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Die Wahrheit · 1904-04-29 · Heft 17 (29.4.1904) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 17 (29.4.1904)
Date
1904-04-29
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. Die Wahrheit Nr. 17 früheren Pastors und antisemitischen Reichstagsabgeordneten K r ö s e l l gegen den Rittergutsbesitzer v. D e r e n t h a l verhandelt. Dieser hatte über Krösell geäußert: „Er hat als Pastor gelogen, und ein Pastor, der lügt, ist in meinen Augen ein Schweinehund". Derenthal trat den Wahrheitsbeweis an, und das Gericht erkannte, daß der antisemitische Hetzprediger in mindestens drei Fällen bewußt die Unwahrheit gesagt hat. Dem als bewußten Lügner stigmatisierten Pastor wird es nur eine geringe Genugtuung verliehen haben, daß das Gericht bei alldem den Ausdruck „Schweinehund" für einen ungeziemenden erklärte und deshalb den Geklagten zu einer Geldstrafe verurteilte. Man kann gewiß nicht behaupten, daß die Antisemitenführer in Wien nicht auch im Gerichtssaale traurige Rollen spielen. Aber es schadet ihnen nicht weiter. Man erinnert sich wohl noch, daß der Herausgeber des „Deutschen Volksblattes" Vergant, aus einem Ehrenbeleidigungsprozeß durch den Wahrspruch der Geschworenen derart gebrandmarkt hervorging, daß er seither es sich ruhig gefallen lassen muß, wenn man von ihm sagt, er habe Gemeindegelder unterschlagen. Und dieser selbige Vergani wurde vom Papst durch einen hohen Orden ausgezeichnet! Diesmal könnte vielleicht ein Wort des Evangeliums dahin variiert werden: „Hütet Euch vor den Ausgezeichneten!" _ Wie steht's mit unserem Judentum? Allgemeim ist die Klage, und vielleicht ist welcher Anwert darauf zu legen, daß unser Glaube wegen seiner zahllosen Haarspaltereien in Abnahme begriffen ist, daß seine Bekenner, wie die losen Glieder einer Kette, müde der schweren Bürde, Reißaus nehmen, so ihnen nur Gelegenheit geboten wird, die Leiter zu ersteigen, nach der sie wach und im Schlafe sich sehnten. In letzterer Zeit hat das Renegatentum dermaßen zugenommen, daß die Besonneneren in unserer Mitte die Ursache desselben eifrigst erforschend, auch nach den Mitteln zur Steuer dieser Anomalie sannen. Vor allem ist die Erziehung der Jugend daran schuld, daß eine neue Generation herangewachsen, die vom Judentum so wenig weiß, wie die Nachteulen vom Tageslicht. Die Schule, welche in erster Linie dazu berufen wäre, den Grund zu festigen, läßt viel zu wünschen übrig, denn allseits fürchtet man sich vor Ueberbürdung, und so wird die Religion eingeengt, daß man kaum den Pfad verfolgen kann, in dem sie sich bewegt. Einige Stunden Religionsunterricht in der Woche, was soll dies bewirken? Im Hause hat man längst aufgehört, die Wärme zu erhalten, und mit eiskaltem Gemüte und leerem Herzen zieht das Kind in die Welt, wo es gar leicht seine verführerische Schlange findet. Was soll es an das Judentum binden, wenn die Anfeindung es gar so hart bedrängt und jeden Augenblick über das Judentum die Axt geschwungen wird? Und wie die Jugend einmal zu klügeln anfängt, ob es sich denn verlohnt, bei dem Glauben auszuharren, von dem sie gar nichts versteht, von dessen Wahrheiten sie so wenig Ueberzeugung gewonnen: so ist schon der erste Schritt getan, der ihrem Verderben Tür und Tor öffnet. Und die Alten, welche noch als Erbstück die Last mit sich geführt, die sehen es gerne, oder drücken zuweilen die Augen zu, wenn ihre Nachkommen mit einen Ruck die Mauern des Gefängnisses stürzen und dem Judentume den Rücken kehren. Fürwahr gar viele jüdische Gemeinden leiden unter dieser verabscheuungswürdigen Verkehrtheit unserer Halbjuden! Wie ganz anders sah es in den früheren Zeiten aus. Unter Druck und unsäglichem Elend war das Judentum und seine erhabene Religion das einzige Band, das sie zusammenhielt, der einzige Trost in den sorgenvollen Tagen. Hocherhaben hielten sie das Banner ihrer angestammten Religion und um keinen Preis der