Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 10. - Die Wahrheit Nr. 13. konnte inan am abgclaufenen Purim-Feste deutlich sehen. Nach der Megila sang die Schuljugend das „Schoschanas Jaakow" in lustiger Weise und an beiden Pnrimabenden sah man die verschiedensten Masken, welche mit Herrn Lehrer Mandl an der Spitze, einen gelungenen, originellen und sehr erheiternden Zug bildeten. Um endlich auch zu zeigen, t>aß man sozusagen „unter sich" recht gemütlich sein kann, veranstaltete auch noch Herr Mandl im Lokale der israelitischen deutschen Volksschule am Samstag, den 5. d. M., abends, einen Purim-Tanzabend, wobei ihm ein fünfgliedriges rühriges Konritee helfend und ratend zur Seite stand. Besonderes Lob gebührt bei dieser Gelegenheit Herrn Maximilian Steiner, der sich durch Umsicht und Geschicklichkeit sowie durch sein heiteres Austreten in einer während der Ruhe aufgeführten komischen Szene auszeichnete. Die Purimunterhaltung verlief sehr animier: und war den. Räumlichkeiten angemessen gut besucht. Wir hoffen, daß die auf solche Art bewerkstelligte Verjüngung unserer altehrwürdigen Gemeinde, unserer Heranwachsenden Jugend als gutes Beispiel dienen wird. IseU Eines. Der Prophet Elias. Eine Lcdcrabend-Erzählung von Adolf Steinschneider. ° (Schluß.) Am Jahrestage meiner Entweichung war es nun wieder Erew-Peßach. Ich suchte einen jüdischen Tempel ans und fand einen im herrlichen, maurischen Style erbaut, und trat ein, als gerade das Abendgebet verrichtet wurde. O! welche qualvolle Erinnerung erfaßte mich. Ich gedachte der Heimat, sah Euch im Geiste in der behaglichen Wohnung den Seder in festlicher Stimmung begehen, an Eueren verlorenen Sohn nicht mehr denkend. Und ich der Verzweiflung, sogar dem Hungeriode preisgegeben. Da erfaßte mich unendliche Reue. Schluchzend betete ich voll Inbrunst,' im Gebete Trost suchend, und Errettung aus meinem Elende von Gott erhoffend. Im Tempel neben mir faß ein vornehm aussehender Herr, welcher meine Zerknirschung und mein andächtiges Gebet beobachtete. Beim Ausgange sprach er mich an, fragte mich, wer ich sei und woher ich komme. Ich gab ihm über alles Auskunft, berichtete ihm von meiner Flucht aus dem Elternhause, schilderte meine trostlose Lage und schüttete mein Herz vor ihm aus. Er erkannte an meiner Aussprache, daß ich kein Engländer sondern ein Deutscher sei, und teilte mir zu meiner Freude mit, daß auch er ein Deutscher, und was mich besonders entzückte, daß er ein österreichischer Jude sei, namens Joel Nathansohn. Die Erzählung meiner Abenteuer erregte seine Teilnahme und sein Mitleid, und er nahm mich mit sich in sein Haus. Das Peßachfest wurde ganz nach jüdischem Ritus gefeiert, und erließ mich während der ganzen Feiertage verpflegen. Als diese vorüber waren, machte er mir den Vorschlag, in sein Geschäft, ein großes Modewarenmagazin, als Praktikant einzutreten. Ihr könnt Euch wohl denken, wie freudig ich dieses Anerbieten annahm. Gleich darauf wurde ich installiert und von den Angestellten freundlich ausgenommen, da dies ihnen der Chef angelegentlichst empfahl. Mit allem Eifer und mit freudigstem Tätigkeitsdrange widmete ich mich von nun an der Erlernung des Geschäftes. Mich beseelte nur e in Bestreben: die Zufriedenheit des Chefs zu erwerben. Mit Gottes Hilfe ist es mir auch gelungen. Ich stieg von Stufe zu Stufe, wurde Kommis, im Laufe der Jahre Prokurist und endlich Kompagnon. Heute vor zwei Jahren starb mein edler Wohltäter, betrauert von allen Bekannten und von allen Angestellten, die er wie ein Vater behandelt hatte, am schmerzlichsten von mir, der ich ihm mein ganzes Leben verdankte, den er vom Tode errettet und zu einem glücklichen Menschen gemacht hatte. In seinem Testamente setzte er mich zum Erben seines Vermögens und seines Geschäftes ein. Jedes Jahr feierte ich den Peßach, der zweimal einen solch' bedeutenden Wendepuntt in meinem Leben herbeiführte, mit besonderer Solennität. Jetzt aber, nachdem ich es so weit gebracht habe, erfaßte mich mit allmächtiger Gewalt das Heimweh, die Sehnsucht nach der Stätte meiner