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Die Wahrheit · 1904-06-03 · Heft 22 (3.6.1904) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 22 (3.6.1904)
Date
1904-06-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 22. Die Wahrheit Seite 9. Das Amnlel. Preisgekrönte Novelle von Frau Babette Fried-Prag. (Schluß.) Hier trieb es ihn mit unwiderstehlicherMacht in die alte Judenstadt, zu dem ihm wohlbekannten Hause, in welchem er so oft bis tief in die Nacht hinein mit seinem hochverehrten Lehrer inmitten der anderen Auserwählten dem Talmudstudium obgelegen. Viele Jahre waren seither vergangen, und dennoch war dem Professor noch alles so bekannt, daß es ihm schien, als habe er erst gestern das gastliche Hans verlassen, und alles, was inzwischen mit ihm vorgefallen, wäre ein böser Traum gewesen, aus dem er nun zur Wirklichkeit erwacht sei. Von den widersprechendsten Gedanken und Gefühlen beseelt, hatte der junge Mann das Haus erreicht, in welchem er, da Festabend war, den berühmten Gelehrten beim eifrigen Studium allein anzutreffen hoffte. Trotz der späten Abendstunde wollte er um eine Unterredung bitten lassen und sein Anliegen vortrageu. Um so größer war seine Ueberraschung, als er in ein festlich beleuchtetes Gemach gewiesen wurde, wo der große Mann den Ehrensitz an einer langen Tafel einnahm, an deren Längsseiten die Vorsteher und Aeltesten der Gemeinde Platz genommen hatten. Der durch jahrelange Nichtbeachtung den jüdischen Gebräuchen entfremdete Professor hatte Mühe, sich auf die Ursache der zu dieser späten Abendstunde stattfindenden Versammlung zu besinnen. Doch endlich fiel sie ihm ein. Alljährlich verbrachte der Rabbi die heilige Nacht, welche den Tag der Gesetzgebung einleitete, inmitten der Schaar seiner Getreuen, seiner Schüler und der Würdigsten der Gemeinde, um sich durch Lernen und Beten auf diesen gesegneten Tag vorzubereiten. Der Rabbi, wie gewöhnlich in einen langen, faltigen Talar gehüllt, ein schwarzes Samtkäppchen auf dem grauen Haupte, stand auf, um den Neuangekommenen, in dem er einen durch das Unwetter verspäteten Gast vermutete, zu begrüßen. Durchnäßt wie er war, und die Spuren der eben erlebten Erschütterung im Gesichte, ermattet von dem fast im Laufschritte zurückgelegten weiten Weg. wurde Rafael nicht sofort erkannt. Wie groß war aber das Erstaunen des Rabbi, als er in dem späten Besucher seinen ihm verlorenen ehemaligen Liebling erkannte. Die Zeit und die Umstände vergessend, welche zwischen damals und heute lagen, rief der Rabbi verwundert aus: „In welchem Zustande kommst Du, mein Sohn?" Doch schnell sich fassend, verbesserte er sich: „Entschuldigen Sie, Herr Professor, ich war durch Ihr unvermutetes Erscheinen ganz verblüfft." „O, bitte ziehen Sie diese vertrauliche Benennung nicht zurück, ehrwürdiger Herr! Ich bin durch Sturm und Wetter hierhergeeilt, um Ihre Vergebung zu erbitten, um wieder in die Schar Ihrer Schüler ausgenommen zu werden." „Was denken Sie, Herr Professor, wie wäre dies mit Ihrem Range und Ihrer Stellung vereinbar?" fiel der würdige Greis dem Sprecher ins Wort. „Gerne werfe ich all dies von mir, wenn ich mir dadurch die Gnade erwerben kann, wieder meine alte Stelle in Ihrem Herzen einzunehmen." Der Rabbi schüttelte das Haupt: „Was würde die Alma mater zum Verluste ihrer größten Zierde sagen?" „Junger Mann," fuhr der edle Greis in mildem Tone fort, „Sie bedürfen jetzt vor allem der Ruhe, der körperlichen sowohl als als der . geistigen. Begeben Sie sich in mein Studierzimmer nebenan, und wenn Sie sich etwas erholt haben, komme ich hinein zu Ihnen, meine Freunde hier werden mich auf solange entschuldigen, und Sie werden mir dann mit ruhigerem Blute den Beweggrund Ihres seltsamen Begehrens mitteilen." „Dessen bedarf es nicht. Hier auf der Stelle, in Gegenwart dieser würdigen Männer will ich mein Bekenntnis ablegen und durch ein aufrichtiges Geständnis mein schweres Herz erleichtern." Nach diesen Worten stürzte Rafael zu den Füßen des Rabbi nieder, umklammerte dessen Kniee mit beiden Händen und rief mit bebender, von häufigem Schluchzen unterdrückter Stimme: „Ich habe gefrevelt vor dem dreimal heiligen Gott der Heerscharen, dem Gotte Abrahams, Isaaks und Jakobs, ich habe gesündigt gegen seine heilige Torah durch Gedanken, Wort, Schrift und Tat. Und mehr als das? Ich bin nicht nur selbst ein Abtrünniger geworden, sondern ich habe durch meine Irrlehren und mein böses Beispiel viele, viele andere, gleich dem gottlosen Könige Jerobeam, zum Abfalle verleitet. 