Welt würden sie sich von ihr getrennt haben. In Oesterreich und Ungarn hat ein Windstoß die Gemüter aus ihrer Ruhe aufgejagt, alles rennt und stürmt und weiß nicht wohin. Nicht der Haß und die Anfeindung trügt daran Schuld, denn zu welcher Zeit hatte das Judentum gegen seine Angreifer sich nicht zu wehren? Sondern im Uebermaße unserer Freiheiten glauben wir die längst verlangte Schuld unserer Widersacher in der Weise abzutragen, indem wir augenfällig Beweise liefern, daß wir die Freiheit in vollem Maße verdienten, da wir ohnehin im Judentum keine Festigkeit und keinen Wert fanden. „Seht Ihr," so rufen sie aus, „uns ficht das Judentumgar wenig an, wir sind wohl in dieser Religion geboren und erzogen, aber ihre Satzungen sind für uns nicht maßgebend. Darum bleibet nicht so ferne, Ihr christlichen Brüder, wir sind Euch ebenbürtig, und schenket Ihr auch diesen unseren Worten keinen Glauben, nun so führet uns zum Weihbecken, Ihr sollt es sehen, daß im Judentum für uns kein Heil zu finden ist." Ja, das Liebäugeln mit unseren Feinden trägt daran Schuld, daß wir uns vorerst einbilden, vom Judentum nichts zu wissen, bis man dann in allem Ernste hinübergeht in das Reich, das man sich ersehnt. Wie traurig und verabscheuungswürdig ein solcher Schritt ist, daran denken nur die Wenigsten. Daß man alte, liebgewonnene Satzungen mit Füßen tritt, daß man die Schmach so geschwind auf sich lädt, ein Verbrecher an seinem Glauben zu werden, daß man den Tag in schwarze Nacht verwandelt, „josimu or laclioschecli“, das zu bedenken, fehlt ihnen jeglicher Sinn. Das Rollen des Donners kündet den Anzug eines Gewitters an, wir stürmen in Graus und Nacht und vergebens suchen wir den Anker zur Rettung. Wir Juden haben nichts zu gewinnen, wie sehr wir uns auch einbilden, in fremden Lager das Heil zu finden; bleiben wir daher getreu dem Gottesglauben, der uns durch so manche Fährnisse geführt zu sicherem Porte. Wenden wir alles Mögliche an, den Glauben im Hause zu befestigen. Haus, Schule, Synagoge mögen das ihrige dazu beitragen, um der Jugend die Fackel anzuzünden, die ihr den Weg beleuchten soll, der zum Segen und Heil des Judentums führt. Wien. Rabbiner Dr. Samuel P a r l o s aus Dunaföldvür. Die Militiirtanglichkeit der Inden. In den letzten Wochen hat sich die Presse in Deutschland mehrfach mit der Militärtauglichkeit der Juden beschäftigt. Angeregt wurden diese Erörterungen durch eine Reichstagsrede Liebermann von Sonnenbergs vom 7. März. Wir können uns die Mühe sparen, die Richtigkeit der Behauptungen des genannten Abgeordneten zu prüfen, denn wir besitzen in der Berufszählung vom Jahre 1895 ein viel zuverlässigeres Material; zuverlässiger, weil es sich über das gesamte deutsche Reich erstreckt. Für die eine Seite, den Prozentsatz der Juden im Reiche, mag das weniger von Belang sein, denn dieser (r04d/0 im Jahre 1900) differiert nur wenig von demjenigen in Preußen (1'14°/o im Jahre 1900). Für die andere Seite, die in Preußen dienenden Juden, kann aber sehr leicht ein wesentlicher Unterschied dadurch entstehen, respektive entstanden sein, daß viele preußische Juden es der Behandlung wegen vorziehen, ihrer Dienstpflicht in einem anderen Bundesstaat zu genügen. Aeußerungen über jüdische Rasseneigenheiten, wie sie Liebermann v. Sonnenberg mit dem Erfolge „Große Heiterkeit" angewandt hat, werden ja auch außerhalb „eines hohen Hauses" mit gleichem Erfolge verwendet. Kann man es da denen, auf deren Kosten sie auch in Reih und Glied zu erregen versucht wird, verdenken, wenn sie sich dem noch rechtzeitig durch Auswanderung entziehen? Sehen wir uns nun zunächst die Berufszählung von 1895 an. Da es auch damals schon keine Juden mehr im Offizierkorps gab, und die Soldaten erst nach vollendeter Dienstzeit zu Unteroffizieren aufrücken, so haben wir zum Vergleich uur die Gemeinen heranzuziehen. Nach dem Statistischen Jahrbuch für

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