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Die Wahrheit · 1904-03-18 · Heft 12 (18.3.1904) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1904
Issue
Heft 12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 10. Die Wahrheit Nr. 12. Wien. Donnerstag, den 10. d. M. hielt Herr Rabbiner Dr. S. Mandl ans Neutitschein im Vereine der „Oesterr.-israel. Union" (Hotel Gnth) einen Bortrag über: „Monotheismus — ein Weltprinzip", der von der zahlreichen Versammlung lebhaft akklamiert wurde. Vor dem Vortrage erstattete nach Begrüßung der Versammlung durch das Vorstandsmitglied, Dr. H. Schreiber, Sekretär Fleischer eingehenden Bericht über die Tätigkeit des Vereines, besonders des Rechtsbureans. Bon Seiten einiger Mitglieder wurde der Wunsch geäußert, daß die Union ihre Tätigkeit mehr den traurigen Verhältnissen in Wien zuwenden solle, woraufhin sich Sekretär Fleischer zur Konstatierung der bedauerlichen Tatsache gezwungen sah, daß gerade die Wiener Glaubensgenossen dem Vereine ein sehr geringes Interesse entgegen bringen. Nach durchgeführter Debatte schloß der Vorsitzende die Versamnilung mit einem Danke an den Vortragenden. Wien. Unter zahlreicher Beteiligung wurde Sonntag, den 13. d. M. der Religionslehrer Siegmund Adler zu Grabe getragen. An der Bahre hielt Herr Dr. Schmied! die Trauerrede, in der die Verdienste des Ver-! blichenen als Vater und Mensch in schwungvollen Worten gepriesen ' wurden. Bemerkenswert war der Hinweis des Redners auf die erfolgreiche Tätigkeit der Lehrer auf dem Gebiete des Religionsunterrichtes. Hieraus rühmte Inspektor Profesior M. Kanitz die Hingebung und Pflichttreue des Heimgegangenen und seine seltene Art, die Jugend für die Lehren unserer Religion zu begeistern. Im Namen der „Palme" sprach Herr Inspektor Dr. Langfelder und Herr Adolf Rotier im Namen der „Esra", des Vereines der Wiener Religionslehrer. R. Wien. (L i t e r a r i s ch e r G e s e l l i g k e i t s v e r e i n jüdis ch er Mädchen „M o r i a".) Sonntag, den 20. d. M. wird wie alljährlich die „Rosa Kollmann-Gedächtnisfeier" stattfinden, darauf folgt der Vortrag des Frl. Helene Schweinburg über das Thema: „Die Pflege des Schönen". Beginn präzise 3*/., Uhr nachmittags im Kongreßsaale, IX., Türkenstraße 9. Wien. (Verein jüdischer jugendlicher Arbeiter, L e o p o l d st a d t, II., Untere Augarten st raße 19.) Sonntag, den 20. d. M. Vortrag des Herrn I. Hönig über „Lehrlingswesen und Lehrlingsschutz" im Kongreßbureau, IX.. Türkenstraße 9. Gäste, auch Damen willkommen. Beginn */27 Uhr abends. Floridsdorf. Für die hiesige Kultusgemeinde wurde Herr I. Eibenschitz aus Also-Szely zum H. Kantor und Religionslehrer gewählt und hat derselbe bereits sein Amt angetreten. Budapest. Se. Majestät der König ernannte den außerordentlichen Profesior Dr. Bernhard Alexander zum ordentlichen Professor an der Budapester königlich-ungarischen Universität. Der neuernannte Profesior genießt als Gelehrter einen Weltruf und gereicht dessen Ernennung der ersten Hochschule des Landes zu hoher Ehre. Budapest. Am 8. d. M. veranstaltete, wie das „Neue Pester Journal" meldet, der Oberkantor Bela Guttmann aus Wien im Royalsaal unter Mitwirkung der Hofopernsängerin Frau Elise Elizza und des Cellovirtuosen Felix Popper ein Konzert, um seine