Kindheit, nach meinen Eltern und Angehörigen. Wer weiß, sagte ich mir, leben sie . noch heute, und dieser Zweifel nagte an meinem Herzen. Wohl hätte ich schon vor Jahren schreiben und von mir Mitteilungen machen sollen. Aber zuerst hatte ich Scheu, mich an Euch zu wenden, da ich j so schnöde gehandell hatte und nicht ahnen konnte, ob Ihr j mir je verzeihen werdet. Späterhin hatte ich den Ehrgeiz, nicht! eher etwas von mir hören zu lasten, als bis ich es zu etwas Tüchtigem gebracht habe. Nun aber ließ es mich nicht mehr ruhen. Ich verkaufte das Geschäft, machte alle Habe zu Gelde, und gedenke mich hier zu etablieren. Ich schiffte mich ein und richtete es so ein, daß. ich wieder am Erew Peßach hier ankomme und Euch überrasche, und wunderbarer Weise trat ich als Prophet Elias hier ein. Und nun verzeihet mir und nehmet mich in Liebe wieder auf!" Als er geendet hatte, sprach der Vater: „Wunderbar sind die Wege der Vorsehung, welche die Geschicke der Menschen leitet. Du hast gast ganz, wie mau beim Juden sagt, Jezias Mizraim mitgemacht. Wie die Kinder Israels bist tm durch das Meer gezogen, hast Frohndienste geleistet, dann in der Wüste der Not und des Elends gewandert, um endlich in das gelobte Land der Befreiung und der Errettung zu kommen. Komm' denn an das Herz deiner dich mit Freude wieder aufnehmenden Eltern. Hier sind deine jüngeren Geschwister, die uns seither geschenkt worden sind." Nach einigen Umarmungen und Küsten nahm der Sohn wieder das Wort: „Ich habe Euch, liebe Eltern, auch ein Geschenk mitgebracht, eine Ueberraschung, die Euch, wie ich hoffe, nicht minder Freude machen wird, und die ich bis zuletzt aufgespart habe. Wartet ein wenig, bis ich es aus dem Hotel hieherbringe." Das Geschenk. Nach einigen Minuten trat er' wieder ein, an seinem Arme eine junge Frau von strahlender Schönheit und holder Anmut, die an ihrer Hand einen reizenden, vierjährigen Knaben führte. „Hier," sprach David, „bringe ich Euch meine Kinder. Diese meine Frau Rachel ist die Tochter meines verstorbenen Wohltäters. Er hatte unsere gegenseitige Liebe beobachtet und zwei Jahre vor seinem Tode uns vereinigt. Sie ist ein Muster aller weiblichen Tugende.n und Euerer Liebe würdig. Wie der Erzvater Jacob habe ich auch um diese Rachel viele Jahre gedient, und hier ist unser kleiner Baruch, den wir Euch als Enkel darauf geben." Jetzt spielte sich eine herzerquickende Szene ab. Die Mutter ging zur neugekommenen Schwiegertochter Sie küßte und umarmte sie, nannte sie ihre liebe, liebe Tochter. Der Vater nahm den kleinen Enkel auf den Schoß, herzte ihn und sagte: „Baruch heißt du und Broches, Segen, soll auf dir ruhen, so lange du leben wirst." Die beiden Geschwister fühlten sich stolz als kleine Onkel und Tante und liebkosten den Neffen. Die übrigen Anwesenden blickten voll Staunen, aber in freudiger Erregung auf dieses köstliche Familienbild. Der Vater sagte schließlich: „Wenn wir wieder fragen werden Na nischtano iialailo haseh, so werden wir antworten: Nicht nur von anderen gewöhnlichen Rächten unterscheidet sich die heutige, sondern auch von allen bisherigen Peßach-Nächten, denn uns ist Heil widerfahren an diesem Sederabend." Der Kompagnon. „Nun, mein lieber Vater, möchte ich dir einen Antrag machen. Ich habe ein nicht unbedeutendes Kapital mitgebracht. Willst du, daß ich es in deiner Fabrik anlege, und dabei als Kompagnon tätig mttwirke. Das angelegte Kapital soll dazu dienen, Verbesserungen und Erweiterungen vorzunehmen, durch Vervollkommnung der Maschinen nach den neuesten Erfindungen der Technik, die Erzeugung leistungsfähiger zu machen, wodurch man in der Lage wäre, neue günstigere Geschäftskonjunkturen abzuwarten." Man kann sich's wohl vorstellen, wie freudig dieser Vorschlag angenommen wurde. Hiemit war alle- Not zu Ende, alle Sorge, alle Kümmernissevon ihnen genommen. Die ' Zuversicht, die Abraham Moldauer auf Gottes Hilfe gehabt, hatte ihn nicht getäuscht. Die Legende, daß der Prophet Elias Glück und Segen bringe, hat sich in diesem Falle, wenn auch auf natürlichem Wege, verwirklicht.