0, ehrwürdiger Herr! Legen Sie mir die schwerste, härteste Buße auf, ich will sie freudig auf mich nehmen, nur befreien Sie mich von meiner Seelenpein, welche mich hier und dort verderben würde!" .Wieso kam Ihnen gerade heute diese Erkenntnis, Herr Professor?" fragte noch immer milde der Rabbi. „O, auf eine wunderbare Art geschah dies!" Und Rafael fieng zu erzählen an. Er verschwieg nichts, keinen seiner geheimsten Gedanken, auch nicht die höhnischen, frevelhaften Worte, mit welchen er die vermeintliche Mosesgestalt begrüßte. Alles erzählte er haarklein. Er schloß seine schauerliche Erzählung mit der Bedingung, welche ihm die scheidende Erscheinung seines Vaters gemacht hatte. Dann übergab er dem während des Anhörens seiner Erzählung immer ernster gewordenen Rabbi die Kette, von der das Amulet abgerissen war. Noch immer schwieg der Rabbi, mit seinen Gedanken kämpfend. Die übrigen Zuhörer saßen alle ganz starr vor Staunen und ein Schauder überfuhr gar manchen beim Anhören dieser Erzählung. Rafael hatte längst schon geendet, und noch immer kam kein Wort über die festgeschlossenen Lippen des großen Talmudisten. Dieses Stillschweigen war beängstigend. Rafael war der erste, der die entstandene Stille unterbrach. „Darf ich hier bei Ihnen bleiben, mein Vater? Nicht als Ihr Freund und Schüler, denn dieses Glück habe ich auf ewig verwirkt, sondern als der geringste Ihrer Diener, der es sich zur Gnade rechnen würde, die Riemen Ihrer Schuhe lösen zu dürfen." „Unmöglich," rief Rappoport, „unmöglich! Stehen Sie auf, mein Herr!" Langsam erhob sich Rafael, warf noch einen traurigen Blick auf seinen ehemaligen Lehrer und wendete sich der Türe zu. In diesem Blicke mußte der große Menschenkenner etwas gelesen haben, was ihn zu der Frage bewog: „Was wollen Sie jetzt beginnen, junger Mann? Sie beabsichtigen doch nicht einen Selbstmord zu begehen?" ..Wenn nicht die Erkenntnis über mich gekommen wäre, so hätte ich es unbedingt getan, denn verstoßen von hier, was blieb mir anders übrig? Aber nein! Ich habe mir gelobt, ein frommer Jude zu werden und als solcher ferner zu leben, und darum bekämpfe ich die Versuchung, welche an mich herangetreten und gehe von hier fort, geradenweges in meine Heimat, auf das Grab meines Vaters, dort wird mir die Erkenntnis werden, wie mein der Buße geweihtes Leben zu beginnen." Erschüttert von der tiefen Weh- und Demut, welche in den Worten des ehemals so stolzen jungen Mannes gelegen, rief der edle Mann aus: „Bleibe hier, bei mir, mein Sohn!" Hochbeglückt beugte sich Rafael über die Hand des Rabbi, um sie zu küssen; doch dieser entzog ihm sie und legte beide Hände segnend auf das Haupt des Bereuenden, indem er gleichzeitig den Priestersegen aussprach. In diesem Augenblicke öffnete der alte Diener des Rabbi die Türe, trat zu diesem und überreichte ihm mit tiefer Verbeugung einen in ein weißes Papier gehüllten Gegenstand, indem er sagte: „Ein alter Mann hat dieses hier soeben für den Rabbi abgegeben, das er im Walde gefunden hatte." Der Rabbi entfernte die umgebende Hülle, sah sich den zierlichen Gegenstand genauer an und seinen erstaunten Blicken zeigte sich eine kleine goldene Mesusa — Bernsteins Amulet. In den Sommermonaten erscheint, wie alljährlich, die Beilage „Oefterr.-nngar. Cantoren- Zeitnng" in jeder zweiten Nummer dieses Blattes. Die Redaktion.

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