reichen Fähigkeiten einmal auch im Rahmen weltlicher Kunstübung zur Geltung zu bringen. Herr Guttmann, der den Prolog aus „Bajazzo", die Ansprache Wolfram's, Lieder von Schubert, Schumann, Löwe und Agghüzy zum Vortrag brachte, überraschte durch seine vortrefflich geschulte Stimme, einen kraft- und glanzvollen Bariton von bedeutendem Umfang und einschmeichelndem Wohllaut, und wurde wiederholt mit großem Beifall ausgezeichnet. Budapest. Herr Jenö Gutmann verlobte sich mit Fräulein Helene Lichter, einer Schwägerin des Ofner Oberrabinners Dr. Arnold Kiß. Abbazia. Hier verlobte sich der Budapester Banguier, Herr Robert Straffer, mit Fräulein Edith v. Deutsch, Tochter des Generalrates der Oesterreichisch-ungarischen Bank Alexander Deutsch de Halom. Kistelek. Hier starb im patriarchalischen Alter von 104 Jahren Herr Moses Deutsch. Der nunmehr Verstorbene hat während seines ungewöhnlich langen Lebens auch Vieles erlebt. Er machte in der Sturm¬ und Drangzeit des denkwürdigen 1848er-Jahres die nationale Bewegung mit und hatte die Stelle eines Regimentstambours inne. Deutsch erblickte in Bücsmürton das Licht der Welt, kam als Knabe hieher, allwo er ununterbrochen durch 95 Jahre wohnte. 30 Jahre lang war er der Präsident der hiesigen Chewra Kadischa, aber auch bei der politischen Behörde bekleidete er eine hohe Ehrenstelle. Er hatte 13 Kinder. An seiner Bahre trauerten 5 Kinder, 15 Enkel und 18 Urenkel. Im Trauerzuge hatte sich die gesamte hiesige Bürgerschaft ohne Standesunterschied und ohne Unterschied des Bekenntnisses als Trauergäste eingereiht, um dem „alten Moses" das letzte Ehrengeleite zu geben. 8. Temesvür. Herr Jakob Friedmann, seit neun Jahren II. Kantor unserer Gemeinde, wurde in der anl 6. d. M. abgehaltenen Plenarversammlung unserer Gemeinderepräsentanz einstimmig zum Oberkantor unserer Gemeinde gewählt. Diesen besonderen Erfolg hat Herr Friedmann seinem nach jeder Richtung tadellosen Verhalten, seinem ambitiösen Streben, seiner vorzüglichen musikalischen Bildung und seiner schönen, geschulten Stimme zu verdanken. Königin ßsther. Eine Ghettogeschichte von Dr. Max Grünfeld. (Fortsetzung.) Awrom aber, der erkannte, daß sein Ansehen als Vater tief sinken müßte, wenn er auf die Worte seiner Tochter nichts erwiderte, sprach mit langsamem Bedacht: „Meine Tochter, was du jetzt gesagt hast, kommt nicht aus deinem Herzen. Du warst immer ein gehorsames Kind und wirst es auch weiterhin sein. So weit sind wir noch nicht, daß sich bei uns Juden die Kinder gegen den Willen der Eltern auflehnen. Was du von der Liebe gesagt hast, mag sehr schön in deinen Büchern zu lesen sein. Aber man gewöhnt sich an den Gatten auch ohne Liebe, wenn nur Gott ein gutes Einkommen gibt und Sorgen von der Ehe ferne hält. Ich meine selbst, daß es jetzt nicht an der Zeit ist, um über eine so wichtige Sache zu sprechen. Aber widerspenstig wird mein gutes Kind Rosl dem Befehle des Vaters nicht sein, das hoffe ich zuversichtlich. Kannst dies auch deiner Freundin Esther sagen!" Und siehe, bei diesen Worten öffnete sich die Türe, und Esther, von der soeben Awrom gesprochen, erschien auf der Schwelle, begleitet von Mordechai, der gar verwundert war, als er die Gesellschaft überschaute. Esther aber, die Kluge, hatte die Situation bald überschaut