Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1904
- Issue
- Heft 2 (8.1.1904)
- Date
- 1904-01-08
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Oesterr-ungar. Cantoren-Zeitung. Nr. 2. Leilage M Zeitschrift „Nie Wahrheit^. 24. Zahry Im Interesse der Erhaltung des Fachblattes Werden die geehrten Herrn Cantoren dringendst ersucht, das Abonnement umgehend zu erneuern und auch an den Begleich der Rückstände zu denken. Die Administration. Papst Pins X. und die Kirchenmusik. Von Oberkantor I. Singer, Wien. Eine überaus bedeutsame Kundgebung bezüglich der Rein- -erhaltung des Kirchengesanges macht jetzt die Runde durch sämtliche Tagesblätter, eine Kundgebung, die non dem Macht- Worte des Oberhauptes der katholischen Kirche begleitet, sicherlich vom segensreichsten Erfolge gekrönt sein muß. Ist schon die Tatsache an und für sich beherzigenswert, daß die Machthaber der Kirche ihr Augenmerk auf die Wiederbelebung des kirchlichen Gesangsstiles in seinen mannigfachsten Abstufungen, wie ambrosianische und gregorianische Tonarten, die Eliminierung der Frauenstimme und des banalen Opernstiles aus dem Kirchengesange re. einwirken, so erscheint dieselbe in unserem Zeitalter, da der Ausbau der weltlichen Musik durch das sieghaft glückliche Eingreifen Richard Wagners und seiner Nachahmer zu einer Machtvollkommenheit gelangte, die ihr das sichere Eindringen in alle Phasen musikalischer Betätigung von vornherein gewährleistet, umso bemerkens- und beherzigenswerter. Wir leben der festen Ueberzeugung, daß diese musikalische Andeutung Pius X. von Rom ans hineintönen wird in alle Kirchen der Welt und daß alsbald sämtliche Kirchen der Welt erfüllt sein werden von den Klängen der von den einstigen Päpsten Ambrosius und Gregor ausgestellten altehrwürdigen Tonarten und den später von Palestrino a ls m u st e r g i l t ig gepflegten Musikschöpsungen. Sonderbarer Weise dringt jjedoch dieser päpstliche Weckruf auch in die Räume der modernen Synagogen. Es erübrigt uns, lediglich in dieser Kundgebung statt des Wörtchens „Kirche" das Wörtchen „Synagoge" zu setzen, und der Wortlaut derselben muß auch von den Machthabern des jetzigen Synagogengesanges voll und ganz akzeptiert werden. Hier eine Probe. Die Blätter schrieben: „P i u s X. w i l l d a s, was «r schon a l s Erzbischof wollte: Ausschluß aller Frauen vom Sängerchore und Ersatz durch die geschlechtslose K n a b e n st i m m e re. Verständlich wird das bezügliche Verbot des P a p st e s, sowie überhaupt sein Feldzug gegen das banal-theatralische in der Kirche (Synagoge), da gewöhnliche Gassenhauer' bei den feierlichsten rituellen Funktionen nichts ungewöhnliches sind; Operngesänge gesellen sich zum heiligen Texte und die S o l ist e n (K a n t o r en) un ter h a l te n auch im Vortrag und Ausdruck mit d e m üblichen T h e a t e r f l i t t e r i h r P n b l i k n m." Paßt dies alles nicht wortgetreu auf das selbstgefällige und zielunbewußte Gebühren gewisser sogenannter jüdischer Kantoren der Gegenwart? Nehmen sich diese Herren die Mühe, nur einigermaßen mit der Charakteristik des Synagogengesangsstiles vertraut zu werden und dann innerhalb dieser gezogenen Grenzen zu singen und zu sagen? Ist den Herren überhaupt eine Charakteristik des Synagogengesanges bekannt? Doch die Synagoge besaß und besitzt eine von unseren Altvorderen praktisch betätigte und in neuester Zeit wissenschaftlich nachgewiesene, feingegliederte, synagogal gesangliche Charakteristik Hncht Melodien.) Als der Schreiber dieser Zeilen vor