Weshalb? Nun, der gegenwärtige Bräutigam der in Rede stehenden Dame soll — jüdischer Abstammung sein! Grund genug, daß nach dem „Moralbegriffe" des „Deutschen Volksblattes" diese Affaire nur dazu dienen darf, zu einer Beschimpfung der Juden ausgebeutet zu werden.

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