und so begann sie lächelnd: „Wie, Awrom, wir kommen doch wohl nicht hier zu einem Tnoim-Schreiben? Rosl, liebe Rosl, was gibt es denn hier, kann man Masol wünschen? Oh, Sie schlimmer Doktor, das haben Sie schlau angestellt, Sie wollen uns meine liebe Rosl wegschnappen, da habe ich aber auch etwas dreinzureden!" Unwillkürlich mußte Awrom über den Eifer Esthers lächeln. Sie weiß doch, dachte er, überall die heitere Seite herauszufinden. Ein kluges Weib, diese Königin Esther. Mordechai blickte wehmütig auf Rosl, der^die Tränen über die Wangen rannen. Mayer war ganz nüchtern geworden, und konnte seinen Groll nicht ganz verhehlen, während er wütend aus Esther schaute. Eduard aber konnte sich nicht enthalten, in gewohnter Weise durch einen Wortschwall seinen Gefühlen Ausdruck zu geben. „Fräulein Esther, soweit sind wir noch nicht, doch was nicht ist, kann werden. Fräulein Rose leidet heute an Kopfschmerz, was wir Mediziner Migräne nennen. Sie kann sich in diesem Zustande nicht entschließen, Ja zu sagen. Doch wenn das Fieber gewichen sein und sie klaren Sinnes die Situation überschauen wird, dann, ja dann hoffe ich, wird Sie das Glück nicht so ohnemeiters abweisen, das uns winkt. Ich aber will Sie jetzt, geehrte Gesellschaft, verlassen. Ich muß noch meine Bücher und Kleider vacken, denn morgen fahre ich wieder zur Universitätsstadt. Willis Gott, so sehen Sie mich bald als Doktor in den Mauern der Gasse. Mayer, Sie gehen doch mit mir, wir wollen noch ein Gebet verrichten, daß der Herr den Sinn meiner Angebeteten mir zuwende. Was vermag nicht Gottes Allmacht?" Spracht, und empfahl sich der ganzen Gesellschaft, während Mayer ihm nur ungerne folgte. Es gab da noch viel zu essen. So warf er denn Esther seinen wütendsten Blick zu und folgte seinem Freunde. „Lieber Chaim, oder wie Sie sich lieber nennen hören, Eduard, Sie haben Ihre Sache nicht ganz gut gemacht. Ich behaupte ernstlich, ich hätte dies in jungen Jahren besser ausgerichtet. Ihr jungen Leute von heute habt doch wenig Verstand. Ihr habt eben keinen Talmud gelernt. Sonst würdet Ihr es besser verstehen, wie man Mädchen gewinnt." Also sprach Mayer zu Eduard, dieser aber blickte mit überlegenem Lächeln auf den Bochur und schritt hocherhobenen Hauptes seinem Heime zu. (Fortsetzung folgt.) Kommerzielle Machrichten. Union-Bank. Die vierunddreißigste ordentliche General-Versammlung der Aktionäre der Union-Bank findet Mittwoch den 30. März 1904, um 11 Uhr vormittags, in den Bank-Lokalitäten, I., Renngasse 1, statt. Tages-Ordnung: 1. Bericht des Verwaltungsrates und Vorlage des Bilanz- Abschlusses pro 1903. 2. Bericht des Revisions-Ausschusses und Beschlußfassung hierüber. 3. Beschlußfassung über die Verwendung des Reingewinnes. 4. Wahlen in den Verwaltungsrat. 5. Wahl des Revisions-Ausschusses für das Jahr 1904. Die stimmberechtigten Herrn Aktionäre, welche an der General-Versammlung teilzuuehmen wünschen, wollen ihre Aktien in Gemäßheit des § 27 der Statuten spätestens am 22. März a. c. deponieren und zwar: in Wien bei der Liquidatur der Union-Bank, in Triest bei der Filiale der Union-Bank, in Berlin bei der Berliner Handels-Gesellschaft, in Frankfurt a. M. bei der Deutschen Effekten- und Wechsel-Bank.

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