Veröffentlichung seiner „Tonarten des Synagogengesanges" dem nun verewigten Altmeister Sulzer das System dieser Darlegungen unterbreitete und ihn um seine Anschauung anging, so antwortete er: ..Nu, nu! ich muß sagen, daß das etwas ist; also wir „Kischonim" haben ja das unsrige geleistet, leistet Ihr „Acharonim" der Welt auch etwas; denn „Einer" kann ja nicht alles bieten. Und als der Schreiber dieser Zeilen' nach Veröffentlichung seiner „Synagogentonarten" den hier in Wien anwesenden Komponisten Rubinstein anssuchte, um ihm' die Synagogengesangstheorie vorzutragen und daraus hinzuweisen, daß des Meisters viel früher geschriebene Oper ..Die Makkabäer" ganz im Sinne und Geiste einer dieser Tonarten, der Jischtabach-Steigerskala gearbeitet sei, so hörte der große Meister mit tiefem Interesse zu und erwiderte wörtlich: „Herr Oberkantor, Ihre Aufstellungen sind überaus verdienstlich und ich freue mich, daß ich unbewußt das Richtige getroffen."*) Diese Erlebnisse werden keineswegs ans persönlicher Eitelkeit rekapituliert; denn da müßte ja noch eine stattliche Anzahl bedeutender Musiker und Musikkritiker, wie Hosrat Hanslik, Jadassohn, Lemandowsky, Nawratil, Kafka, Professor Breßlauer rc. rc. ausgezählt werden, die sich teils in namhaften Tagesblüttern, teils in öffentlichen Vortrügen bezüglich der Synagogen-Tonarten-Theorie sehr anerkennend äußerten. Nicht unerwähnt darf hier die Tatsache bleiben, daß dazumal auch eine nicht zu unterschätzende Gegnerschaft, wie der verewigte Friedmann (Budapest) und Goldstein (Wien), scheinbar gegen die aufgestellten Skalen austrat, indem sie dieselben als nicht zureichend deklarierten. (In Rußland wurde sogar ohne Berücksichtigung und Angabe der Quelle eine Steigertheorie als selbstersundene Tatsache hingestellt.) Diese Gegnerschaft verpflichtete zu wahrem Danke, indem gerade durch die Aufstellung neuer Skalen, welch letztere keineswegs die Grundlage des neuen Prinzipes bilden, das Vorhandensein einer synagogal gesanglichen Skalentheorie überhaupt geradezu sanktioniert erscheint. Wir sehen also, daß Freund und Feind sich für die neu ausgestellte Synagogengesangs-Theorie lebhaft interessierten, und daß gewissermaßen der meritorische Nachweis, daß die Klänge unseres altehrwürdigen Chasonus nicht ein Spiel des Zufalls sondern das Produkt eines strenggefügten Musikprinzipes seien, erbracht und anerkannt wurde. Wo ist nun des Rätsels Lösung zu suchen, daß unsere jüdischen Kantorats-Jünger, anstatt sich mit der musikalischen Wesenheit des Synagogengesanges vertraut zu machen, ihr Augenmerk mit mehr Vorliebe den Aeußerlichkeiten und den Tönen des Operettengesanges zuwenden? *) Aus den gemachten Einwurf, daß in der großen Arie der Leah „Singet rc.", die doch ganz eklatant auf der Skala 6, t', gis. a, h, c, d, e, bei der absteigenden Melodie anstatt c, cis vorgeschrieben sei, antwortete der Meister sehr nachdenklich: „Herr, so hörte ich die Melodie und so verzeichnete ich dieselbe auch: die gedruckte Partitur ist leider nicht mehr zu korrigieren; allein dort, wo mir eine persönliche Einwirkung möglich sein wird, muß von jetzt ab das wirklich wild klingende 6is eliminiert werden. |)umilationen des öfterr.-img. Suntorai-Dereines. Die P. T. Mitglieder werden dringendst ersucht, die rückständigen Beiträge sowie den lausenden Jahresbeittag an den Vereinskassier, Herrn Obercantor M. S ch o r r, Wien, II., Ob. Donaustraße 47. einzusenden. Zur Aufklärung diene, daß die Ausnahmsgebühr X 4 und der Jahresbeitrag X 8 beträgt. Der V o r st a n d.